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Ein Film, der das Herz erwärmt

So oft wurde der Roman von Johanna Spyri schon verfilmt, doch diesmal passt alles zusammen: „Heidi“

KinderfilmD/CH 2015 100 min., von Alain Gsponer, mit Anuk Steffen, Quirin Agrippi, Bruno Ganz, Katharina Schüttler, Hannelore Hoger

Die schönsten Kinderfilme laufen an Weihnachten. Filme, die ans Herz gehen – nicht die schnellen, überdrehten Animationsfilme. Filme mit echten Menschen und einem fast behaglichen Tempo. Wobei, auf das Tempo werden wir bei der Neuverfilmung von „Heidi“ noch zu sprechen kommen. „Heidi“, der Kinderbuch-Klassiker der Schweizerin Johanna Spyri, ist schon so oft verfilmt worden, mal in Schwarzweiß, mal in Technicolor. Mal auf modern gedreht mal als Comic-Serie im Fernsehen. Warum also wieder eine Neuverfilmung?

Ganz einfach: weil die Geschichte immer noch wunderschön ist. Und diese „Heidi“-Verfilmung geht den Weg der historischen Genauigkeit, der Geist des 19. Jahrhunderts soll hier eingefangen werden. Selten ist einer Verfilmung gelungen, das Kinderschicksal von Heidi so nachvollziehbar zu machen. Nach dem Tod der Eltern wird sie herumgeschoben, steht immer irgendwie im Weg. Und doch wird sie vor dem Schlimmsten bewahrt: im Kinderheim zu landen oder bei einem Bauern, der sie als kindliche Arbeitskraft missbraucht.

Aber nun zum Film. Bei der Pressevorführung ist man ausdrücklich eingeladen, Kinder mitzubringen. Also lasse ich mich von zwei mauligen Kids, 10 und 12 Jahre alt, begleiten. Warum maulig? „Bin viel zu alt für Heidi“, muffelt die 12-Jährige. „Mädchenfilm“, knurrt der 10-Jährige. Das Licht geht aus und man kann sagen, das Grummeln legt sich ziemlich bald.

Das liegt an den Hauptdarstellern. Heidi wird von der jungen Schweizerin Anuk Steffen gespielt, die das fröhliche Naturkind ohne Arg so wunderbar verkörpert wie kaum eine ihrer Vorgängerinnen. Dazu das ungekünstelte Schwyzerdütsch, das auch der Geißenpeter (Quirin Agrippi) spricht. Noch nie war der Hirtenjunge so roh, so ungebildet wie hier, manchmal liebenswert, manchmal verschlagen und aggressiv. Schon das Gesicht des Geißenpeters prägt sich ein, „Affenjunge“ flüstert anfangs ein Kind im Kino lachend, als der Geißenpeter zum ersten Mal auftaucht. Auch Kinder sind im Kino glatte Gesichter gewohnt. Hier gibt es etwas zu gucken – und bald herrscht konzentrierte Stille im Saal.

Und Bruno Ganz als Almöhi? Keiner grummelt so schön wie er, zuletzt war er als Adolf Hitler im „Untergang“ so in sich gekehrt. Die Art, wie der Almöhi sich langsam öffnet und sich seiner zauberhaften Enkeltochter Heidi nähert, rührt an. Man hätte gern viel länger in den Bergen mit den beiden, mit Geißenpeter, dem autoritären Dorfschullehrer und den spitzzüngigen Dorfmenschen verweilt.

Doch „Heidi“ ist nicht nur eine Geschichte des Ankommens, sondern auch des Verlassens. Nach einem Jahr taucht Tante Dete wieder auf, sie hat einen neuen Platz für ihre Nichte gefunden: im fernen Frankfurt bei der Familie des Herrn Sesemann, dessen Tochter Clara im Rollstuhl sitzt. Ab diesem Punkt hetzt der Film. Zu viel Stoff, zu wenig Zeit.

Auch die Rollen sind nicht mehr so punktgenau besetzt wie anfangs. Hannelore Hoger als Großmama Sesemann wirkt und redet wie eine Alt-68erin, die sich aus Spaß ins Korsett gezwängt hat. Jella Haase, bekannt als Chantal aus „Fack ju Göhte“, spielt das Dienstmädchen im Hause Sesemann – und ist wie immer das rotzige Gör. Das kaltherzige Kindermädchen Fräulein Rottenmeier, die Heidi sofort wieder loswerden will, wird dagegen sehr präzise verkörpert von Katharina Schüttler, der kleine Gesten reichen, um große Wirkung zu erreichen.

Die Zeit in Frankfurt rauscht nur so vorbei – wo es in den Bergen noch karg zuging, sind hier die Kulissen übervoll. Ach, hätte man doch ein Sequel daraus machen können: „Heidi 1“ und „Heidi 2“. Und was sagen die Kids am Ende? Der Film war „doch ganz gut“. Mehr ist nicht drin. Auf dem Schulhof kann man mit Heidi nicht prahlen. Leider.