Film

Fremder Blick auf ein vertrautes Land: „Morris aus Amerika“

Ein schwarzer Teenie fühlt sich fremd im Heidelberger Idyll. Der Film reizt vor allem wegen diesem Blick von außen auf Vertrautes.

Ein Pazner der Verschlossenheit:  Markees Christmas als Morris

Ein Pazner der Verschlossenheit: Markees Christmas als Morris

Foto: Farbfilm Verleih / dpa

Wie es sich anfühlt, fremd zu sein, bringt der irisch-amerikanische Regisseur Chad Hartigan in „Morris aus Amerika“ auf überraschend subtile Weise auf den Punkt. Gleich zu Beginn sieht man da Vater Curtis (Craig Robinson) mit seinem 13-jährigen Sohn Morris (Markees Christmas) im Wohnzimmer gut gelaunt über den Geschmack des anderen streiten. Zwei Afro-Amerikaner hören „ihre“ Musik, als Zuschauer wähnt man sie ganz „bei sich“.

Dann gehen Vater und Sohn auf die Straße. Die Kamera entfernt sich immer weiter und entblößt so stückweise ihren Aufenthaltsort. Statt amerikanische Großstadt eine Fußgängerzone, statt Autolärm europäische Kirchenglocken, statt Häuser- und Lichtermeer der Gemütlichkeit verheißende Anblick von roten Ziegeldächern und altem Gemäuer. Curtis und Morris leben in Heidelberg.

Die Umwelt reagiert verdattert

Der Film bleibt fast durchweg nah dran an seinem jugendlichem Protagonisten und zeigt gewissermaßen die Welt aus seiner Perspektive. Das Jugendzentrum, in dem Morris sich weigert, mit den anderen Basketball zu spielen, die Parkanlage, die er auf der Suche nach einem angehimmelten Mädchen durchstreift: alles unspektakuläre Orte, deren Anblick erst dadurch Spannung gewinnt, dass Morris hier der einzige Schwarze ist.

Nicht dass sein Umfeld immer rassistisch auf ihn reagiert; es sind eher die kleinen Reaktionen wie das Verdattertsein einer Mutter, die ihn im Zimmer ihrer Tochter entdeckt, die Morris Fremdsein bestimmen. Und natürlich die Interaktion mit den anderen Jugendlichen, die mit ihren Rassismen deutlich weniger hinterm Berg halten als das sonstige Umfeld.

Aber „Morris aus Amerika“ ist kein Film über Rassismus in Deutschland. Vielmehr reiht sich der Film ein in die lange Folge melancholisch-launiger Coming-of-Age-Erzählungen der letzten Jahre. Die Hautfarbe ist für Morris nur ein Grund von vielen, sich als Amerikaner in Heidelberg einfach „anders“ zu fühlen. Zusätzlich gibt es da noch die Tatsache, dass er mit seinem Vater allein ist, der offenbar nach Heidelberg kam, um die Trauer über seine verstorbene Frau zu verarbeiten. Lebenstipps holt sich Morris lieber von der kecken Inka (Carla Juri), die ihm Deutschunterricht erteilt. Und dann ist da noch Katrin (Lina Keller), in die Morris ein wenig verliebt ist, die ihn aber auch an der Nase herumführt.

Markees Christmas spielt Morris mit jener Fassade der Undurchdringlichkeit, mit der Teenager ihre Empfindlichkeit of zu verbergen suchen, wobei seine vermeintliche Teilnahmslosigkeit dem Zuschauer den Einblick in die Figur erschwert. Craig Robinson als Vater wiegt das mit wunderbar bedachtem Temperament wieder auf. Und sehenswert bleibt bis zuletzt der beiläufig-entfremdende Blick auf ein sonst so vertrautes Deutschland.

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