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ProSieben präsentiert Geschichte als Seifenoper

In der preisgekrönten TV-Serie "Die Tudors" präsentiert sich Geschichte als Seifenoper. Die Handlung dreht sich um den englischen König Heinrich VIII. und wartet mit historischem Pomp, opulenten Kulissen und viel nackter Haut auf. Nun ist die spannende Serie auch bald in Deutschland zu sehen.

Foto: Pro Sieben

Wir können uns das gut ausmalen, wie sich Queen Elizabeth II., nach einer terminreichen Woche, am Freitagabend, neun Uhr, in ihr Blümchensofa vor die Glotze setzt und BBC.2 einschaltet. Um „Die Tudors“ zu schauen. Was hat sie doch für eine Last mit ihren Kindern, all deren Scheidungen und Camillagates. 1992 hatte sie gar als „annus horribilis“, als Schreckensjahr bezeichnet. Da ist es doch eine Wohltat, wenn man im Fernsehen – mit dem eigenen Volk! – verfolgen kann, dass es bei früheren Regenten auch nicht besser war, ja dass am Hofe Heinrichs VIII. eigentlich jedes Jahr ein horribles war.


Dabei sind „Die Tudors“ keineswegs eine rein britische Produktion. Gedreht wurde zwar in Irland, Hauptproduzent war aber der US-Bezahlsender Showtime. Das an sich ist eigentlich schon eine Anmaßung. Aber es kommt noch toller: Die Serie ist nicht einer der hehren Mehrteiler, die uns (wie weiland „Wallenstein“) Geschichte authentisch vermitteln wollen. Nein, die Historie wird drastisch entstaubt: als Seifenoper im reinsten Sinne. Ähnlich wie „Rom“ wird uns das sehr heutig erzählt – in diesem Fall als gängige Familiensaga à la „Dallas“, „Denver-Clan“ oder auch „Das Erbe der Guldenburgs“: Ob es dabei um Öl, Bier oder einen Zeitenwandel, ja gar eine Abspaltung eines ganzes Landes von der katholischen Kirche geht, ist einerlei.

Im Mittelpunkt steht ein Familienbetrieb – „the firm“, wie Elizabeth II. das nennt. An der Spitze ein herrischer Patriarch – Heinrich.VIII. (nennen wir ihn der Kürze halber H-8), an seiner Seite eine Desperate Housewife, die wie Sue Ellen bei J.R. Ewing noch an die Ehe glaubt, obwohl sie längst zerrüttet ist. Daneben eine aufstrebende junge Frau, die Königin werden will.– Anne Boleyn. Ein Kardinal Wolsey, der das Lustleben des Regenten nach Herzen fördert, um seine Pläne, Papst zu werden, zu verfolgen. Und zahlreiche Hofschranzen, die gleichfalls an die Macht wollen.

Lustvolles Königsleben

Mit pompösem Aufwand und opulenten Kulissen werden hier Schauwerte in Serie produziert: Ritterturniere, Hoffeste, Fieberepidemien, Ketzerverbrennungen, Kabalen und Mord. Vor allem aber gibt es viel nacktes Fleisch und verbotene Lieben.

Gleich in den ersten fünf Minuten sehen wir diesen H-8 beim ersten Liebesspiel, in der zweiten wird ihm ein königlicher Blowjob besorgt, in der letzten Folge masturbiert er vor einem Diener, der devot das Ejakulat auffängt. Auch dazwischen hat Ihre Majestät reichlich Gelegenheit, seinen Astralkörper zu zeigen. Er ist nämlich keineswegs der Fettwanst, als den wir ihn aus den Geschichtsbüchern kennen. Sondern ein blutjunger, hochattraktiver Mann, der sich statt für öde Staatsgeschäfte weit mehr für Leibesertüchtigungen aller Art interessiert. Auch die Boys seines Hofes können sich sehen lassen, tragen schnittige Kurzhaarfrisuren, Dreitagebärte und gern den zeittypischen Wams ohne Rüschenhemd darunter. Als entsprängen sie heutigen Serien wie „O.C. California“. Nie war Historie so sexy, so lüstern, so spannend.

So amerikanisch das aussieht, entwickelt wurde die Soap gleichwohl von einem Briten: dem Drehbuchautor Michael Hirst, der nicht zufällig auch die zwei „Elizabeth“-Filme mit Cate Blanchett verfasst hat. Mit der historischen Genauigkeit nahm er’s einmal mehr nicht so genau. Er fährt zwar historische Figuren auf, mixt sie aber zeitlich gehörig durcheinander und erfindet auch die eine oder andere dramaturgische Geschichte hinzu.

Natürlich füllen Diskussionen ganze Internet-Blogs, was wahr, was erfunden und was durcheinander gebracht wurde. Aber die Frage erübrigt sich. Auch ein Schiller und ein Shakespeare haben es mit der Historie nie genau genommen, haben sie lediglich als Raubbau für ihre Dichtungen genutzt. Und schon die antiken Dramen, Ursprung aller abendländischen Kultur, boten nichts anderes als Gossip-Versionen ihres Mythenschatzes, der nach Gusto umgedichtet wurde.

Die Wahrheit ist doch wohl die: Renommierte Historiker können noch so voluminöse, akribisch recherchierte Standardwerke schreiben, historische Romane à la „Die Päpstin“ oder Serien wie „Rom“ oder nun „Die Tudors“ wissen den Otto Normalinteressierten weit mehr für eine fremde Epoche zu begeistern – gerade wegen des Dralls ins Populär-Spekulative. Mag die Hochkultur darob auch die Nase rümpfen: Historische Figuren kommen uns so sogar näher, wenn sie sich nicht anders als J.R. Ewing und Else Kling, als du und ich gerieren.

Die Serie konkurriert mit einem Kinofilm

Das Leben von H-8 hätte da wahrlich Stoff genug geliefert, nicht zuletzt wegen der sechs Frauen des Alten Blaubarts. Die erste zehnteilige Staffel hält sich gleichwohl nur an den ersten Ringwechsel von Katharina zu Anne Boleyn. Das ermöglicht einen interessanten Vergleich zum jüngsten Kinofilm „Die Schwester der Königin“, der das Drama um Anne aus dem Blickwinkel ihrer Schwester beschrieb.

Der Film konnte mit Natalie Portman und Scarlett Johansson punkten, verlor aber durch einen öden Eric Bana als H-8. In der Serie fällt Natalie Dormer gegenüber Portman ab, dafür aber hält der virile Jonathan Rhys Meyers (bei uns vor allem bekannt durch „Kick It Like Beckham“ und Woody Allens erstem England-Film „Matchpoint“) von Anfang an in Bann. Er trägt die Serie. Und die lässt sich Zeit.

Während der Film nur zwei Stunden für das Schicksal von Anne Boleyn brauchte, sind es bei „Die Tudors“ gleich zwei Staffeln: Ihr Kopf rollt erst in Folge 20.


In Amerika, auch in England sorgte die opulente Serie nicht nur für satte Quoten, sondern auch für begeisterte Kritiken. Vor einem Jahr, am 1. April 2007, startete die erste Staffel im Direct TV, die zweite Staffel folgte kürzlich, am 30. März diesen Jahres, die dritte wird bereits gedreht. Die produzierende Showtime ist so berauscht, dass sie erwägt, das ganze weitere Leben von H-8 zu versoapen. Mit allen noch offen stehenden Damen.


ProSieben hat sich den vielfach preisgekrönten royalen Intrigantenstadel nun für den deutschen Markt gesichert. So ganz scheint der Sender von seinem Produkt aber doch nicht überzeugt zu sein. Die Serie wird buchstäblich gevierteilt, die zehn 53-minütigen Folgen auf Spielfilmlänge zu vier 140-Minütern zusammengezogen. Die Dramaturgie wird darunter ein wenig leiden, wird doch am Ende jeder Folge, als echter Cliffhanger, eine neue Intrige ausgeheckt. Immerhin werden „Die Tudors“ zur besten Sendezeit, am Samstagabend, ausgestrahlt. Aber ausgerechnet pünktlich zum Anpfiff der EM, als Gegengift für alle Sportmüden. Die zweite Staffel hat ProSieben bereits synchronisiert eingekauft. Ob aber mit H-8 gegen König Fußball Staat zu machen ist, bleibt abzuwarten.

„Die Tudors“, ProSieben, vier Mal Samstags, 20.15 Uhr

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