Union Berlin

Kruse schießt Union nach Europa

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Michael Färber
Max Kruse (Mitte), Stürmer von Union Berlin, bejubelt seinen Siegtreffer.

Max Kruse (Mitte), Stürmer von Union Berlin, bejubelt seinen Siegtreffer.

Foto: JOHN MACDOUGALL / AFP

Union schlägt RB Leipzig mit 2:1 und schafft den Sprung in die Conference League. Kruse trifft in der Nachspielzeit.

Berlin. Diesen Triumph kosteten beim 1. FC Union alle ausgiebig aus. Die Spieler auf dem Balkon der Haupttribüne, die Fans auf dem Parkplatz davor oder auch vor dem Stadiongelände. Weil es der nächste Meilenstein für den Fußball-Bundesligisten ist. Aufstieg in die Bundesliga 2019, Klassenerhalt 2020, Sprung in den Europapokal 2021 – und das noch durch ein 2:1 (0:0) im Prestigeduell gegen RB Leipzig. Durch ein Tor von Max Kruse. In der Nachspielzeit.

Das „Eisern Union“, das nun vor dem Stadion hallte, wirkte wie eine Befreiung nach Monaten voller Geisterspiele, voller Entbehrungen, voller Distanz durch das Coronavirus. „Es ist natürlich Weltklasse, dass wir uns belohnen für so eine herausragende Saison“, sagte Kruse überglücklich, „im letzten Spiel, in der letzten Minute, ich glaube, besser kann man die Geschichte nicht schreiben. Wir haben uns das verdient.“

2000 Fans feiern Union Berlin beim Pilotprojekt

Es war ein Sonnabend, der etwas Besonderes einforderte, weil er die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür gab. 2000 Fans in der Alten Försterei, denen das Glück, zu den Auserwählten des Pilotprojekts zu gehören, ins Gesicht geschrieben stand. Von Stadionsprecher Christian Arbeit mit „Hey Unioner, da seid ihr ja. Willkommen zu Hause“ empfangen, aus den Lautsprechern mit dem Rockklassiker „The Boys Are Back In Town“ von Thin Lizzy begrüßt, in Erwartung des prestigeträchtigen Duells gegen RB Leipzig, die Chance auf die Europa Conference League vor Augen – dieser 22. Mai wirkte wie eine Zeitreise, zurück ins Jahr 2019, zurück zum bislang größten Erfolg der Klubgeschichte: der Aufstieg in die Bundesliga.

„Wir sind zurückgekommen, nachdem wir eigentlich nicht zwingend in Rückstand lagen“, sagte Union-Trainer Urs Fischer. Tatsächlich war der Rückstand durch Justin Kluivert in der 55. Minute das Resultat eines eigenen Ballverlustes, nicht eines übermächtigen Gegners. „Dann hast du einen Torwart, der dich mit acht Armen im Spiel hält“, so Fischer weiter. Ob Marcel Sabitzer, Konrad Laimer (beide 81.) oder Alexander Sörloth (86.) – Union-Keeper Andreas Luthe warf sich allem entgegen, was auf sein Tor kam. Als wolle er sein etwas übermotiviertes Herauslaufen vor dem Rückstand unbedingt wieder wettmachen. Schon während des Spiels schallte es „Luthe, Luthe“ von den Rängen, ebenso nach dem Abpfiff auf der Ehrenrunde. „Das ist eine Achterbahn der Gefühle. Ich brauche wohl noch einen Moment, um das zu verarbeiten“, gestand Fischer.

Fans von Union Berlin schweigen 15 Minuten

Danke Unioner – das war das Motto dieses letzten Saisonspiels. Es galt unter anderem all jenen, die trotz der Geisterspiele ihr Geld für Dauerkarten nicht zurückforderten. Es galt auch jenen Profis, das Union vor der Partie verabschiedete: Loris Karius, Petar Musa, Joel Pohjanpalo, Nico Schlotterbeck, Taiwo Awoniyi (alle nur bis Saisonende ausgeliehen), Christian Gentner, Akaki Gogia, Christopher Lenz und Florian Hübner verlassen den Klub.

Fans im Stadion gegen RB Leipzig, das bedeuteten auch wieder 15 Schweigeminuten, um gegen das „Konstrukt RB“ zu protestieren. Am Zaun vor dem leeren Union-Fanblock hing ein Transparent: „Alle Monster müssen steRBen“ – geschmacklos. Erst als die letzten Sekunden zum Ablauf der Viertelstunde heruntergezählt wurden, erwachte die Alte Försterei endgültig.

Und Union war spätestens jetzt auch hellwach, setzte das um, was Trainer Urs Fischer erhofft hatte: aufmerksames und aufopferungsvolles Defensivverhalten, dazu einige mutige Offensivaktionen, und alles gegen eine Leipziger Elf, die weit entfernt war von jener gnadenlosen Passmaschine, zu der der zum FC Bayern wechselnde Coach Julian Nagelsmann die Leipziger umgeformt hat.

Gladbach setzt Union Berlin unter Druck

Dennoch wurde schnell klar, dass es des erwarteten Kraftaktes bedurfte, um den Sprung ins internationale Geschäft zu schaffen. Dass Mönchengladbach früh in Bremen führte und schließlich auch mit 4:2 gewann, bedeutete, dass Union ebenso einen Sieg gegen Leipzig brauchte, das hatte schnell die Runde gemacht.

Max Kruse wollte RB-Torwart Josep Martinez aus gut 30 Metern überlisten – und verfehlte das Tor (5.). Über Kruse, Lenz und Musa konterte sich Union vor das Leipziger Tor – doch der Ball prallte nur an den Pfosten (34.). Gentner verzog (35.), ebenso Lenz (37.) – dann musste Luthe erstmals eingreifen gegen Emil Forsberg und Hee-Chan Hwang (beide 45.).

„Natürlich waren wir auf dem Laufenden, wie es auf den anderen Plätzen steht. Und dann haben wir mehr Risiko genommen, bis wir dann all in gegangen sind“, erklärte Fischer. Der Union-Trainer bot nach dem Rückstand Schritt für Schritt alles auf, was an Offensivkraft noch zur Verfügung stand. Nur so sprang die Ecke heraus, die Christopher Trimmel in den Strafraum schlug und von Marvin Friedrich wuchtig verwandelt wurde (67.).

Union Berlin erneut mir großem Willen

„Es ist sensationell, dass heute wieder Zuschauer zugelassen wurden“, wusste Kruse, dass die Unterstützung von den Rängen jetzt auch helfen würde, um diesen finalen Kraftakt doch noch zu einem erfolgreichen Ende zu führen. „Das war heute ein Paradebeispiel. Ich bin eigentlich stehend K.o., aber trotzdem war der Wille so groß, dass wir weiter nach vorn gespielt haben“, sagte Union-Kapitän Trimmel. So lange, bis Kruse in der Nachspielzeit alles in einen Kopfball legte, der in einem rot-weißen Freudentaumel enden sollte.

„Nicht nur der Trainer hatte den Glauben nicht verloren, sondern auch die Spieler bis zum Schluss nicht“, freute sich Coach Fischer: „Dass es dann am Schluss so aufgeht, das ist ein Drehbuch für Hollywood. Ich würde fast sagen ein Thriller.“

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