Film: Brasch - Das Wünschen und das Fürchten

Nicht jeder Untergang ist ein Neuanfang

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Barbara Schweizerhof

Früher hieß es oft, dass die Geschichte von Siegern geschrieben wird, heute drückt man es gerne demokratischer aus, indem man zugibt, dass sie aus Lügen besteht, auf die man sich geeinigt hat. Wie zum Beispiel die, dass Deutschland nie so glücklich war wie in jenen Novembertagen 1989, als die Mauer fiel. Dabei gab es viele Menschen, die das Ende der DDR ins Chaos stürzte, und das weder im machtpolitischen noch im ökonomischen Sinn, sondern existenzieller.

Einer davon war der Dichter, Schriftsteller und Filmemacher Thomas Brasch, der damals schon über zehn Jahre als "DDR-Exilant" in der BRD lebte. Warum das so war, warum ausgerechnet ein Exilant vom Untergang des Landes, das er verlassen hatte, aus der Bahn geworfen wurde, darauf gibt es keine einfache Antwort. Christoph Rüters Dokumentarfilm "Brasch: Das Wünschen und das Fürchten" bietet zwar allenfalls auf indirekte, komplizierte Weise eine an. Aber schon allein das macht den Film sehenswert. Braschs biographische Eckdaten sind Material, die jeden an der deutschen Geschichte Interessierten die Ohren spitzen lassen. Geboren wurde er 1945 als Sohn deutsch-jüdischer Antifaschisten, die nach England ins Exil gegangen waren und 1947 in die sowjetische Besatzungszone zogen, um ein neues und besseres Deutschland aufzubauen. Vater Horst stieg bis zum stellvertretenden Kulturminister auf, während Sohn Thomas an diversen Schulen und Universitäten in Konflikt mit den Autoritäten geriet. 1968 verteilt er Flugblätter gegen den Einmarsch in Prag, sein eigener Vater liefert ihn an die Staatssicherheit aus. Thomas kommt ins Gefängnis und muss sich anschließend in der Produktion bewähren. Er schreibt Gedichte und Prosa, die nur zum kleinen Teil in der DDR veröffentlicht werden. Als er ein Buch im Westen publizieren lässt, wird ihm nahegelegt, selbst zu gehen. In der Bundesrepublik feiert Brasch als Filmemacher Erfolge, schreibt und inszeniert Theaterstücke, übersetzt Majakowski und Shakespeare. Er gehörte zu einer kleinen, aber feinen Schar von DDR-Kreativen, die mit ihrem streitbaren Ernst und ihrer fortdauernden Unzufriedenheit ein ungeheuer wichtiges Ferment der westdeutschen Kultur der 80er Jahre bildeten. Bis nach dem Mauerfall alles ganz anders wurde. Oder zu sehr dasselbe blieb? 2001, kaum 56 Jahre alt, ist Thomas Brasch einen unglücklichen und viel zu frühen Tod gestorben.

Christoph Rüter hat Brasch bei gemeinsamen Theaterarbeiten noch selbst kennengelernt. Für seinen Dokumentarfilm montiert er Archivaufnahmen - wie Braschs berühmten Skandalauftritt anlässlich der Verleihung des bayrischen Filmpreis 1981 -, Filmausschnitte und Videotagebücher, die Brasch selbst gedreht hat, aneinander und nennt dazu aus dem Off knapp die wichtigsten Lebens- und Werkdaten. An vielen Stellen zitiert er aus Braschs Gedichten, die mit schmerzlicher Prägnanz Auskunft über ein Leben in existenzieller Unbehaustheit geben. Es treten keine Zeitzeugen auf, es werden keine Deutungen gemacht. Rüter handelt damit im Sinne von Brasch, der es hasste, "beschrieben" zu werden. "Du bist ein leeres Blatt / Du wirst nur noch beschrieben / Geh unter oder schwimm", heißt es an einer Stelle. Rüter gelingt es, Brasch als schwierigen, schönen und widersprüchlichen Menschen in Erinnerung zu rufen, dem man sich gerne genähert hätte. Man begreift aber auch, dass der das nie zugelassen hätte.

Dokumentation D 2011 , 92 Min., von Christoph Rüter

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