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Trost bei Bambi suchen

Mit Disney-Filmen die eigenen Gefühle entdecken: „Life, Animated“

DokumentationUSA/F 2017
89 min., von Roger Ross Williams

Wenn ein autistischer Junge durch seine Leidenschaft für die Animationsfilme von Walt Disney und das Nachsprechen der Dialoge wieder eine Stimme findet, ist das natürlich erst einmal grundsympathisch. Doch was Regisseur Roger Ross Williams hier als Dokumentation eines echten Schicksal auftischt, kann es an Klebrigkeit und manipulierendem Zynismus durchaus auf sich nehmen mit den Filmen aus der Animationsfabrik, die der Film feiert.

Der Junge heißt Owen und ist Sohn eines Journalisten. Bis zum dritten Lebensjahr entwickelt sich Owen normal, dann beginnt er sich abzukapseln, die Ärzte rätseln und diagnostizieren schließlich Autismus. Ein schreckliches Schicksal, das eine Familie für immer prägt, die Eltern sind verzweifelt. Aber was dann Familienvater Ron Suskind, der seine Familiengeschichte später in einer Biografie verarbeitet und damit einen Pulitzerpreises gewinnt, sowie Williams daraus fabrizieren, ist nicht nur für Zuschauer außerhalb der Vereinigten Staaten befremdlich. Buch und Film beschreiben, wie der Junge nach der vernichtenden Diagnose und monatelangem unverständlichen Gebrabbel plötzlich ganze Szenen aus „Arielle, die Meerjungfrau“ und „Peter Pan“ einwandfrei nachsprechen kann und Metaphern aus diesen Filmen mit seinem eigenen Schicksal verbindet. Auch ihre Stimmen kann er überzeugend imitieren und identifiziert sich dabei eher mit den schrägen Nebencharakteren als mit den Helden im Mittelpunkt der Handlungen.

Daneben zeigt der Film aber auch, wie sich Owen, nachdem ihn seine Mutter als Erwachsener in seiner ersten eigenen Wohnung selbst überlässt, in seiner Einsamkeit mit „Bambi“ tröstet. Man muss kein Zyniker sein, um diese Art der Zuschauermanipulation zumindest bedenklich zu finden. Es ist eine fast schon klischeehaft US-amerikanische Erziehungsmethode, die in „Life, Animated“ propagiert wird. Die Filme mit ihren ausgestellten, überladenen Emotionen haben dem autistischen Jungen womöglich geholfen, seine eigenen Gefühle auszudrücken. Er wird tatsächlich dazu animiert, sein Leben zu leben. Das suggeriert der Film auch immer wieder in der Montage, wenn er etwa Szenen mit den jugendlichen Helden aus „Peter Pan“ oder „Pinocchio“ mit dem Alltag Owens parallel setzt.

Vor allem aber zeigt er ihn als erwachsenen Mann und seine ersten Schritte in ein unabhängiges Leben. Das erste Apartment, die erste Freundin. Und verbunden mit seiner Liebe für die Animationsfilme, die er oft nur auf VHS besitzt und Hunderte Mal gesehen hat.

Dazwischen immer wieder Statements seiner Eltern, die aufgesetzt wirken und dabei das ungute Gefühl vermitteln, dass hier eine sehr persönliche Geschichte ausgeschlachtet wird.

Der Disneykonzern hat, in einer seltenen Ausnahme, der Verwendung von Originalmaterial zugestimmt, in der berechtigten Annahme, mit dieser emotionsgeladenen Geschichte den eigenen Mythos zu festigen.

Thomas Abeltshauser

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