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Vom Leid des Reichtums

Eine verunglückte Verwechslungskomödie mit wenigen Lichtblicken: „High Society“

KomödieD 2017 100 min.,
von Anika Decker, mit Emilia Schüle, Iris Berben, Katja Riemann, Caro Cult

Grell soll es hier zugehen, laut und überdreht: Das sagen uns schon in den ersten Sekunden die übersättigte Farbwelt dieses Films, seine schnellen Schnitte und die extravagante Ausstattung. Hier wird ein Berlin herbeihalluziniert, das es gar nicht gibt: Eine Hauptstadt des dekadenten Jet-Set-Größenwahns, in dem eine maßlos aufgedonnerte Charity-Lady namens Trixi von Schlacht (Iris Berben) Kalauersätze aufsagen darf wie diesen hier: "Wer Geld hat, hat auch Brüste" – und in dem ihre wohlstandsverwahrloste Tochter Anabel (Emilia Schüle) sich in Klamotten im Gegenwert eines Mittelklassewagens über die Kokspartys schleppt.

Der Film von Anika Decker, die 2007 das Drehbuch für Til Schweigers "Keinohrhasen" schrieb und zuletzt bei der Komödie "Traumfrauen" Regie führte, richtet sich in seinem waghalsigen Erzähltempo erkennbar an ein junges Publikum, hat aber für leise Töne und Nuancen nicht viel übrig. Im Zentrum steht besagte Anabel, die alsbald Neuigkeiten über ihre Herkunft erfährt: Sie ist nämlich kurz nach ihrer Geburt von zwei proseccoseligen Krankenschwestern vertauscht worden und in Wahrheit die Tochter der im Plattenbau lebenden Supermarktkassiererin Carmen Schlonz (Katja Riemann), während deren angebliche Tochter Aura (Caro Cult) in die schillernde Reichtumswelt der Trixi von Schlacht gehört.

Moment mal, mag schon hier der Zuschauer denken: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Geringverdienerin und die Milliardärin in derselben Klinik niederkommen? Und wie ist dieser Skandal jetzt nochmal genau ans Licht gekommen? Es wäre etwas kleinkrämerisch, auf solche Lücken in der Plausibilität hinzuweisen, wenn sie sich nicht mit der Zeit zu einem der größten Probleme dieses Films addieren würden.

Denn auch das Verhalten der reichen Trixi bleibt selbst dann unglaubwürdig, wenn man ihr den Kredit der exaltierten Persönlichkeit gibt. Kaum ist die wahre Tochter Aura in ihr Leben getreten, wendet sie sich von Anabel ab, als hätte diese bislang in ihrem Leben die Rolle einer flüchtigen Bekannten gespielt. Anabel fährt daraufhin zu ihrer leiblichen Mutter Carmen, die Katja Riemann zum einzigen schauspielerischen Lichtblick des gesamten Films erweckt: Denn diese Kassiererin mit buddhistischen Neigungen, die sich nebenbei für die Rechte von Tieren engagiert, ist mitsamt ihrem Berliner Dialekt die einzige Figur, die man sich auch im echten Leben vorstellen könnte.

Alle anderen sind zielsicher der verstaubten Mottenkiste des deutschen Filmklamauks entnommen: nicht nur die hysterisch-verwöhnte Trixi, sondern auch die rehäugige Anabel, der grundehrlich-bodenständige Polizist Yann (Jannis Niewöhner) oder der Topmanager mit SM-Vorlieben (Marc Benjamin).

Sie alle straucheln durch eine Geschichte, die sich nie so recht entscheiden kann, ob sie nun reiner Klamauk sein will oder nicht doch lieber ein Brevier abgestandener Lebensweisheiten der Güteklasse, dass Geld allein nicht glücklich macht, Familie und Freunde am wichtigsten sind und so weiter. In den Momenten, in denen dieser Film ernsthaft sein will, ist er auch am peinlichsten. Wenn er in den restlichen doch wenigstens lustig wäre.

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