Film

Die Liebe zum verlausten Köter: „Isle of Dogs“

Wes Andersons hat einen nostalgischen Animationsfilm gemacht. Für Kinder ist das aber nichts. Hier werden komplexe Fragen verhandelt.

Foto: 20th Century Fox

Man kann von diesem Film nicht sprechen. ohne auf seine in jeder Hinsicht herausragende Ästhetik hinzuweisen. „Isle of Dogs“ ist nach „Der fantastische Mr. Fox“ (2009) der zweite Animationsfilm von Regisseur Wes Anderson, der sonst mit modernen Klassikern wie „The Royal Tenenbaums“ (2001), „Darjeeling Limited“ (2007) oder „Grand Budapest Hotel“ (2014) von sich reden gemacht hat.

Er ist im aufwändigen Stop-Motion-Verfahren gedreht, dem mit moderner Computertechnik auf die Sprünge geholfen wurde. Fast zwei Jahre hat das gedauert. Wir sehen Rauchwolken aus Watte und Wasserwellen aus Cellophan­folie, und aus diesem Einsatz betagter filmischer Mittel ergibt sich die besondere nostalgische Note des Films.

Anderson hat sich der Comic-Ästhetik des japanischen Kulturraums verschrieben und spielt in den ersten Minuten in einer Metropole namens Mega­saki City, die von dem despotischen Bürgermeister Kobayashi angeführt wird. In Megasaki City bricht eine Hundegrippe aus, und Kobayashi befiehlt, die Hunde auf die abgelegenen Insel Trash Island abzuschieben.

Der erste Hund, der mit einem Seilbahnsystem auf die vermüllte, bislang nur von Ratten besiedelte Insel gebracht wird, ist der Hund Spots, der seinem Mündel Atari gehört. Atari beschließt sechs Monate später, als schon viele tausend Hunde ausgezehrt und aggressiv auf Trash Island herumschleichen, mit einem gekaperten Flugzeug auf die Insel zu fliegen und das geliebte Tier zu suchen.

Dass Lebewesen auf Befehl eines geifernden Diktators in einem zusehends verwahrlosten Ghetto gefangen gehalten werden, lässt viele Episoden aus der realen Geschichte traurig anklingen. Darin liegt die Melancholie von „Isle of Dogs“, der für Kinder (in Deutschland ist er ab sechs Jahren freigegeben) nur bedingt zu empfehlen ist. Seine Kraft liegt in den grundsätzlichen Fragen, die er anhand einer nur vordergründig absurden Geschichte aufwirft: Wie gehen wir miteinander um? Wie müssen wir uns organisieren, um den Fall in die Barbarei zu verhindern?

Für die Originalversion, die in diesem Jahr die Berlinale eröffnet hat, hat Wes Anderson offenbar sein halbes Hollywood-Adressbuch abtelefoniert. Der knurrige Bryan Cranston, bekannt als Walter White in der Serie „Breaking Bad“, spricht den Hund Chief, einen einzelgängerischen Streuner.

In weiteren Rollen hören wir Edward Norton, Liev Schreiber, Greta Gerwig, Bill Murray, Jeff Goldblum, Scarlett Johansson, Harvey Keitel und Tilda Swinton. Die Originalversion ist dringend zu empfehlen, alle Hunde sprechen ein säuberlich artikuliertes, klares und gut zu verstehendes Englisch – und mancher sprachliche Witz lässt sich nicht in die deutsche Version retten lassen.

Ein Kunstwerk aus Referenzen

Vor allem ist dieser Film aber ein Kunstwerk aus Referenzen, eine große Hommage an die japanische Kunst- und Kulturgeschichte und auch eine Meditation über ihre Einflüsse auf westliche Erzähltraditionen. Zu den Stop-Motion-Animationen gesellen sich im rasanten Wechsel Collagen und Scherenschnitte, klug unterlegt mit der mal rasanten, mal schleppenden Musik des zweifach mit dem Oscar prämierten Komponisten Alexandre Desplat.

Die meist frontal in die Kamera sprechenden Tiere scheinen zudem die Bildschnitte aus Wes Andersons großen Filme zu parodieren. Oder, um es einfacher zu formulieren: Dieser Film ist ein großer, opulenter Spaß, aus dem man viel mitnehmen, in den man viel hineinlesen kann. Schon allein, weil es Freude macht, den Wind durch das Fell der verlausten Hunde streifen zu sehen.

Weil man in sich auch wieder den Hundefreund entdecken kann und Bewunderung spürt für die Bereitschaft dieser Kreaturen, dem Menschen bedingungslos zu dienen. In Berlin empfindet man das ja sonst nicht so häufig.

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