Zeitmaschine

Zurück auf die Schulbank – 12 Jahre danach

| Lesedauer: 20 Minuten
Thorsten Thissen

Foto: Martin Lengemann

Vor zwölf Jahren hat unser Reporter Torsten Thissen sein Abitur gemacht. Er dachte, es sei die schönste Zeit seines Lebens gewesen. Dann kehrte er zurück nach Goch in eine Kleinstadt am Niederrhein. Dabei merkte er, wie sehr sich Schulklassen ähneln - und wie stark er sich verändert hatte.

Im Zug auf dem Weg von Berlin nach Goch

Der Tag war durchgeplant: Vom Aufstehen um sieben bis zum Sportunterricht am Nachmittag. Unser Leben drehte sich um die nächste Doppelstunde im Geschichte-Leistungskurs und, viel wichtiger, die Konstellation der Pausenhofrunde, die nächste Party. Wir waren einander ausgeliefert und mussten uns des Haufens bedienen, dessen Teil wir waren. Ich hatte eigentlich keine anderen Sorgen, als cool zu sein. Es gab keinen Kalten Krieg, wie bei meinem älteren Bruder noch, der sterbende Wald hatte sich vom sauren Regen erholt, der dicke Helmut Kohl würde auf ewig Bundeskanzler bleiben. Es drohte kein Hartz IV.

1995 habe ich mein Abitur am Städtischen Gymnasium in Goch gemacht, einer Kleinstadt am Niederrhein. Nun sitze ich im Zug von Berlin, gehe noch einmal in meine alte Schule, in die zwölfte Klasse. Meine Lehrer sind noch da. Der Zug fährt ein. Mutter: „Da bist du ja!“ Ich: „Da bin ich!“

Erster Tag

Herr van Eickels ist der neue Direktor meiner Schule. Er hat eine neue blonde Sekretärin, und in seinem Direktorenzimmer hängen Fotos von antiken Brunnen in Wechselrahmen. Herr Musiol, sein Vorgänger, starb ein Jahr nach meinem Abgang an einem Hirntumor. Ich war vorher und danach nie auf einer Beerdigung mit so vielen jungen Leuten gewesen.

Herr van Eickels gibt sich aufgeschlossen, ist freundlich, bietet mir einen Platz an. Ich aber weiß von ehemaligen Schülern, dass er auf den Abi-Feiern ein Alkoholverbot verhängt hat. Ich traue ihm nicht. Vielleicht ist es auch die Gewohnheit: Es ist nie gut, im Büro des Direktors zu sitzen, das war es auch bei Herrn Musiol nicht, obwohl ihm ein Alkoholverbot natürlich nie in den Sinn gekommen wäre.

Ein neuer Direktor

Unter Musiol gab es einen versifften Raucherraum für die Oberstufe, vor dessen Fenster ein paar Witzbolde prächtige Haschischpflanzen gezogen hatten. Und es gab Entschuldigungszettel gleich dutzendweise zum Selberunterschreiben. Herr van Eickels sagt, dass er viele Änderungen eingeführt hat. Dass man seine Schule nicht mehr mit der von damals vergleichen kann. Mit meiner. Besonders in den Naturwissenschaften sei man nun besser aufgestellt.

Den Raucherraum hat er abgeschafft, dafür gibt es eine Cafeteria, in der engagierte Mütter Vollkornbrote verkaufen, und einen Aufenthaltsraum voller Rechner, an denen sich, wer will, ins Intranet einloggen kann. Man habe „das Niveau insgesamt gehoben“, sagt Herr van Eickels, das sei auch nötig gewesen.

Flashback in den Prüfungsalbtraum

Er spricht vom Druck, der auf den Schülern von heute laste, auf den Lehrern, vom neuen Zentralabitur in Nordrhein-Westfalen und Feststellungsprüfungen. Es geht um Lehrpläne aus dem Kultusministerium und Listen mit Lektüren. Er sagt, dass alles nicht einfacher geworden sei, besonders für die alten Lehrer. Auch Herr van Eickels trägt immer einen Anzug. Er lächelt verbindlich und gibt mir meinen Stundenplan. Eine Fliege hat er nicht.

Es ist ein bisschen wie in meinem Traum: Kurz vor den Prüfungen zum Abitur wird mir bewusst, dass ich versagen werde, dass ich keine Ahnung habe. Und schon im Traum merke ich, dass alles eine Ewigkeit her ist, und doch wache ich nicht auf, komme nicht raus aus der Nummer. Stattdessen ist da nur panische Angst, und diese Angst erst lässt mich aufwachen. Ich brauche dann immer ein paar Minuten bis ich weiß, wo ich bin.

Die Angst vorm Außenseiterdasein


Jetzt stehe ich in der Tür zum Klassenraum, und die letzte Reihe ist belegt. Ich hab' immer da gesessen, hinten zu sitzen war cool. Der Grundkurs katholische Religion II weiß aber noch nicht, dass ich cool bin. Mir bleibt der Platz in der ersten Reihe, ganz links, vorm Lehrerpult, auf der Tischplatte gibt es nicht mal schweinische Graffiti.

Hinter mir flüstern die braven Mädchen mit halblangen Haaren, das Mäppchen links am Tischrand. Dahinter lärmt der Rest: Die Sportler, die Mitläufer, die Schönen, die Freaks. Und in der Ecke: die Außenseiter, die schon mit 15 ihr Hemd in die Hose stecken, seit Ewigkeiten eine Brille tragen und Schnürschuhe. Sie sehen aus wie ich. Und während Vroni Vels-Singendonk, die Lehrerin, 45 Minuten lang die Zerrissenheit der Welt nach Feuerbach beschreibt, die Religionskritik von Nietzsche und Marx vergleichen lässt, denke ich: Scheiße, die mögen mich nicht.

Ein altes T-Shirt für ein neues Image

Ich denke es in der Fünfminutenpause, in der ich durch die Flure laufe, geschäftig tue und in Schaukästen nachsehe, welcher Lehrer wann wen vertritt. Ich denke es in der zweiten Stunde (wieder Vroni, wieder Marx, wieder Feuerbach), in der großen Pause (unbeteiligtes Schauen, Herumdrücken in der Raucherecke am Müllcontainer) und während des Mittagessens mit Mutter (Spaghetti bolognese).

Ich brauche ein Image. Ich kann an diesem Tag nicht einschlafen, liege in meinem alten Bett, wälze mich hin und her. Vielleicht liegt es an den Sachen, denke ich. Die Schuhe, die Jacke, der Gürtel. Ich sah doch aus wie ein Lehrer. Und dann diese Hemden, das trägt doch heute keiner mehr. So frisch gebügelt. Ich suche ein altes T-Shirt. Mutter: „So gehst du mir nicht aus dem Haus, außerdem wecke ich dich morgen früh um sieben, und sag nicht, du hast eine Freistunde!“ Ich: „Ja, Mutter.“

Zweiter Tag

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal so früh aufgestanden bin. Ich irre durch Flure. Der Englischunterricht ist verlegt worden, und ich weiß nicht wohin. Herr Kirchberg erzählt die Episode, wie ich in der achten Klasse ein Kondom im Portemonnaie hatte und es überall rumgezeigt habe. Mir fehlt die Anerkennung. Ich dachte, ich sei souverän. Dachte, dass ich es nicht nötig habe, von Schülern gemocht zu werden. Doch es ist wie früher: Ich habe es nötig.

Dann kann ich ja auch ein bisschen mitmachen im Unterricht, aufzeigen, Referate halten, denke ich. Doch schnell stellt sich heraus, dass ich entweder zu gut bin (Geschichte) oder zu schlecht (Deutsch, Mathematik, Biologie, Physik). Und dann ist da dieses Mädchen in der 6. Stunde, Geschichte-Leistungskurs bei Günther Wuttke (jovial grüßend, breites Rheinisch, ein Mann wie ein Brauereipferd). Es bekommt eine Facharbeit über Leni Riefenstahl mit den Worten „Esra, das war wohl nichts“ zurück. Esra blättert in ihrer Arbeit. Sie stockt, sie liest, und dann stürzt sie aus dem Raum, schlägt die Tür hinter sich zu. Sie weint. Schweigen.

Esras Traum steht auf der Kippe


Wuttke sagt: „Die Enttäuschung konnte ich ihr nicht ersparen, aber das ist ja auch kein Umgang mit mir.“ Dann redet er über die Sparpolitik von Brüning. Draußen treffe ich sie. Sie steht allein auf dem Schulhof bei den Fahrradständern, verheult. Sie sagt, dass sie sich diesmal wirklich angestrengt habe.

Dass sie einfach nicht kann, mit Wuttke, mit den Lehrern. Dass es früher besser gelaufen sei. Dass sie nicht weiß, was sie machen soll, dass sie davon träumt, nach Berlin zu gehen, um Kunst zu studieren, dass sie nur noch zwei Minderleistungen haben darf, damit sie zum Abitur zugelassen wird. Und dann sagt sie, dass sie es wohl nicht schaffen wird. Sie nimmt ihr Fahrrad und fährt nach Hause. Mit Mutter beim Essen (Rouladen, Rotkohl). Mutter: „Du bist so still. Schmeckt's nicht?“ Ich: „Doch.“

Dritter Tag

Der Tag plätschert (Kopfnicken, Hallo auf der Treppe, Rauchen an den Mülltonnen). Doch dann klingelt es zur dritten Stunde, Philosophie bei Frau Panser, eine sehr ernsthafte Referendarin mit sächsischem Dialekt und schulterlangen Ohrringen. Es geht um John Locke, Rousseau und Montesquieu, es geht um die Philosophie des Staates, es geht um den Stolz der Menschheit, die kühnsten Gedanken, Gewaltenteilung, Demokratie, den Aufbruch vom Mittelalter in die Moderne. Und dann passiert es: Saskia hat ihr Referat vergessen.

Frau Panser: „Also, das bringt nun meine ganze Unterrichtsplanung durcheinander.“ Ich: „Ach, das Ganze hat einen Plan?“ Und sie lachen. Alle! Sie finden es witzig. Nein, sie finden es brüllend komisch. Der Typ in der ersten Reihe, der mit dem spießigen Hemd, den Schnürschuhen, der Brille, er ist ein brillanter Komiker. Ich freue mich, schaue mich um, genieße anerkennende Blicke, und Frau Panser, etwa fünf Jahre jünger als ich, ordnet verzweifelt Gruppenarbeit an. Doch das kann mich jetzt nicht mehr aufhalten. Ich dreh' mich zu Saskia um, ich schwätze.

Zurück zur Rolle des Klassenclowns

Saskia lacht wieder, wir schwätzen weiter, Lara schaltet sich ein, und auch wir schwätzen den Rest der Stunde. Wenn Frau Panser sich zur Tafel dreht, wenn sie Arbeitsblätter verteilt. Am Ende der Stunde zitiert mich Frau Panser zu sich. Ich hätte ihren Unterricht gestört, sagt sie, und dass ich ihre Schüler vom Lernen abhalte, was eine infame Lüge ist, weil sie mich dazu wirklich nicht braucht. Ich erzähle Saskia davon, und zur zweiten großen Pause bin ich wieder der, der ich früher war: der Klassenclown, der keine Angst vor Lehrern hat.

Ich brauche natürlich auch keine Angst mehr zu haben, aber das spielt keine Rolle. Weder für sie noch für mich. Jemand grüßt mich, jemand schnorrt mich um Zigaretten an, einer klopft mir auf die Schulter, ein anderer gibt mir einen Kaffee in van Eickels Vollkorn-Cafeteria aus. Ich erzähle Geschichten von früher: Wie der Mathe-Leistungskurs meine Klausur gelöst hat und ich sie nur noch abschreiben musste. Sie lachen. Wie ich um die Stundenprotokolle in Sozialwissenschaft herumgekommen bin. Sie lachen. Und in der siebten Stunde sitze ich im Musiksaal in der letzten Reihe, meine Füße stecken lässig in der Halterung für die Ranzen, der Stuhl wippt nach hinten. Es ist Freitag (Kabeljau). Mutter: „Und wie schmeckt's?“ Ich: „Toll, wie immer.“

Wochenende

Samstage waren früher mal anders. Früher sind wir nur betrunken ins „Musical“ gegangen. So hieß die Disco in der Gocher Innenstadt, an deren Stelle sich heute ein jugoslawisches Steakhaus befindet. Wir gingen aber auf Scheunenfeten. Um betrunken zu werden. Ein Bauer räumt seinen Schweinestall aus, bestellt eine mobile Musikanlage mit Lichtshow und zwei Bierpavillons.

Man trifft immer dieselben Leute, sie spielen immer dieselbe Musik: Am Anfang U2, Madonna und Pet Shop Boys, dann Westernhagen und Simple Minds. Am Ende gibt es „Stairway To Heaven“. Zumindest für die, die nicht mit einer Flasche Asti und einem Mädchen in der Sektbar landen (der Außenstall, mit Tarnnetzen verhängt). Wir brauchten damals nicht mehr: In der Sektbar waren wir glücklich, bei Led Zeppelin frustriert. Heute finden keine Scheunenfeten mehr statt, weil es zu viele Schlägereien gegeben hat. Das liegt an den Türken, sagt man in Goch.

Ein Samstagabend vor dem Fernseher


Am Samstagabend sitze ich in meinem alten Zimmer. Früher hätte ich nun Musik gehört, doch meine Anlage ist weg. Mein bester Freund Frank wäre vielleicht mit Dosenbier vorbeigekommen, doch auch Frank lebt inzwischen in Berlin. In meinem alten Zimmer stehen ausrangierte Möbel und ein Koffer mit Wäsche auf meinem Schreibtisch.

Mein neuer Kumpel Can (Türke, Sitzenbleiber, drei Minderleistungen) hat mir erzählt, dass er mit Freunden manchmal zu den Großraumdiscos ins Ruhrgebiet fährt, doch ich habe seine Nummer nicht. Ich schlafe ein, wache viel zu früh vom Glockengeläut meiner Taufkirche auf, der Sonntag zieht sich. Am Abend sitze ich im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Mutter: „Gehst du nicht noch weg?“ Ich: „Kommt kein ‚Tatort'?“

Siebter, achter und neunter Tag

Das Aufstehen fällt leichter, sogar leichter als damals. Ich fläze mich auf die Sofagruppe im Aufenthaltsraum, lästere über Lehrer, über Mitschüler, kaufe Kaffee in der Cafeteria. Ich irre nicht mehr, sondern schlendere durch die Gänge. Ich bin schließlich einer von ihnen. In einer Freistunde treffe ich Herrn Daamen, den Hausmeister, wie er Anti-NPD-Aufkleber von einer Säule entfernt. „Die können sich im Unterricht dazu äußern, aber nicht die Ausrüstungsgegenstände der Schule bekleben“ – dann muss er weg, weil irgendwo Klopapier fehlt.

In einer großen Pause gehe ich ins Lehrerzimmer. Die mich kennen, grüßen, sind freundlich. Die „Aus dir ist ja doch was geworden“- Sprüche sind mir weniger wichtig als noch am ersten Tag, wahrscheinlich, weil es sie nicht wirklich interessiert. Abgesehen von Vroni Vels-Singendonck, die über manche meiner ehemaligen Mitschüler mehr weiß als ich. In einer Religionsstunde sagt sie zu der Klasse, „Wir haben nur zwei Möglichkeiten im Leben: Entweder entscheiden wir uns für oder gegen die Liebe. Ihr solltet euch dafür entscheiden. Auch wenn es wehtut.“ Noch während sie redet, packen die meisten ihre Sachen ein, weil es klingelt.

Jungs werden in der Schule immer schlechter


90 Minuten können unendlich lang sein. Ich sitze bei Michael Becker im Sozialwissenschaftsunterricht und es geht um die Vermögensverhältnisse in Deutschland. Man könnte sagen: Es gibt immer mehr reiche und immer mehr arme Menschen, die Kluft zwischen ihnen wird größer. Tut er aber nicht. Stattdessen gibt es einen surrenden Projektor, stickige Luft und etwa zehn Millionen Folien. Wer sich je gefragt hat, warum es das Statistische Bundesamt in Wiesbaden gibt, muss nur den Sowi-Kurs einer 12. Klasse besuchen. Ich gähne, ich habe kaum noch Kraft und darf doch nicht einfach aufstehen. Schule ist Overheadterror, ich weiß wieder, warum so viele Menschen Angst in dunklen Räumen haben.

Wir reden nachher noch, Michael Becker sagt, das Niveau sinke immer mehr, die Schüler würden immer fauler, besonders die Jungen seien nicht mehr auf die Universität fixiert. Er sagt, bei ihm habe sich nichts verändert (immer noch „Rundschau“-Leser, immer noch keinen Führerschein, Urlaube in Südfrankreich, Weinabende mit Herrn Schneider). Michael Becker sagt, er sei auch nach über zwanzig Jahren nicht frustriert. Die Schüler mögen ihn. Am neunten Tag schwänze ich die letzte Stunde, schleppe mich nach Hause, werfe meinen Kram irgendwo hin, lasse mich aufs Sofa fallen. Mutter sitzt am Küchentisch (vermutlich Nudelauflauf). Mutter: „Kommst du nicht essen?“ Ich: „Schon gut, ich komm gleich!“

Der letzte Tag

Ich gehe heute nicht mehr in den Unterricht. Was noch fehlt, ist ein Gespräch mit meinem alten Deutschlehrer Michael van Gemmeren. Er hat keinen guten Ruf bei meinen Mitschülern (das war damals nicht anders). Matthäus erzählt, dass Michael van Gemmeren ihnen keine eigene Meinung zubillige. Matthäus will von der Schule gehen, um „freischaffender Videograf“ in Münster zu werden. Die Interpretation von Gedichten hält er für „das Schwachsinnigste, was es auf dem Planeten gibt“. In Matthäus letzter Deutschklausur ging es um eine Rede von Willy Brandt vor dem internationalen P.E.N.-Kongress zum Thema „Braucht die Politik Schriftsteller“. Matthäus Meinung nach wollte Willy Brandt mit der Rede nur seine Karriere nach vorne bringen, weil er wie alle Politiker „machtgeil“ sei. Michael van Gemmeren hatte eine andere Meinung und gab ihm eine Fünf.

Seit irgendwann duzen wir uns. Michael sagt, dass er keine Lust mehr habe, weil der Job nur noch aus Verwaltung bestehe, weil er Klausuren von anderen Lehrern korrigieren müsse, die Spaß daran hätten „in roter Tinte zu baden wie in Blut“. Er sagt, dass das Zentralabitur „scheiße“ sei, weil er nur noch durch den vorgegebenen Stoff jagen müsse. Er hat keine Zeit mehr für Tucholsky, für Heine, für Büchner. Michael sagt: „Du musst dir vorstellen, dass heute jemand sein Abitur bekommt, ohne eine Zeile Goethe in der Oberstufe gelesen zu haben. Kein Faust, kein Werther, keine Iphigenie. Stattdessen Patrick Süskind.“ Er sagt noch, dass er bald in Frühpension geht. Mittags (Wieder Kabeljau). Mutter: „Schmeckt's?“ Ich: „Sag mal, denkst du eigentlich oft an früher?“ Mutter: „Jung', wenn ich immer an früher denken würde, käm' ich zu gar nichts mehr.“

Im Zug von Goch nach Berlin

Man sollte nicht versuchen, einem Gefühl hinterherzujagen, so sehr man es auch mochte. Es ist ein bisschen wie mit einer Liebe, die vorbei ist: Wenn es aus ist, ist es aus, und es wird nie wieder so sein wie früher, und wenn man es versucht, wird man nur die Erinnerung zerstören.

Eigentlich hatte sich nicht viel verändert in meiner Schule, sie surfen im Internet, sie haben ein bisschen Angst vor Hartz IV und machen sich deshalb mehr Gedanken um ihre Zukunft. Aber die Lehrer sind die gleichen, nur älter, die Schüler und die Rollen, die sie einnehmen auch, und der Geruch ist immer noch eine Mischung aus Schmierseife, Nutellabrötchen und angespitzten Bleistiften. Das Einzige, was sich verändert hat, bin ich. Ich wusste nicht, wie sehr.

Der Zug fährt am Berliner Hauptbahnhof ein, ich nehme ein Taxi in den Prenzlauer Berg, um mich mit Britta zu treffen. Es ist Sonntagabend, und die Leute sitzen in der Abendsonne. Eine Bar am Helmholtzplatz (Gin Tonic). Britta: „Hallo, da bist du ja!“ Ich: „Da bin ich.“

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