Reality-TV

Warum Sie nie ins Fernsehn kommen sollten

Peinlich, peinlich: Wenn unvermittelt ein Kamerateam Passanten vors Mikrofon zieht, und man als Zuschauer in deren klaffende Bildungslücke fällt. Doch das Gestammel vor der Kamera muss kein Zeichen von Dummheit sein. Unser Autor hat erlebt, wie einen das Hirn vor der Fernsehkamera einfriert und wie das im Bekanntenkreis ankommt.

Foto: dpa / Morgenpost Online / dpa

Mein Selbstbild war zerstört, nach diesem unfreiwilligen Auftritt im Lokalfernsehen. Das Kamerateam überfiel mich auf einem Posten, den ich nicht verlassen kannte. Ich war Schülerlotse und antwortete stammelnd auf Fragen, die ich kaum verstand. Nach solchen Aufnahmen sitzt man dann vor dem Fernseher und denkt: Bin ich wirklich dieser große, dickliche Versager, der sich mit Schweiß auf der Stirn durch seine Sätze stottert? Bis zu diesem Tag hatte ich einen guten Stand. Bei den meisten Geburtstagfeiern war ich eingeladen, ich hatte Freunde. Als Trottel mit der Schülerlotsenkelle in der Hand war ich in der Hackordnung ganz unten angekommen. Niemand würde mich mehr in seine Fußballmannschaft wählen. Fernsehen ist manchmal härter als das echte Leben.

Vorsicht, Kamera!

Aber lag mein schlechter Eindruck an mir oder an der Kamera? Warum sieht man im Fernsehen anders aus, scheint gleich

fünf Kilo mehr auf den Rippen zu haben? „Die Menschen erscheinen im Fernsehen dicker, weil oft die modernen Breitbildgeräte falsch eingestellt sind und 4:3 Sendungen auf 16:9 gestaucht werden“, erklärt Michael Westhofen, Director of Photography bei der Produktionsfirma Grundy UFA. Und warum sieht man erst bei der Filmpremiere auf dem roten Teppich, wie klein Tom Cruise wirklich ist? „Weil im Fernsehen der direkte Maßstab fehlt: Unsere Augenhöhe. Kameras stehen selten auf Augenhöhe sondern etwas tiefer.“


Das erklärt aber nicht mein ganzes Desaster. Schließlich wirken Prominente vor der Kamera nie wie Nilpferde beim Kopfrechnen. Was macht den Unterschied zwischen Anfängern und Profis aus? „Amateure lassen ihren Blick schweifen und fixieren nicht die Kamera oder den Moderator und haben so keine Präsenz“, sagt Westhofen. Das bekomme man in Moderatoren-Trainings beigebracht. „Dazu kommen die ganzen ‚Äähs’ und ‚Ööhs’, die in den Satz eingebaut werden.“ Die sind auch als Verlegenheitslaute bekannt. Genau diesen Eindruck will man als Neuling vor der Kamera natürlich vermeiden. Bloß, je mehr man sich anstrengt, umso unlockerer wird man. Edmund Stoiber kennt das Phänomen bestimmt auch.

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