Ein Platz unter Bäumen - für die Ewigkeit

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Uta Keseling

Immer mehr Menschen wünschen sich, ihre letzte Ruhe in der Natur zu finden. 80 Kilometer östlich von Berlin kann man sich unter Bäumen bestatten lassen. Ein Platz unter einem Prachtbaum kostet 1200 Euro. Ein Besuch im Friedwald.

Vielleicht bin ich später ja ein Blatt, das da oben am Baum flattert“, sagt die Frau, und guckt durch die randlose Brille in die hohen Baumkronen. Ihr braun gebrannter Mann schaut sie belustigt an, als wolle er sagen: pass auf, dass du nicht fällst. Ein paar gelbe Blätter rieseln von den majestätischen Eichen. „Ja, ich will eben nicht frieren und nicht alleine sein, wenn ich mal nicht mehr bin“, fährt die Frau fort. Frieren? Ja, mag sein, dass es in einem Friedwald wärmer ist als an anderen Orten, wo Tote begraben sind.

Seit fünf Jahren ist es in Deutschland möglich, sich in einem Wald bestatten zu lassen. 3000 Menschen sind seither auf diese Weise zur letzten Ruhe gebracht worden, allein 35 Menschen seit vergangenem Juni im Friedwald Fürstenwalde, dem ersten seiner Art in Brandenburg. Von den Toten zeugen nur eine Art Klingelschildchen an Bäumen, geprägte Namen Weiß auf Schwarz, dazu, ebenso klein, manchmal ein schlichter Spruch. Im Friedwald gibt es keine Grabsteine, Kreuze, Ornamente.

Keine Plastikblumen, Glimmerkerzen, Teddybären. „Friedwälder“ sind zu Friedhöfen umgewidmete Wälder, meist Stadtforste. Sie sollen eine Alternative zur anonymen Bestattung bieten und zu den herkömmlichen Gräbern, deren Pflege, Kosten und Atmosphäre vielen heute nicht mehr passt. 15 gibt es inzwischen in Deutschland, gegründet durch die hessische Friedwald GmbH. Inzwischen bieten auch Gemeinden ähnliche Bestattungsformen an – die Nachfrage steigt.

Der Dame, die sich posthum als Blatt sieht, gefällt das Ökologische: Die Toten-Asche wird in abbaubaren Urnen beigesetzt. Der Friedwald selbst ist nicht eingezäunt, jeder kann ihn betreten. Wer jedoch mehr wissen will, muss sich anmelden. „Allzu groß soll die Gruppe nicht sein“, sagt Stadtförster Thomas Weber, der alle 14 Tage eine Waldführung macht. Man möchte schließlich nicht im Schrei-Ton über Sterben, Tod und Beisetzung sprechen. Schon gar nicht über die eigene.

Die Zeremonie einer Waldbeerdigung

Doch genau darum geht es. Das Grüppchen besteht aus Ehepaaren jenseits der 60, einige gebrechlich, andere munter wie das urlaubsgebräunte Paar. Manche scharren vorsichtig in den Blättern. Liegt da vielleicht¿? Sie verpacken das Ungemütliche in lockere Witzchen. „Wie geht denn so eine Wald-Beerdigung? Opa rein, Blätter drauf, fertig?“, fragt eine Dame. Die anderen kichern. „Jo, so können Sie das machen“, kalauert der Förster zurück. Dann erzählt er. Es gibt keine vorgeschriebene Zeremonie. Die erste Beisetzung war katholisch: Pfarrer, Talar, Weihrauch. In anderen Fällen hielten Angehörige Reden. „Und einmal stand ich mit der Urne ganz allein da“, sagt Weber. Die Besucher gucken etwas fassungslos. „Dann kam doch noch einer“, fährt der Förster fort, „er sagte: ‚Ich bin der Wirt!’“ Der Tote hatte sein ganzes Leben an dessen Tresen verbracht – bis zum Ende. „Das Baumgrab hat seine Nichte per Fax geordert. Sie kam nicht zur Beerdigung.“

Die Besucher lächeln wissend. Bei ihnen wird das ja anders sein. Sie suchen ein „Plätzchen“ für sich und die Kinder. Eine Dame erzählt, ihre Kinder seien von der Idee begeistert. „Meine Tochter ist dagegen“, sagt eine andere, „sie will lieber was um die Ecke, wo sie eben mal mit uns reden kann“. Es klingt, als ginge es um eine seniorengerechte Wohnung.

Der Wald wird zur Kirche

Auch Förster spricht zwischendurch wie ein Makler. Es geht um Ratenzahlung, wenn man sich den Platz am Baum rechtzeitig sichert, einmalige Gebühren, um die Sicherheit für 99 Jahre. Der Friedwald Fürstenwalde, 45 Hektar groß, liegt im 4500 Hektar Stadtforst, er hat Regionalbahnanschluss, zahlreiche Wanderwege, einen See, eine Gaststätte am Bahnhof. Im Frühling blühen Maiglöckchen, im Herbst gibt es Pilze. Nie habe er so viele Menschen in seinen Wald führen dürfen wie seit Juni, schwärmt Weber begeistert, und der Makler-Förster klingt plötzlich pastoral. Der Wald ist seine Kirche, sozusagen. Und alle kommen.

Die Besucher befühlen und betasten neugierig Stämme mit gelben und blauen Bändern – diese Bäume sind noch zu haben. Gemeinschaftsbäume (gelb), Familienbäume (blau) und Prachtbäume (orange). Dann steht die Gruppe vor einem grünen Gefäß auf Tannenreisig. „Nur ein Beispielgrab“, beruhigt Herr Weber, und lässt die Urne ein paar Mal verschwinden und wieder auftauchen.

Dann beginnen die Fragen. Wie tief? „70 Zentimeter.“ Was darf rein? „Nur die Urne aus Zellulose, deren Weißblechdeckel Namen und Lebensdaten trägt.“ Grabschmuck? „Nein.“ Nicht mal ein Röschen? „Nur, wenn es mit ins Grab passt und verrottbar ist. Die Grabpflege übernimmt die Natur.“ Die Förster versenken bei der Beisetzung auf Wunsch die Urne, was aber auch andere tun dürfen, und ebnen das Grab hinterher wieder ein. „Danach ist es vom Waldboden nicht zu unterscheiden“, sagt Weber. Er und seine beiden Kollegen wurden für ihre neue Aufgabe, die Beisetzungen, speziell geschult.

„Und wenn man dann später den genauen Ort finden will?“, fragt eine Frau, die dabei irgendwie sorgenvoll ihren Mann anschaut. „Sie erhalten die geodätischen Daten“, antwortet der Förster, „Ihre Verwandten können Sie also später per GPS orten“. Die Männer nicken, das finden sie interessant. Rein technisch gesehen.

Die Bäume der Kinder

Dann passiert die Gruppe noch einen Baum mit zwei Bändern. Er ist nicht besonders kräftig, seine Zweige verlieren sich im Grau-Rosé des Novemberhimmels. „Wir nennen ihn den Sternschnuppenbaum“, sagt Weber, „er ist reserviert für Kinder bis drei Jahren. Eines haben wir schon beigesetzt.“ Pause. „Ach Gottchen“, flüstert eine der älteren Damen und rückt bisschen näher an ihren Gatten. Plötzlich ist es doch kühl geworden im Wald der Toten. Die Sonne ist untergegangen.