Interview

George Clooney und die regierenden Knalltüten

Obwohl der neue Film „Ein verlockendes Spiel" eher als leichte Komödie daherkommt, hat George Clooney die Lust an schweren Themen nicht verloren. Auch deshalb engagiert er sich privat in den Krisenregionen dieser Welt wie im Kongo – manchmal sogar unter dem Einsatz seines Lebens.

Foto: Universal

Feueralarm im Hotel Four Seasons in Beverly Hills. Fast wäre George Clooney diesem Interview entkommen. Eine halbe Stunde vor Gesprächsbeginn dröhnt der Feueralarm durchs Four Seasons Hotel in Beverly Hills. Doch Sekunden später gibt es Entwarnung. Zum Glück für den 47jährigen. Denn sein neues Regieprojekt, die Sportkomödie „Ein verlockendes Spiel“, hat viel Werbung nötig.

Morgenpost Online: Herr Clooney, nach eine Reihe systemkritischer Filme haben Sie jetzt eine Football-Komödie gedreht. Ist Ihnen die Lust an der Politik verloren gegangen?


George Clooney : Nein, aber ich hatte einfach keine Lust als „Regisseur der großen Themen“ zu gelten. Nach „Goodnight, and Good Luck' bot man mir nur diese ernsten Polit-Stoffe an – Richard Clarkes „Against All Enemies“ oder die Valerie Plame-Geschichte. Aber als Schauspieler will ich mich nicht auf ein Metier festlegen lassen, und auch nicht als Regisseur. Deshalb hatte ich eben Lust auf etwas Leichteres. Und so habe ich das mehrere Jahre alte Projekt „Ein verlockendes Spiel“ entstaubt.


WELT ONLINE: Sind Sie wenigstens zufrieden, dass Sie mit Ihrer Arbeit einen Meinungswandel in den USA mit angestoßen haben?


Clooney: Die Medaille würde ich mir nie anstecken wollen. Ich bin bloß froh, dass ich nicht mehr für die Minderheit spreche. Heute ist es schwer vorstellbar, dass vor fünf, sechs Jahren die Leute vor George W. Bush und Donald Rumsfeld regelrecht Angst hatten. Jetzt wirken die einfach wie Knalltüten. Ich würde mich auch nie erdreisten, mich aktiv in den Wahlkampf einzumischen, obwohl Barack Obama mein Freund ist.


Morgenpost Online: Sie engagieren sich auch für die Menschenrechte in Krisengebieten wie Darfur. Was können Sie da eigentlich ausrichten?


Clooney: Im Grunde nichts. Politik kannst du nicht verändern. Ich habe keine Macht. Natürlich kann ich Medikamente in einen Flieger packen und sie dorthin bringen. Mit Kollegen wie Brad Pitt habe ich Helikopter im Wert von einer Million für das Ernährungsprogramm der Vereinten Nationen gesponsert, was allerdings nicht sehr sexy klingt. Das einzige, was ich wirklich tun kann, ist an die Orte zu gehen, auf die keine Kameras gerichtet sind. So schaffe ich zumindest Aufmerksamkeit.

Morgenpost Online: Eines Ihrer letzten Ziele war die sudanesische Haupstadt Khartum. Angeblich war Ihnen da ein bisschen mulmig zumute.

Clooney: Was aber auch verständlich war. Dieses Land ist eine Brutstätte für Al-Quaida, und ich habe mich immer sehr offen über die sudanesische Regierung geäußert. Da gibt es sicher gemütlichere Orte auf Erden.

Morgenpost Online: Für jemand wie Sie dürfte es doch nicht wirklich gefährlich werden.

Clooney: Da irren Sie sich. Ich habe schon einige haarige Situationen erlebt. Am gefährlichsten war es im Tschad. Mit den UN-Kollegen war ich in der Hauptstadt N'Djamena – drei Tage bevor die Rebellen einmarschierten und haufenweise Leute umbrachten. Schon während unseres Besuchs war die Stimmung extrem angespannt. Auch im Kongo wurde es ein wenig knifflig. Zu dem Zeitpunkt, als der Friedensvertrag unterzeichnet wurde, waren wir in den nördlichen Region von Goma. Dummerweise hatte man da den Leuten nicht gesagt, dass der Krieg schon vorbei war.

Morgenpost Online: Was heißt für Sie „knifflig“?

Clooney: Man trifft eben auf Warlords, die einem das Leben ganz schön schwer machen, so sie wollen. Oder wenn die sudanesischen Janjaweed-Milizen an einem vorbeidüsen, dann weiß man, dass sie einem jederzeit übel mitspielen können. Am schlimmsten sind die Kontrollpunkte im Nirgendwo, wo einem Zehn- bis Zwölfjährige ihre Kalaschnikows unter die Nase halten. Dann durchsuchen sie das Auto und nehmen sich das, was sie wollen. Die betrachten einen nicht als politischen Gegner, aber es sind eben Kinder mit Kanonen, darin liegt die Gefahr. Das Leben ist an solchen Orten nicht viel wert.


Morgenpost Online: Erkennen die den Hollywoodstar nicht?


Clooney: Leider nein. Die haben dort nur ganz schlechte Fernsehprogramme.

Morgenpost Online: Denken Sie manchmal in solchen Situationen: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“?

Clooney: Es gibt schon Momente, wo ich mir sage: Ich habe doch ein schönes Haus in Italien. Was mache ich hier? Was habe ich mir nur gedacht? Aber man will eben am menschlichen Leben in seiner Ganzheit teilhaben. Man kann sich eben nicht nur die Rosinen herauspicken. Und deshalb gehe ich auch an die übelsten Orte, die ich jemals erlebt habe.

Morgenpost Online: Gibt es Momente, wo Ihnen diese Erfahrungen zuviel werden?

Clooney: Zuviel nicht. Aber manchmal bin ich absolut fassungslos. Im Kongo besuchte ich einige improvisierte Krankenhäuser. Unter den Patienten waren Frauen, die man am Tag zuvor brutal vergewaltigt und dann in Brand gesteckt hatte. Und außerdem hatte man ihnen die Lippen abgeschnitten, damit sie nicht sprechen konnten. Ich verstehe, dass die Menschen einander aus einer Milliarde von Gründen hassen. Aber das ist mehr als Hass, das ist pure sadistische Grausamkeit. Das zu begreifen, ist schon sehr, sehr kompliziert.

Morgenpost Online: Früher haben Sie sich nicht solchen Erfahrungen ausgesetzt.

Clooney: Wenn man älter wird, dann ändern sich die Prioritäten. Da interessiert man sich viel stärker für die Befindlichkeiten der ganzen Welt. Gerade weil ich mich in meiner Karriere viel sicherer fühle, habe ich nicht mehr das Bedürfnis, ständig arbeiten zu müssen, sondern will mich auf andere Themen konzentrieren.

Morgenpost Online: Das klingt beinah so, als würden Sie Ihren Beruf nicht ganz ernst nehmen.

Clooney: Na ja, genau genommen bedeutet die Schauspielerei, dass du nicht erwachsen werden willst. Man hält sich nicht an die Regeln der Gesellschaft, sondern möchte bloß Spaß haben. Regie zu führen bedeutet mehr Verantwortung, ist aber immer noch das gleiche Vergnügen. Wir würden das auch umsonst machen – ich zumindest habe das schon getan. Aber ich habe das große Glück, dass ich jetzt damit meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Deshalb klage ich auch nicht wie manche Kollegen, wie schwer mein Beruf ist. Klar rackert man sich ab und hat 13-14-Stunden-Tage. Aber ich habe schon mal Tabak geschnitten, weil ich Geld brauchte – das war echte Arbeit! Wenn ich also Filme mache, dann soll das so wirken, als wäre das das Leichteste auf der Welt.

Morgenpost Online: Sie sagten auch, dass Sie Ihren Status nur dem Glück verdanken.


Clooney: Das ist ja so. Als wir mit „Emergency Room“ anfingen, hieß es, dass die Serie freitags um 10 Uhr abends ausgestrahlt wird. Ich dachte mir: Okay, das wird nicht einfach. Vielleicht können wir ein paar gute Quoten ergattern und uns so ein paar Jahre durchwursteln. Aber dann wurde das Ganze auf den Donnerstagabend gelegt. Und beim Sender NBC war das wie ein gemachtes Bett. Um die Zeit liefen immer nur die Hit-Shows. Als die Entscheidung feststand, sagte ich zu meinen Freunden: Jetzt habe ich eine siebenjährige Fernsehkarriere vor mir. Ich wusste, ich hatte es geschafft, ohne selbst etwas dafür zu tun.


Morgenpost Online: Gibt es wirklich nichts, was Ihnen das Leben schwer macht? Nicht mal die berüchtigten Paparazzi?


Clooney: Ich denke ein wenig anders als meine Kollegen, denn ich bin Sohn eines Fernsehjournalisten. Alles, was die Freiheit der Presse einschränkt, bereitet mir Sorgen. Auch wenn es mein Leben leichter machen würde. Das Problem mit den Paparazzi ließe sich ganz einfach lösen: Sorgt dafür, dass die Leute die Verkehrsregeln einhalten. Wenn jemand einen zum Anhalten zwingt, damit er ein Foto schießen kann, dann sollte man ihn einfach ins Gefängnis stecken. Das würde viele Probleme lösen.

Morgenpost Online: Wann würden selbst die Verkehrsregeln brechen?

Clooney: Für meine Freunde. Ich muss immer an Al Cowlings denken – der das Auto von O.J. Simpson fuhr, als der vor der Polizei floh. Wenn mein Freund zu mir kommt und sagt: Bring mich hier raus!, dann würde ich es tun. Und wenn ich dafür in Schwierigkeiten komme, dann komme ich eben dafür in Schwierigkeiten. Mein Leben ist trotzdem leicht genug.

„Ein verlockendes Spiel“ ist bereits angelaufen