"Ehrenmord"

Auch im Gefängnis noch stolz auf Mord an Tochter

Eine Frau wird vergewaltigt, wird schwanger und bekommt ein Kind. Dann muss sie zurück zur Familie und der Bruder erschießt sie. Die "Schande" einer "entehrten" Frau war zu groß. Jetzt wurde die ganze Familie wegen "Ehrenmordes" zu lebenslanger Haft verurteilt. Ungewöhnlich für die Türkei.

Es ist, wie so oft, die Chronik eines angekündigten Todes. Naile Erdas' Leidensweg begann, als sie schwanger wurde. Vergewaltigt wurde sie, sagte sie später, und das mag sein. Denn Vergewaltiger haben es einfach in der muslimisch-kurdischen Stammesgesellschaft im Südosten der Türkei. Wer über eine Frau herfällt, muss sich nicht sonderlich sorgen, dass er bestraft werden könnte. Denn dafür müsste ja jemand zur Polizei gehen. Bestimmt nicht das Opfer, und bestimmt niemand, der dem Opfer helfen möchte – denn wenn bekannt wird, dass sie entehrt wurde, dann gebietet der Ehrenkodex, dass der Familienrat zusammentritt.

Da wird dann weniger darüber beraten, ob das Mädchen sterben soll – natürlich muss es sterben. Sondern der Mörder wird bestimmt, und auch, wie die Schwester ermordet werden soll. Denn meistens fällt das grausame Los auf einen ihrer Brüder. Selten entzieht sich ein solcher Junge der furchtbaren “Pflicht”.


Naile wurde schwanger. Das liess sich auf Dauer nicht verbergen. Mit “Kopfschmerzen”, real oder vorgetäuscht, liess sie sich ins Krankenhaus einliefern, und dort kam alles heraus. Sofort versuchte die Familie, das Mädchen nach Hause zu nehmen. Dass sie vergewaltigt worden war, das glaubten sie nicht, denn Naile nannte den Namen des Schuldigen nicht. Hätte sie ihn genannt, so wäre sie vielleicht am Leben geblieben. Die Familie hätte den Mann umgebracht, dann wäre eine Blutfehde entstanden mit dessen Familie, und man hätte sich gegenseitig weiter umgebracht.


Das wollte Naile nicht. Schon gar nicht, wenn der “Schuldige” in Wirklichkeit der Nachbarssohn war, der seither flüchtig ist. Sie waren eng befreundet, die Familie denkt, es war verbotene Liebe. Warum nur, klagten sie, bat der Junge nicht um Nailes Hand, statt sie zu entehren?

Ungewöhnliche Reaktion

Die Ärtzte wussten schon, was kommt. Sie taten, was sie konnten, behielten das Mädchen da und benachrichtigten Staatsanwaltschaft und Polizei, denn es war vielleicht ein Verbrechen geschehen, und ein schlimmeres Verbrechen war abzusehen.

Der Staatsanwalt sah keine unmittelbare Gefahr. Er wußte, dass dem Mädchen nichts passieren würde – nicht vor der Entbindung. Man läßt Kinder zur Welt kommen in dieser Gesellschaft, denn das Kind ist unschuldig. Erst danach bringt man die Mutter um.

Daher rief der Staatsanwalt nach der Entbindung Nailes Vater zu sich, unterhielt sich von Mann zu Mann, rang ihm das heilige Versprechen ab, dass niemand in der Familie Maile etwas antun würde. Der Vater gelobte es. Der Staatsanwalt ordnete Nailes Entlassung und Rückkehr in die Familie an. Stunden später war sie tot. Ihr Bruder Kemal hatte sie erschossen.

So weit die leider ganz gewöhnliche Geschichte. Ungewöhnlich für türkische Verhältnisse war die Reaktion der Justiz: Es wurde Recht gesprochen. Die ganze Familie kam hinter Gitter. Lebenslänglich für den Bruder. Lebenslänglich für den Vater, für die Mutter, für zwei Onkel. Lebenslänglich für alle Mitglieder des Familienrats. Kemal hätte nicht geschossen, wenn diese vier Erwachsenen es ihm nicht befohlen hätten. 16 Jahre und acht Monate für einen weiteren Onkel, der die Tat nicht meldete.

Der Prozess

Vielleicht wäre es nicht zu einem Prozess gekommen, wenn eine von Nailes Tanten ihr Leid besser ertragen hätte. Aber sie konnte das schreckliche Wissen nicht in sich begraben, sie ging zum Frauenverein “Kadinlar Dernegi “, und so begannen die Mühlen der Gerechtigkeit zu mahlen.

Vor fünf Jahren noch wäre die Familie vielleicht davongekommen. Aber seit den EU-Beitrittsverhandlungen wurden neue Gesetze geschaffen, andere geändert, insgesamzt 30 Gesetzesänderungen, alles zum Schutz der Frauen. Umgesetzt wurde bislang wenig davon – bis jetzt. Das Utreil von Van ist eine Revolution, eine Kriegserklärung an einen bis dahin mehr oder minder geduldeten Brauch.

Frauenrechtlerinnen erklären sich begeistert von dem Urteil. Ob es aber hilft, die Mentalitäten zu ändern? Verurteilte Ehrenmörder, das wissen Sozialforscher, die sie im Gefängnis befragen, zeigen selten Reue. Eher Stolz, ihre Pflicht getan zu haben.

“Vier Monate nach dem Mord, als die Familienangehörigen schon inhaftiert waren, gaben wir als Frauenverein eine Informationsstunde im Gefängnis”, erzählt Zelal Özgökce, die stellvertretende Leiterin des Vereins. Sie wollten aufklären, über Frauenrechte, Familienrecht, und darüber, dass Ehrenmord eine ganz furchtbar unehrenhafte Sache sei. “Alle Mitglieder der Familie Erdas weigerten sich, an dieser Inforunde teilzunehmen. Sie sagten, dass sie mit dem Mord etwas Gutes getan hatten. Niemand von ihnen zeigte Reue.“

Das war freilich, bevor sie das Urteil vernahmen.

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