Live

Die Ersten werden die Letzten sein

Lakonisches Roadmovie mit lauter Verlierern - und einer Mumie im Schlafsack: „Das Ende ist erst der Anfang“

TragikomödieF/B 2017 93 min., von Bouli Lanners, mit Albert Dupontel, Bouli Lanners, Suzanne Clément

Die dünn besiedelte Region im Norden Frankreichs ist eine apokalyptische Westernlandschaft im Thrillerdrama des Belgiers Bouli Lanners, der in seiner vierten Regiearbeit auch gleich eine der Hauptrollen übernommen hat. Zwischen verrotteten Bahnhöfen, düsteren Lagerhallen und endloser Einöde sind die lakonischen Kopfgeldjäger Gilou (Lanners) und Cochise (Albert Dupontel) im Auftrag eines Gangsterbosses auf der Suche nach dessen Handy mit sensiblen Daten, das ihm gestohlen wurde.

Parallel glaubt ein aus einer psychiatrischen Anstalt ausgebüxtes Pärchen an das nahende Ende der Welt und macht sich deshalb auf die Suche nach der Tochter, zu der Esther (Aurore Broutin) aufgrund ihrer geistigen Behinderung keinen Kontakt haben darf, um sie noch mal zu sehen. Weil das niemand wissen darf, klauen sie sich Essen und eben jenes Telefon, weil sich Willy (David Murgia) mit dem GPS-System etwas Orientierung erhofft. Leider weiß er nicht, wie es zu bedienen ist, und das Handy ist nur zu orten, wenn es eingeschaltet ist. Aber die Kleinganoven sind sowieso mit eigenen Problemen beschäftigt, Gilou macht das Herz zu schaffen und Cochise verguckt sich in eine Frau mit Autopanne (Suzanne Clément). Doch Auftrag ist Auftrag, selbst wenn eine Mumie im Schlafsack oder ein imposanter Hirsch mit tödlicher Schusswunde auftauchen.

Lanners feiert in seinem melancholischen Roadmovie die Außenseiter und Verlierer der Gesellschaft, ganz nach dem Matthäus-Evangelium, wonach die Letzten die Ersten sein werden, auf den auch der französische Originalfilmtitel "Les premiers les derniers" anspielt.

Das ist grundsympathisch, aber bald geht es weniger um die anfangs ausgelegte Krimihandlung denn um eine dezidiert religiös-moralische Botschaft im Gewand eines vermeintlich coolen Genrekunst-kinos. Der Himmel hängt dabei bleiern und bedeutungsschwanger über der Szenerie, in der die Figuren oft wie verloren wirken.

Der Film hat eine Schwere, die Lanners' früheren Tragikomödien fehlte, und er wirkt dabei immer wieder wie ein unausgeschlafener Film der Coen-Brüder oder als hätte Tarantino in einer Depression Graham Greene verfilmt. Statt Zynismus setzt er auf Mitmenschlichkeit, er verrät seine Figuren auch in keinem Moment. Aber Dialoge wie "Das Leben besteht aus mehr als nur aus Atmen" sind leider auch nicht so smart wie bei seinen Vorbildern, und all die skurrilen Einfälle und Wildwestanleihen ergeben am Ende wenig Sinn. Vor allem die christlichen Metaphern wie ein Obdachloser namens Jesus mit Wundmal sind in ihrer Überdeutlichkeit letztlich ärgerlich. Da kann auch der Gastauftritt von Kinolegende Max von Sydow als Priester, der auf einer Beerdigung singt, nicht mehr viel retten.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.