Sex-Talk

Kerner betört Charlotte Roche mit Eberspray

| Lesedauer: 7 Minuten
Antje Hildebrandt

Zu dem Bestseller "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche ist doch noch nicht alles gesagt worden. Kerner hat nun demonstriert, wie man ihre Kritik am Hygienewahn zu einer 75-minütigen Talkshow aufblähen kann. Die Pheromone des männlichen Schweins spielten dabei eine wesentliche Rolle.

Wenn es um Sex geht, kann der Mann noch einiges vom Eber lernen. Der muss sich erst gar keine Mühe geben, die Sau nach allen Regeln der Kunst zu verführen. Nein, er sondert einfach ein Duftsekret ab - schon fällt die Gute in einen Zustand, der es dem Eber erlaubt, zu tun, was ein Eber eben tun muss. Veterinäre sprechen von Duldungsstarre.

Ähnlich erging es dem Zuschauer gestern Abend mit Johannes B. Kerner. Nein, der ZDF-Moderator hat in seiner Late Night nicht den Eber gemacht, so weit ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen nun doch noch nicht gesunken, auch, wenn ein 88-jähriger Kollege mit dem Hang zur Rabulistik soeben genau das Gegenteil behauptet hat.

Aus aktuellem Anlass ließ Kerner aber im Studio einen Flakon Eberspray herumreichen. Und das sprühte sich eine Frau auf den Handrücken, der nachgesagt wird, sie kenne sich mit Körpergerüchen besser aus als Marcel Reich-Ranicki im Fernsehen. Habe sie doch mit ihrem Bestseller „Feuchtgebiete“ eine Art Navigator durch das Reich der etwas anderen Düfte auf den Markt gebracht.


Wir wissen nicht genau, wonach der Eber duftet, hegen aber den Verdacht, dass seine Pheromone auch geeignet sind, nicht nur die Sau, sondern auch den gemeinen Fernsehzuschauer in einen Zustand zu versetzen, der es ihm verbietet, auf den Off-Knopf der Fernbedienung zu drücken. Selber saß man gestern Abend neben sich und stellte mit Schrecken fest, dass einem die 75 Minuten mit Johannes B. Kerner tatsächlich kürzer vorkamen als der Sau der Zeugungsakt.

Ein Bestseller

Was insofern erstaunlich war, als die allgemeine Aufregung um die Feuchtgebiete inzwischen der nüchternen Erkenntnis gewichen sein dürfte, dass da eine durchschnittlich begabte Autorin mit dem richtigen Riecher für Aufreger mit dem Thema Hygienewahn eine Sau durchs Dorf getrieben hat, die sich ihre Unschuld zufälligerweise noch bewahrt hatte.

Und die sich jetzt, da sie von ihrem Buch über eine Millionen Exemplare verkauft hat, ihre Rolle als Retterin der Schambehaarung derart verinnerlicht hat, dass auch der dümmste Leser ihre zur Schau getragene Naivität als PR-Masche durchschaut.

Bei Kerner durfte sich Roche gestern als Unschuld vom Lande verkaufen. „Es ist schrecklich“, behauptete sie da, „jeden Tag muss ich mit wildfremden Menschen über Analverkehr sprechen.“ Dabei sei das Buch kein Sex-Ratgeber, sondern eines, das dabei helfe, „besser alleine mit sich im Bett zu sein.“ Auch wenn es vielleicht den Effekt habe: „Es erigiert, äh, erregt einige Leute – gleichzeitig wird ihnen schlecht.“ Doch genauso, schob sie augenzwinkernd hinterher, „genauso isses beabsichtigt.“


An dieser Stelle hätte man normalerweise ausgeschaltet. Denn bevor Bruder Johannes dazwischengrätscht und kritisch nachhakt, belegt unser Literaturpapst a.D. freiwillig einen VHS-Kurs: Trash-TV für Anfänger. Dass man es am Ende doch nicht tat, verdankt der Moderator ausgerechnet seinem Ersatz-Kerner, Markus Lanz.

Der saß zwar in erster Linie im Studio, um zu signalisieren, dass es ihn auch noch gibt. Heute Abend zum Beispiel moderiert er im ZDF ein Promi-Quiz für die Welthungerhilfe. Und angeblich hatte er Roches`Buch auch gar nicht gelesen. Dennoch fühlte er sich genötigt, das bigotte Gebaren der Autorin mit bissigen Worten zu geißeln und Roger Willemsen Kontra zu geben.

Der Vorzeige-Intellektuelle ist gut mit der Autorin befreundet. Wie eng, das demonstrierten die beiden erst vor einem Jahr. 2007 stellte sich der 53-Jährige als Crash-Test-Dummy für eine Sendung zur Verfügung, mit der Roche sich nach dem Rauswurf bei Viva wieder zurück im Fernsehen melden wollte.


Es ging um das Thema Sex. Beim Flaschendrehen in ihrem Wohnzimmer sollten Prominente im alkoholisierten Zustand schlüpfrige Fragen beantworten. Da sich kein Abnehmer für den Piloten fand, stellte Roche Ausschnitte aus der Sendung offenbar selber ins Internet.


Bei YouTube verblüffte/erschreckte /befremdete Willemsen die Zuschauer mit der Story, wie er einmal beim Analsex „im göttlichen Hinterteil einer Frau steckte“, während eine Kerze umkippte und ein Möbelstück Feuer fing.

Logisch, dass er es sich nicht nehmen ließ, die PR-Maschine für das Buch seiner Freundin Charlotte mit der Aussage zu ölen, es sei das ekelerregendste Buch, das er kenne. Wobei, wie er gestern einräumte, Ekel keine literarische Kategorie sei. Die Feuchtgebiete hätten es wohl nicht an die Spitze der Charts geschafft, wenn Roche mit ihrem Plädoyer gegen parfümierte Slipeinlagen nicht einer Generation aus der Seele gesprochen hätte.

Sex im Alter

Wir wissen nicht, welchen Eindruck der Schaulauf dieses Ebers bei Marcel Reich-Ranicki hinterlassen hätte, vermuten aber, dass Kerners Redaktion schon mit Rücksicht auf MRR und seine Anhänger die 80-jährige Sexualtherapeutin Ruth Westheimer und den Geruchsforscher Hanns Hatt eingeladen hatte.

Dr. Ruth sollte den Begriff „Feuchtgebiet“ auch in die Sprache der Frauen jenseits der Menopause übersetzen, ohne dabei sexuell aktive Senioren vor den Kopf zu stoßen: „In Altenheimen müsste ein Zimmer eingerichtet werden, wo ein Schild an der Tür hängt: ,Bitte nicht stören! `“

Und den Schnüffler vom Dienst sollte der PR für Roches Buch einen wissenschaftlichen Anstrich geben. Ohne Körpergeruch, bilanzierte der Biologe, wäre die Menschheit wohl längst ausgestorben. Schließlich, so will er herausgefunden haben, riechen Eizellen nach Maiglöckchen. Und Spermien können zwar weder sehen noch hören, aber wenigstens riechen. „Irgendwie müssen sie ja die 20 Zentimeter bis zur Eizelle überbrücken.“

Wir bemerkten an dieser Stelle, dass wir langsam aus unserer Duldungsstarre erwachten.

Lag es an Dr. Ruth, die ihre Leser jetzt völlig ungeniert zur Selbstbefriedigung ermutigte – allerdings, wie sie mit Blick auf Kerner bemerkte, nicht im Studio? Oder an Roger Willemsen, der ebenfalls ein Buch geschrieben, allerdings keines über Analfissuren oder über Sex im Alter, sondern über seinen „Knacks“? Oder lag es an Markus Lanz, der eher Haare auf den Zähnen als auf der Brust hat, aber Willemsen trotzdem zu dem Titel seines Buches beglückwünschte?

Die Diskussion, die ausnahmsweise einmal nicht so streng durchchoreographiert war wie ein MDR-Fernsehballett, begann völlig aus dem Ruder zu laufen. Aber das war Kerner offenbar keineswegs unangenehm. Eher schien es, als wollte er dem Literaturprofessor Marcel Reich-Ranicki gestern noch einmal nachträglich demonstrieren, wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen gute Unterhaltung definiert:

Vergesst Shakespeare! Es lebe das Eberspray!