Wie wird der Sommer?

Warum Wetterprognosen manchmal nichts taugen

Dauerregen oder Sonnenbrand: Wie warm werden die kommenden Monate? Die verschiedenen Wetterpropheten sind sich nicht einig und auch die Fachleute haben so ihren Ärger mit den Prognosen. Deutschlands prominentester Experte wettert gegen seltsame Studien und falsche Propheten.

Ich arbeite gern in Deutschland. Ich bin stolz darauf, dass wir eine deutsche GmbH mit an die 30 Mitarbeitern haben, die von Hiddensee bis Bad Dürrheim und von Bochum bis Leipzig Menschen vor Unwettern ( www.unwetterzentrale.de ) warnen und Unternehmen, Versicherungen, Hochwasserzentralen und Behörden mit seriösen meteorologischen Informationen versehen.

Aber sonst ist es ein Elend, vor allem wenn Sie ein wissenschaftlich arbeitender Meteorologe sind und es mit der kollektiven Gewalt des Wunderglaubens aufnehmen müssen. Allensbach hat 2006 gefragt, 56 Prozent der Deutschen haben geantwortet: Ja, wir glauben an Wunder. Und es werden täglich mehr, zumal sechs Jahre zuvor nur 29 Prozent diese Frage mit Ja beantwortet hatten.


Sehen Sie, das ist das Problem. Da müssen auch ein paar Chefredakteure dabei sein. Deswegen gibt es in deutschen Zeitungen Biowetter. Es ist zwar weltweit anerkannt, dass die Verbreitung von „Biowetter“ („kann es zu Konzentrations-/rheumatischen/wasweißichbeschwerden kommen“), wie das in Deutschland getan wird, zurückhaltend formuliert, grotesker Blödsinn ist. Liebe Chefredakteure: Nur eine kleine radikale Minderheit ist überhaupt wetterempfindlich.


Und das Dumme: Jeder ist es anders. Den einen zieht’s am Knie bei Tiefdruck, den anderen bei Hochdruck, den anderen bei viel und den nächsten bei gar keinem Regen. Deswegen ist das Biowetter allenfalls aktive Beihilfe zur Hypochondrie, aber sonst nur Stuss. Und wissen Sie was, liebe Chefredakteure?

Medizinmeteorologie ist seriös


Deswegen finden Sie außerhalb der deutschsprachigen Welt kein Biowetter in den Zeitungen, weil es einen weltweiten Konsens gibt, dass da zwar noch viel geforscht werden muss, wir aber erst ganz am Anfang sind – Medizinmeteorologie ist seriös, nicht aber das, was in der Zeitung damit gemacht wird. Deswegen gibt es in keiner amerikanischen Zeitung ein Biowetter, obwohl dort die Pharmaindustrie frei werben könnte: links das Biowetter, rechts das Mittel dagegen. Aber dort siegt die Seriosität über den Kapitalismus.

Nicht so bei uns, denn der Chefredakteur sagt, und das ist das Totschlagargument: „Aber die Leute interessiert’s.“ Peng, der hat gesessen. Ich stammle nur noch was von „dann macht doch auch ne Hochrechnung für die Bundestagswahl in 20 Jahren, das ist genauso interessant wie sinnlos“, tappe ich schon in die nächste exklusivdeutsche Wetterfalle: „Wie wird eigentlich der Sommer? Wir haben da so einen Leser, der ist Bauer, hat einen Traktor und interpretiert den Hundertjährigen Kalender und der hat schon eine Vorhersage abgegeben.“

Das ist der Moment, in dem wir uns alle setzen sollten. Ich arbeite gerne in Deutschland und wir sind stolz darauf, Sie wissen schon. Aber gucken Sie sich mal die Zeitungen in anderer Herren und Damen Länder an, werden Sie dort regelmäßig lesen, wie angeblich der Sommer wird? Nein. Und das hat auch seinen Grund. Erstens: Das weiß jetzt noch niemand so genau. Zweitens: Was man weiß, kann Energieproduzenten und Firmen helfen, aber nützt dem Normalbürger nichts.

Der Hundertjährige Kalender

„Aber die Leute interessiert’s.“ Ja, doch. Aber, liebe Chefredakteure, hatten Sie denn schon mal Zeit, sich damit zu befassen, was denn der Hundertjährige Kalender ist? Okay, also hier die Info: Es gab mal ein fränkisches Kloster im Mittelalter, in dem wurde sieben Jahre Wetter beobachtet. Dann verstarb der Beobachter und ein Geschäftemacher fand die Wetterdaten aus sieben Jahren und dachte sich: Wie wär’s, wenn ich jetzt einfach mal behaupte, dass sich das Wetter alle sieben Jahre wiederholt? Und wäre es nicht nachgerade super, wenn ich aus Marketinggründen meine Wettervorhersage nicht „Siebenjähriger Kalender“ sondern „Hundertjähriger Kalender“ nennen würde?

Und so trug es sich zu, dass zwar weltweit niemand glaubte, dass sich das Wetter aus einem fränkischen Kloster im Mittelalter alle sieben Jahre wiederholt, und das auch noch in Deutschland, Österreich, der Schweiz, im Elsass und in Südtirol, wo sich vor allem in landwirtschaftlichen Haushalten (und in Zeitungen, die sich einen Wetterbauern halten) diese fränkischen Wetterbeobachtungen, wohlverstanden mit komplett identischem Text, wiederfinden – ein Wetter für alle, langfristig mit 50 Prozent Trefferquote.

Und weil wir so doll an Wunder glauben, glauben Wetterbauern an Hundertjährige und Chefredakteure an Wetterbauern. Und planen ihren Jahresurlaub nach dem Mond, denn bei Vollmond ist Wetterwechsel, sagen viele. So rund 56 Prozent. Denn wenn über Starnberg oder Celle Vollmond ist, ist er über Nord- und Südamerika, Afrika, Australien, über Knut und Flocke und über Nord- und Südpol genauso voll. Ändert sich denn das Wetter auf der ganzen Welt gleichzeitig? Nö. Glaubt sonst noch irgendjemand an so etwas? Nö. Aber zu irgendwas muss der Mond doch gut sein?

Vergessen Sie die Frösche

Dem Wetter jedenfalls ist der Mond ganz egal. Ja, er macht zwar Ebbe und Flut, liebe Menschen von der Waterkant, aber Ebbe und Flut sind wiederum dem Wetter auch ganz egal. Das bisschen Wasser mehr oder weniger vorm Deich ist dem Wetter so was von wurscht, glauben Sie mir.

Und wenn wir schon dabei sind: Nein, die Elbe und der Mittellandkanal, auch andere Bäche und Flüsse beeinflussen den Zug von Wolken und Gewittern in keiner Form. Tut mir leid. Und dann auch noch das: Vergessen Sie das mit den Fröschen. Versuchen Sie mal in englischsprachigen Ländern zu behaupten, Sie würden einen komischen „weatherfrog“ aus dem Fernsehen kennen. WHAT? Auch hier gibt es einen weltweiten Konsens, dass den Fröschen das Wetter vollkommen wurscht ist. Außer wo? Sie wissen schon.

Aber es hilft ja alles noch nix, denn unsere Chefredakteure wollen nun mal wissen, wie der Sommer wird. Hätte er in den vergangenen Jahren jemals eine der abgedruckten „Vorhersagen“ verifizieren lassen, wäre das Problem wahrscheinlich gelöst: Wer würde schon schreiben, dass etwas nun offenbar vollkommener Blödsinn war, so wie 2006, als im Frühling vielerorts abgedruckt wurde, was anderswo frisch aus dem Finger gelutscht in die Tastatur floss und auch heute (bitte schnell lesen, wird sicher jetzt dann gelöscht) noch zu lesen ist unter http://www.donnerwetter.de/intern/presse/index.htm?action=show&id=6424 . Wir erinnern uns, das war der Rekord-Super-2006-WM-Sommer mit Sonne und Wärme Juni und Juli und nicht mehr so Sommer im August. Alles umgekehrt, also zu 100 Prozent falsch. Macht nichts, bevor’s jemand merkt schnell das Gegenteil behaupten, wenn das Sommerwetter in Reichweite ist: http://www.donnerwetter.de/intern/presse/index.htm?action=show&id=6595 Hurra! Ein Salto rückwärts innerhalb eines Monats! Und niemand hat was gemerkt.

Chefredakteure wollen Wetterwunder

Und weil wir alle ein schlechtes Gedächtnis haben und Chefredakteure auch an Wetterwunder glauben wollen, hat sich Anfang dieses Jahres auch noch der Deutsche Wetterdienst (DWD), die amtlich erprobte Verschlafstelle diverser Orkane und der Elbeflut, der Erfinder des Biowetters (siehe oben) und die routinierte Steuergelderverwertungsbehörde im Verkehrsministerium (Steinbrück, hilf) im Rahmen von 300 Millionen Euro jährlich, zu Wort gemeldet: Hurra, wir haben die Mutter aller Sommervorhersagen! Und alle haben’s geschrieben (bitte konsultieren Sie die Suchmaschine Ihres Vertrauens): „Schweißtreibender Sommer naht“, „Super-Sommer wie noch nie“ und vielleicht auch irgendwo womöglich: „Killer-Hitze, werden wir alle sterben?“.

Doch, was hat der DWD eigentlich gesagt? Zitat: „Für den Sommer 2008 wird derzeit mit einer Wahrscheinlichkeit von knapp 70 Prozent prognostiziert, dass er eher ‚warm’ ausfällt.“ Und zwar, meine lieben Chefredakteure, laut damals veröffentlichter Karte teils etwas unter, teils etwas über ein Grad wärmer als normal. Wow! Aber Moment, was war schon wieder der Vergleichszeitraum für diese Abweichung? 1961-1990. Grübelgrübelgrübel. Aber hat uns nicht derselbe DWD gelehrt, dass es bei uns seither ein paar Zehntelgrad wärmer geworden ist im Schnitt? Ja, das frisst uns ja die ganze Wärmeabweichung auf und das heißt ja wohl, dass es eher einen normalen Sommer geben wird?

Egal, jetzt die Geschichte nur nicht zu Tode recherchieren¿obwohl: Im Sommer 2007, den alle als blöd und kühl und eher verregnet in Erinnerung haben, war ja die Temperaturabweichung nach oben größer als die in weiten Teilen Deutschlands für 2008 vorausberechnete. Das heißt, der Sommer 2008, wenn er denn so würde, wie vorhergesagt, wird womöglich schlapper als der für 2007, den wir doch gar nicht toll fanden?

Supersommer zieht immer

Puh, zum Glück war schon Redaktionsschluss und die Geschichte ist draußen. Supersommer zieht immer, das interessiert die Leute. Deswegen kommt auch fast nie die Geschichte, dass der Sommer mies wird (außer, wenn es einen Supersommer gibt, siehe oben). Denn den Sommer in Deutschland runterzuschreiben bedeutet Gefahr: Die Leute sind schlecht drauf und deutsche Touristikunternehmen könnten klagen, weil viele Menschen womöglich den Unsinn glauben, der vielerorts steht. Aber keine Bange, darauf hoffen alle Sommerhochschreiber inklusive DWD: Der Treibhauseffekt wird’s schon richten und im Zweifelsfall reicht dann eine kurze Sommerperiode, um zu jubeln: Wir haben’s gesagt, wir schwitzen! Mit 70 Prozent!

Unser Unternehmen bemüht sich gemeinsam mit dem staatlichen englischen Wetterdienst um seriöse Langzeitprognosen. Für Kunden aus der Wirtschaft, nach Wetterlagen klassifiziert, nicht ein halbes Jahr in die Zukunft, wenige Monate, dafür kleinteiliger aufgelöst. Und ein bisschen haben sich die englischen Kollegen, die schon lange keinen Orkan oder eine Flut mehr verschlafen haben, auch um den Sommer gekümmert: Er soll eher durchschnittlich werden. Also ein bisschen so ähnlich, wie ihn der DWD vorhersagt, wenn man nur die nackten Zahlen betrachtet. Aber das wäre keine gute Geschichte geworden. Denn die richtige Geschichte heißt so: Niemand weiß, wie der Sommer wird. Aber wohl eher wärmer als normal, wäre ja auch komisch. Und ein Dreimonatsdurchschnitt hilft sowieso niemandem für die Urlaubsplanung.

Ich werde mich weiterhin um unsere Chefredakteure bemühen. Der nächste Winter kommt bestimmt, und ich arbeite gern in Deutschland.

Jörg Kachelmann ist Geschäftsführer der Meteomedia GmbH in Bochum und Koautor des Buches „Lexikon der Wetterirrtümer“