Twitter

Plötzlich wollen alle zwitschern

| Lesedauer: 6 Minuten
Frank Schmiechen

Demi Moore und Ashton Kutcher tun es, Britney Spears auch und Barack Obama sowieso - alle twittern. Die Kommunikationsplattform Twitter entwickelt sich rasend schnell. Dort können Texte mit maximal 140 Zeichen eingetragen werden. Doch diese Begrenzung macht gerade den Reiz aus.

Bis vor ein paar Tagen war Twitter noch etwas für die Internet-Boheme und Spezialisten. Doch jetzt sieht es so aus, dass der Dienst rasend schnell zu einem Massenphänomen wird. In der vergangenen Woche gingen Fotos der Schauspielerin Demi Moore und ihres Freundes Ashton Kutcher um die Welt; ein Glamour-Paar, das seinen Besuch bei der Berlinale per iPhone festhält und alles sofort ins Netz twittert: kleine Filme, Kommentare und Fotos. Die Berlinale aus den Augen von zwei Stars. Hautnah.

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Kommunikationszentrale iPhone

Kutchers Kommunikationszentrale ist sein iPhone. Er filmte das Brandenburger Tor, fotografierte sich auf der Reise und verteilte die Ergebnisse mit Twitter. Jeder konnte miterleben, wie er auf einem US-Flughafen durchsucht wurde. Kutcher hat verstanden, worum es geht. Seine Twitter-Einträge sind kurz – der Dienst erlaubt höchstens 140 Zeichen – und unterhaltsam.

Versteht sich, dass bei solchen Möglichkeiten auch Politiker nicht fehlen wollen. Thorsten Schäfer-Gümbel von der hessischen SPD hat das Medium benutzt, um sich als Kandidat für den Ministerpräsidentenposten zu promoten. Und um vom Flirt seiner Partei mit den Linken abzulenken. Mit persönlichen Einträgen hat er die Menschen sehr dicht an sich herangelassen und als einer der ersten deutschen Parlamentarier erkannt, dass hier ein mächtiges Marketinginstrument zur Verfügung steht, das nichts kostet und einen unglaublichen Vervielfältigungseffekt erzielen kann. Inzwischen nutzt jeder zehnte deutsche Politiker Twitter. Ob sie sich das vom neuen US-Präsidenten abgeschaut haben? Barack Obama war selbstverständlich bereits im Wahlkampf dabei.

Denn vermutlich steht das ganze Nachrichtengeschäft vor einer Revolution: Am 15.Januar landete Chesley Sullenberger seinen Airbus A320 auf dem Hudson River vor Manhattan. Bevor die professionellen Fotografen auch nur klick machen konnten, hatte bereits ein Passagier einer Fähre sein Handy gezückt, ein Foto gemacht und es per Twitter ins Netz gestellt. Das Dokument war in Sekunden überall verfügbar. Der Mann heißt Janis Krums und ist jetzt ein Weltstar. Krums iPhone klingelt pausenlos. TV-Stationen, Radiosender, Agenturen und Zeitungen – alle wollen plötzlich etwas von ihm. Seine Einträge während der Bruchlandung vermitteln einen viel direkteren Eindruck vom Ereignis als viele Berichte der klassischen Medien, deren Vertreter viel später am Unglücksort eintrafen. Zunächst noch ganz profan: „Fahre nach New York hinein, während Schnee fällt und alles verlangsamt.“ Drei Stunden später: „Verlasse die Stadt. Versuche, den Verkehr zu schlagen. Wünscht mir Glück!“ Einige Minuten später: „Da ist ein Flugzeug im Hudson River. Bin auf der Fähre, die versucht, die Leute aufzusammeln. Verrückt.“

Bei dieser über Twitter versendeten Nachricht waren Agenturen und Fernsehsender ganz offensichtlich nur noch zweiter Sieger. Journalisten in aller Welt nahmen die Einträge im Internet zum Anlass, ihre Websites, Zeitungen und Magazine neu zu planen. Sie schmissen ihre Titelseiten um, Fernsehredakteure schrieben ihre Nachrichten neu. Allerdings sind sich alle seriösen Journalisten einig, dass persönliche Nachrichten auf Twitter als alleinige Quelle nicht belastbar genug sind. Ein Eintrag kann nur Anlass zu weiteren Recherchen sein.

In Hamburg und London haben die ersten Konferenzen zum Thema Twitter stattgefunden. Deren Teilnehmer vertraten die Meinung: Die Anwendung ist einfach genug für jedermann, macht Spaß – und deswegen wird sie sich im Massenmarkt durchsetzen. Dazu trägt auch der Durchbruch des mobilen Internets bei. Per Handy macht Twitter noch viel mehr Spaß als am Computer. Es öffnet sich ein Fenster, in das die Nachricht von höchstens 140 Zeichen Länge geschrieben werden kann. Der Absender kann entscheiden, ob er die Updates allen zur Verfügung stellen oder den Zugang auf seine Freunde beschränken will.

Jeder kann Absender und Empfänger sein

Wer relevante „Tweets“ absetzt, kann damit rechnen, dass viele Menschen seine Nachrichten abonnieren. Jeder kann also zugleich Absender und Empfänger sein. Nur wie die Firma Twitter mit dem ganzen Gezwitscher – nichts anderes bedeutet Twitter auf Deutsch, und nicht umsonst ist ein Piepmatz das Markenzeichen – Geld verdienen kann, ist nicht ganz klar. Der Dienst existiert erst seit 2006 und hat nur 22 Mitarbeiter. Fest steht: Firmen wie Cisco, JetBlue Airways und Sun Microsystems verwenden Twitter, um ihren Kunden Informationen bereitzustellen.

In den USA gibt es Anwender mit mehr als 30.000 Abonnenten. In Deutschland liegt die gesamte Zahl der Anwender bei etwa 35.000. Der erfolgreichste Twitterianer hat etwa 5000 Abonnenten, die im Jargon „Follower“ heißen. Das erfolgreichste Medienangebot auf Twitter war bei der letzten Zählung „Spiegel Online“ mit spröden Agenturmeldungen. Auf dem zweiten Platz liegt das Angebot der Tageszeitung „Welt kompakt“ (erscheint im Verlag Axel Springer) mit etwa 3000 Followern. Auch die Berliner Morgenpost ist seit diesem Monat dabei. Die Anwender können dabei in direkten Kontakt mit der Redaktion treten, Schlagzeilenvorschläge machen oder diskutieren.

Probieren Sie Twitter also einfach mal aus. Dann erkennen Sie, ob es ein wirksames Instrument für die eigenen Interessen ist. Egal, ob Marketing, Kommunikation oder einfach nur Quatsch mit Freunden. Denn es gilt nur eine Regel: Wer langweilt, verschwindet von der Oberfläche. Das gilt für Privatpersonen wie für Medien.

Twittern Sie schon? Dann folgen Sie doch Morgenpost Online bei Twitter!

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