Live

Ein Vater schwört Rache

Eiskalt sezierender Island-Thriller: „Der Eid“ von und mit Baltasar Kormákur

THRilleRIsland 2016
102 min., von Baltasar Kormákur,
mit Baltasar Kormákur, Hera Hilmar

Finnur (Baltasar Kormákur) hat gern alles unter Kontrolle. Wirklich alles. Nicht nur im OP-Saal, wo der Herzchirurg regelmäßig Leben rettet, sondern auch in seinem Privatleben. Vor allem das zunehmend seltsame Verhalten seiner 18-jährigen Tochter Anna (Hera Hilmer) ist ihm ein Dorn im Auge. Seit sie ausgezogen ist, lässt sie sich treiben und verbringt mehr Zeit auf Partys, als sich Gedanken um ihre Zukunft zu machen.

Für den Vater ist klar: Ihr neuer, weitaus älterer Freund Óttar (Gísli Örn Gardarsson) ist schuld. Finnur setzt alles daran, die Beziehung mit dem kleinkriminellen Drogendealer, der Anna offensichtlich auch mit Stoff versorgt, auseinanderzubringen. Doch die Polizei winkt ab. Anna ist volljährig und für sich selbst verantwortlich. Lediglich die gefundenen Drogen werden beschlagnahmt. Deren Gegenwert, rund 50.000 Euro, fordert Óttar unmissverständlich von Finnur zurück. Hippokrates' medizinischer Eid hin oder her: Finnur nimmt die Angelegenheit schließlich selbst in die Hand und verhält sich schnell alles andere als ein Engel in Weiß, sondern nutzt Methoden, die denen des verfolgten Täters in nichts nachstehen.

Der isländische Regisseur Baltasar Kormákur ("101 Reykjavik"), der in seinem Thrillerdrama auch gleich die Hauptrolle übernommen hat, kehrt damit nach Hollywood-Ausflügen ("Everest", "2 Guns") in seine Heimat zurück und weiß die imposante Landschaft für seine Geschichte zu nutzen.

Hochpräzise und auf das Notwendigste reduziert, inszeniert er auch die Genreproduktion "Der Eid". Finnurs Drang zu helfen gerät hier zum moralischen Dilemma, in dem die Grenzen zwischen Gut und Böse längst verschwommen sind. Doch das ist genau das Problem von Kormákurs Film: Er funktioniert perfekt innerhalb der Parameter der Genrekonventionen, aber er überrascht oder berührt nicht.

Die individuellen Geschichten der Menschen lassen einen kalt.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.