"The International"

Banken-Krimi in großer Besetzung

Alter Wein im neuen Schlauch. "The International" ist ein (fast) perfekter Genrefilm. Es wird vergiftet und gerannt, geballert und intrigiert, dass es eine helle Freude ist. Dabei greift Regisseur Tom Tykwer tief in die Trickkiste und zeigt allen, wie mein Ballerfilme in der Nach-Hichcock-Ära inszenieren muss.

1972 gründete der Pakistani Agha Hasan Abedi die Bank of Credit and Commercial International (BCCI). Im Laufe der Jahre wurde sie die siebtgrößte Privatbank der Welt. Abedi war gern gesehen, es gibt Bilder von ihm mit Jimmy Carter und Johannes Paul II. Dann, Ende der Achtziger, begannen in Amerika Ermittlungen gegen die BCCI, die gewisse Nebengeschäfte zu Tage förderten: Die Bank hatte Waffen verschoben, Söldnerarmeen finanziert und Terroristen unterstützt. 1991 brach die BCCI zusammen.

Die Bank in Tom Tykwers Film "The International" heißt IBBC: International Bank of Business and Credit. Ihre Geschäfte unterscheiden sich nicht wesentlich von denen der echten BCCI. Damit ist nicht viel über Tykwers Geschichte verraten, denn "The International" steigert die gängigen Mega-Verschwörungstheorien zur Meta-Verschwörung: Hier kungelt jeder mit jedem. In Verschwörungsthrillern braucht es immer einen, der nichts ahnt, und der, wenn er die ersten Zipfel der Wahrheit entdeckt, resolut beschließt, das ganze (Ver)deckbett wegzureißen. Bei Tykwer ist das der Interpol-Beamte Louis Salinger (gespielt von Clive Owen), der zu Beginn vor dem Berliner Hauptbahnhof das Treffen eines seiner Leute mit einem IBBC-Insider beobachtet. Erfahrenen Verschwörungsfilmsehern ist klar, dass nun Kollege wie Informant nicht mehr lange leben ; in der Tat, nach einer Viertelstunde sind beide tot und Salinger wild entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen.

"The International" ist ein (fast) perfekter Genrefilm. Es wird vergiftet und gerannt, geballert und intrigiert, dass es eine helle Freude ist. Ausgangspunkt ist, wie erwähnt, der Berliner Hauptbahnhof, und alles andere als zufällig. "International" verhilft dieser Architektur-Ikone sozusagen zu seinem internationalen Filmdebüt, dem weitere Rollen folgen dürften. Und das Gebäude ist der Schlüssel für die Optik und die Aussage des Films, ein Paradestück der Glas/Stahl- und Glas/Beton-Architektur unserer Zeit. Bei Einweihungsfeiern betonen deren Bauherrn immer, das viele Glas symbolisiere den Willen zur Transparenz, doch bei Tykwer und seinem Kameramann Frank Griebe stehen diese Paläste für das schiere Gegenteil: Das Glas ist verspiegelt und der Stahl/Beton blockiert alle Kommunikation. Man könnte eine ganze Untersuchung über die Funktion der Architektur in "The International" schreiben, hier nur noch ein Hinweis: Man achte darauf, wie jung und frisch Berlin in dem Film aussieht - und wie alt und verbraucht New York.

Die architektonische Spur führt noch in eine ganz andere Richtung: zu Alfred Hitchcock. Der Oberschurke bei Tykwer wohnt in einem Haus, das dem des Hauptfieslings in "Der unsichtbare Dritte" verblüffend ähnlich sieht. Wichtiger als diese Anspielungen ist jedoch die dramaturgische Struktur von "Der unsichtbare Dritte", die Tykwer für seinen "International" wieder entdeckt. Die spektakulärste Szene bei Hitchcock ist Cary Grants Verfolgung durch das Flugzeug in der Wüste, das größte Spektakel bei Tykwer die große Schießerei im (bei Berlin maßstabgetreu nachgebauten) Guggenheim-Museum zu New York. Beide Male ereignet sich dieser Höhepunkt nach zwei Dritteln des Films - und beiden Regisseuren gelingt es, ihren Film auch danach spannend zu halten und zu einem höchst befriedigenden Ende zu führen.

"The International" ist weitgehend ein Regisseursfilm, ein Blick in die schier unendliche Trickkiste des Tom Tykwer, der in fast jeder Szene zeigt, dass er exakt weiß, wie man so etwas früher inszeniert hat - und wie man es heute neu inszenieren muss, um das Interesse des Publikums zu fesseln. Es ist aber auch der Film für einen ganz speziellen Schauspieler. Armin Mueller-Stahl bleibt anfangs diskret im Hintergrund, als undurchsichtiger Berater des IBBC-Bankchefs. Je mehr wir über ihn erfahren, desto mehr wird er zu einer Schlüsselfigur. In ihm laufen die Hauptmotive von "International" zusammen: die Gier nach Geld und der Verrat von Idealen. Irgendwann sitzen sich Owen, der für Gerechtigkeit kämpft, und Mueller-Stahl, der sich den Glauben daran abkaufen ließ, in einem Keller zusammen, und man denkt: Wenn Armin Mueller-Stahl es wirklich ernst meint mit dem Abschied von der Schauspielerei, sollte er dies als seinen Ausstand nehmen. Einen besseren wird er nicht finden.


USA/Deutschland/GB 2007

118 min., ab 12 Jahren

Regie: Tom Tykwer

Darsteller: Clive Owen, Naomi Watts, Armin Müller-Stahl

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