Film

Ein Kinoerlebnis der raren Sorte: „Die Farbe der Sehnsucht“

| Lesedauer: 3 Minuten
Barbara Schweizerhof

Foto: Filmpunkt

Dokumentarfilmer Thomas Riedelsheimer nimmt den Zuschauer mit auf eine sinnliche Weltreise. Und lässt die Menschen einfach erzählen.

Dokumentarfilme beschreibt man gern als Filme zu einem bestimmten Thema. Das muss nichts Schlechtes sein, schließlich wird darüber auch ein Interesse geweckt – für aktuelle Ereignisse, bestimmte Personen oder Problemlagen. Doch bei den Dokumentationen von Thomas Riedelsheimer wäre dieser Ansatz geradezu missverständlich.

Sei es sein Porträt des Land-Art-Künstlers Andy Goldsworthy, „Rivers and Tides“ (2001), der auf die Perkussionistin Evelyn Glennie konzentrierte „Touch the Sound“ (2004), oder die Begegnung mit dem öko-aktivistischen Künstler Susumu Shingu in „Breathing Earth“ (2012) – stets ging es um mehr als Künstlerpersönlichkeiten. Riedelsheimer gelang es, durch seine sinnlich-meditativen Bilder den Zuschauer direkt in deren Medium einzubeziehen, in die Landschaften, die Töne oder den Wind.

Am Ende fühlt man sich bereichert

Seine Filme, wie auch der schmerzlich-ergreifende „Seelenvögel“ (2007), in dem er an Leukämie erkrankte Kinder filmte, vermitteln eher Erfahrungen als Informationen. Sie haben etwas mit dem als Gegenteil von Bildungsurlaub begriffenen Reisen gemeinsam: Man beobachtet, hört zu, erlebt etwas in diesen Filmen, und am Ende fühlt man sich bereichert.

In „Die Farbe der Sehnsucht“ treibt Riedelsheimer sein eigenes Prinzip nun auf die Spitze. Der Film selbst ist eine Reise, von Portugal nach Katar, Deutschland, Mexiko und Japan. Schon allein, wie Riedelsheimer die jeweilige Atmosphäre dieser Orte in sorgfältig gewählten Bildern einfängt, macht den Film zu einem sinnlichen Genuss. Fast glaubt man, die jeweilige Temperatur und Luftfeuchtigkeit zu spüren, von der Trockenheit Katars bis zur salzigen Brandungsluft an den Klippen von Japan.

Eine assoziate Freiheit

An all diesen Orten richtet die Kamera ihre Aufmerksamkeit auch auf bestimmte Menschen. Da man die Fragen des Filmemachers nie hört und er wie hinter seinen Bildern verschwindet, scheint es für den Zuschauer fast so, als würde er selbst diese Menschen treffen: die 50jährige Dona Mingas, die einst ihre kapverdische Heimat verlassen hat, um in Lissabon ein Auskommen zu suchen; die 40jährige Layla, die in Katar ihre Haare im Wind wehen lassen will; Julius, der gerade in München Abitur macht; Alfredo, den es als Taucher von Kuba nach Mexiko verschlagen hat, oder der pensionierte Polizist Shige, der im japanischen Toujinbou Selbstmorde verhindern will.

Diese und noch ein paar mehr lässt der Film für einige Momente in Ruhe erzählen, ­wobei die Reden nie einem bestimmten Plan folgen. Die einen berichten Biografisches, andere sprechen nur über die Gegenwart, die nächsten schauen in die Zukunft. Diese Unterschiedlichkeit verleiht dem Film eine assoziative Freiheit, der man sich als Zuschauer entspannt überlassen kann, die jeweiligen Momente der Weltreise genießend. Ein Kinoerlebnis der raren Sorte.