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Gesichter der Großstadt

Wie lustig wir ständig aneinander vorbei leben: „Einsamkeit und Sex und Mitleid“

EpisodenfilmD 2017 119 min.,
von Lars Montag, mit Jan Henrik Stahlberg, Friederike Kempter, Bernhard Schütz, Eva Löbau

So eine Großstadt ist ein wilder Ort, an dem jeden Tag alles Mögliche geschieht. Menschen fahren im ICE in sie herein und stellen plötzlich fest, dass irgend ­jemand ihnen während der Fahrt die Schuhe geklaut hat. Andere schreien den Supermarktleiter zusammen, weil eine bestimmte Sorte Chips nicht im Angebot ist. Wieder andere versuchen ihren Lebensüberdruss mit Bienenzucht zu besänftigen. Manche verdienen ihr Geld als Callboy oder Callgirl, manche bezahlen sie dafür. Und so weiter.

"Einsamkeit und Sex und Mitleid", das war 2009 nur ein sehr schöner, nicht besonders umfangreicher Roman des Schriftstellers Helmut Krausser. Ein Großstadtbuch, ein Panorama von Figuren, die alle ihre eigenen Ziele verfolgen und sich dabei manchmal im Wege stehen, manchmal küssen, sich ineinander verhaken oder aneinander vorbei laufen. Ein Episodenkonvolut in der Tradition von Camilo José Celas "Der Bienenkorb" oder Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras" – oder anders gesagt: eine wunderbar unterhaltsame Parabel darauf, wie absurd wir alle miteinander leben.

In seinem Debüt mit einem abendfüllenden Spielfilm hat sich nun der 1971 geborene Regisseur Lars Montag der Vorlage angenommen. Krausser schrieb eine erste Drehbuchfassung, Montag änderte einiges daran, man focht die in solchen Fällen üblichen Kämpfe aus und landete schließlich bei einer Version, in der einige der Figuren ganz verschwunden sind, andere zu einer fusioniert wurden oder die sexuelle Orientierung gewechselt haben.

Wer also Werktreue erwartet, wird sich enttäuscht sehen. Montag kennt aber die Bildgewalt seines Mediums, will sie ausnutzen und sich dafür auch Zeit nehmen. Und das gelingt ihm in diesem Film immer wieder: Beim Schwarzlicht-Date in einer stummen Disco etwa, wo alle Gäste kabellose Kopfhörer tragen. Oder wenn wir der Künstlerin Janine (Katja Bürkle) dabei zusehen, wie sie Menschen wie den bienenzüchtenden Familienvater Robert Pfennig (Rainer Bock) zu lebendigen Gemälden bemalt. Oder wenn der vorzeitig in den Ruhestand versetzte Lehrer Ecki (Bernhard Schütz) leinwandfüllend in einer transportablen Dampfsauna sitzt.

Der Film verhebt sich hier und da an seinem Faible für Buntes und Skurriles und wirkt dann überfrachtet – aber es gelingen ihm auch immer wieder großartige Momente. Und das liegt nicht zuletzt an den wunderbaren Schauspielern, die der Regisseur vor seiner Kamera versammelt.

Neben den bereits Genannten sind dies Friederike Kempter ("Oh Boy") als Carla, die sich der ständigen Hilfsbereitschaft ihres Kaugummi kauenden Begleiters Thomas Stern (Jan Henrik Stahlberg) erwehren muss. Und, in der schönsten Geschichte dieses Films, die Jugendlichen Swentja (Lilly Wiedemann) und Mahmud (Hussein Eliraqui), die sich auf sehr schüchterne und seltsame Weise annähern.

Das ergibt zwei Stunden, die noch Tage später augenblicksweise in der Erinnerung aufblitzen. Ein Zeichen für einen guten Film.

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