Warhols Muse

Aufstieg und Fall der Edie Sedgwick

Von all den Stars und Sternchen, die Andy Warhol umgaben, ist Edie Sedgwick wohl die Bekannteste: Ihr tragischer und exzessiver Lebensweg machten sie zum Spiegelbild der narzisstischen Kunstszene der 60er und 70er Jahre. Ihre Darstellerin, Sienna Miller, zeigt eine vielseitige Edie, von naiv bis entrückt - warum Warhol die Kunstszene revolutionierte, bleibt jedoch etwas unterbelichtet.

Foto: Kinostar Filmverleih

Sie war reich, sie war wunderschön, doch sie hatte leider einen Knall. Und wie so viele reiche, schöne Frauen mit Knall suchte Edie Sedgwick ihr Glück in der Welt der Kunst. Als Studentin ging sie 1965 nach New York und traf dort auf Andy Warhol, der zweifellos einen noch größeren Knall hatte als sie. Er wählte sie zur Muse, zum Superstar seiner Factory und zur Hauptdarstellerin seiner Filme.

In Werken wie "Vinyl", "Beauty # 2" oder "Poor Little Rich Girl" sah man Edie Sedgwick vor allen Dingen rauchen, rumsitzen und Unfug reden. Warhol zum Dank brannte sie von beiden Enden lichterloh und war fünf Jahre, nachdem sie ihn kennen lernte, ein Wrack: pleite, drogenabhängig und gesellschaftlich ruiniert. 1971 starb sie an einer Überdosis, da war sie 28 Jahre alt.

Seither ist Edie Sedgwick eine Legende. Auch wenn man nicht so genau sagen kann, was ihre Verdienste eigentlich waren, hat sie es doch geschafft, alle wirklich interessanten Themen mit ihrer Person zu verbinden: Geld, Glamour, Drogen, Kunst, Sex, Wahnsinn und früher Tod.

Edie Sedgwick ist sozusagen der Stoff für großes Kino. Dummerweise hat Regisseur George Hickenlooper aber einen wirren, langweiligen, dramaturgisch untauglichen, flachen und völlig unglamourösen Film über sie gedreht. Auch das ist natürlich eine Leistung. An den Schauspielern liegt es nicht. Sienna Miller zeigt als Edie Sedgwick die gesamte Bandbreite ihres Könnens. Sie ist mal naiv, mal überdreht, ängstlich und entrückt. Und auch Guy Pearce macht als Andy Warhol eine gute Figur und steht meist angemessen blass mit silberner Perücke ausdruckslos in der Gegend herum. Er sagt mit tonloser Stimme herrlich belanglose Sachen, so dass sich in einer Szene sogar Warhols Beichtvater darüber beschwert, dass er sich so unglaublich uninteressante Dinge anhören muss.

Warum Andy Warhol aber die Kunstwelt revolutionierte und Edie Sedgwick zum heißesten Partygirl New Yorks avancierte, erfährt man nicht. Warhols Factory wird von George Hickenlooper als Kindergarten für Erwachsene inszeniert, in dem überspannte und völlig verantwortungslose Großstädter ihren zutiefst rätselhaften Neigungen nachgehen.

Völlig misslungen ist auch die Figur des "Musikers", bei dem es sich eindeutig um Bob Dylan handeln soll, schon wegen des krausen Haars und der Mundharmonika, in die er ständig bläst. Tatsächlich hatten Dylan und Sedgwick wohl eine kurze Affäre, die hier aber als existenzialistisches Drama zugespitzt wird. "Dein Herz ist so leer wie die Suppendosen deines Freundes", hört man den "Musiker" einmal zu Edie sagen, was sie nur noch weiter aus dem psychischen Gleichgewicht bringt. Sie, die labile Muse, im Zangengriff zweier Großkünstler, von denen einer (Dylan) das Prinzip Tiefsinn und Aufrichtigkeit vertritt und der andere (Warhol) für Oberflächlichkeit und Leere steht. Als Bob Dylan das Drehbuch las, drohte er, die Macher in Grund und Boden zu klagen, sollten sie es wagen, seinen Namen zu erwähnen. Aus Rache hat Hickenlooper seine Rolle mit Hayden Christensen (Anakin Skywalker aus "Star Wars") besetzt, dem nachweislich untalentiertestem Jungschauspieler Hollywoods.

Factory Girl

USA 2006, 91 min., ab 12 Jahren

Regie: George Hickenlooper

Darsteller: Sienna Miller, Guy Pearce, Hayden Christensen

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