Union Berlin

Union vor dem Derby: Vom Anfänger zum anerkannten Gegner

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Michael Färber
Union vs Hertha: Verkehrte Welt vor Berliner Derby

Union vs Hertha: Verkehrte Welt vor Berliner Derby

Verkehrte Welt vor dem Berliner Derby: Während Hertha BSC Punkte für den Klassenerhalt braucht, kämpft Union Berlin unerwartet um Europa. Dennoch hat Hertha-Coach Pal Dardai ein "gutes Gefühl" vor dem Stadtduell, bei dem er wieder auf Sami Khedira zurückgreifen kann.

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Union hat sich in knapp zwei Jahren zum akzeptierten Bundesliga-Mitglied entwickelt. Das soll nun auch Hertha zu spüren bekommen.

Berlin. Der Blick galt nicht zuletzt den Nationalspielern. Ob Christopher Trimmel (Österreich), Joel Pohjanpalo (Finnland), Julian Ryerson (Norwegen), Marcus Ingvartsen (Dänemark) oder die beiden U21-EM-Teilnehmer Nico Schlotterbeck (Deutschland) und Petar Musa (Kroatien) – „alle sind gesund zurückgekommen, fühlen sich gut und haben auch schon gut mittrainiert“, sagt Urs Fischer, der Trainer von Union Berlin.

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Was für viele Vereine in den Länderspielpausen völlige Normalität ist – zum Beispiel beim Lokalrivalen Hertha BSC – ist für die Köpenicker immer noch etwas Besonderes. Etwas Neues, das es an der Alten Försterei einzupreisen gilt in die tägliche Trainingsarbeit. Zugleich dokumentiert die Abstellung von sechs Profis zu ihren Nationalteams auch die Entwicklung, die Union vor dem zweiten Duell dieser Saison gegen Hertha am Ostersonntag (18 Uhr, Sky) genommen hat.

Union Berlin wird von der Konkurrenz ernst genommen

Die Mannschaft von Fischer ist vor dem vierten Berliner Derby in der Fußball-Bundesliga weit weg von jener Mannschaft, die sich mit einer gehörigen Portion Unbedarftheit auf dem Weg zum Klassenerhalt gemacht hat, auch dank des 1:0 im allerersten Erstliga-Duell gegen Hertha. Auch ist nur noch wenig zu sehen von jener Mannschaft, deren Naivität sie nach dem Re-Start der Liga – inklusive des 0:4 im Olympiastadion - in der Saison 2019/20 noch einmal in Bedrängnis gebracht hat. Oder die euphorisiert von der eigenen Erfolgsserie ein wenig zu übermütig wurde (Rot für Robert Andrich) und das erste Derby in dieser Saison trotz Führung noch mit 1:3 zu verlor.

Es ist der so oft zitierte Lernprozess, den Union erst hat durchlaufen müssen, um einen Status zu erreichen, der mehr dokumentiert als nur Respekt der Konkurrenz. Union ist – obwohl noch nicht ganz zwei Jahre im Oberhaus des deutschen Fußballs unterwegs – anerkannt als Gegner, den man ernst nehmen muss. Und die Länderspielfahrer sind nur ein Bereich, der diesen neuen Status dokumentiert.

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Union Berlin überzeugt mit Teamgeist

Dann ist da der Teamgedanke, der in einer Mannschaftssportart wie Fußball im Grunde genommen zur DNA gehört, bei Union jedoch noch mal ein wenig mehr verinnerlicht wird als in anderen Klubs, vor allem auf dem Platz. Dass dies von Trainer Fischer vorgelebt wird, ist eine Sache. „Es geht nicht um Matheus Cunha oder Dodi Lukebakio“, sagt der Schweizer in Richtung Derby, „sondern darum, wie können wir Hertha schlagen.“

Die Begriffe „Kompaktheit“ und „Organisation“ fallen wie auf Bestellung, „hier dürfen wir uns keine Fehler leisten“, appelliert Fischer schon jetzt an jeden Einzelnen. „Auch das Thema Restverteidigung wird wichtig sein. Wir haben gegen Frankfurt gesehen, dass es schwierig wird, wenn wir in einen offenen Schlagabtausch gehen.“ Das 2:5 bei der Eintracht als Warnschuss zur rechten Zeit.

Punkt drei, der Union so gefestigt auftreten lässt, wird gern unterschlagen, weil in Zeiten der Coronavirus-Pandemie keine Zuschauer ins Stadion dürfen. Doch der Heimvorteil, der in den ersten Wochen und Monaten der Geisterspiel-Ära ob der fehlenden Unterstützung von den Rängen stark abgenommen hatte, ist wieder zu einem Heimvorteil geworden. Zumindest bei Union.

Keine Frage, die Heimstärke der Köpenicker hat sich zu großen Teilen aus der Wucht der Alten Försterei gespeist. Die Enge des Stadions war stets ein Pfund, mit dem Union hat wuchern können. Doch zum Erfolgsgeheimnis der Ära Fischer zählt auch, dass sich die Mannschaft einen gewissen Pragmatismus zu eigen gemacht hat, mit dem sie die Herausforderungen angeht.

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Union Berlin hat sich von den Fans emanzipiert

Die Emanzipation vom Rückhalt der Fans im Stadion hat einen großen Teil dazu beigetragen, dass Union als Tabellensiebter in den Derby-Spieltag geht – sieben Ränge vor dem Lokalrivalen und mit einer im Vergleich zur vergangenen Saison verbesserten Heimbilanz. Waren es 2019/20 noch 19 Punkte aus sechs Siegen, einem Unentschieden und sechs Niederlagen, so stehen nun nach 13 Heimspielen 22 Zähler aus fünf Siegen und sieben Remis auf der Habenseite.

Die einzige Niederlage zu Hause gab es am ersten Spieltag gegen den FC Augsburg (1:3). Ergo: Die Alte Försterei ist längst wieder zu einer Festung geworden. Auch aus diesem Grund nimmt Fischer seine Mannschaft in die Pflicht: „Es gibt auch ein Spiel mit dem Ball, und gerade zu Hause müssen wir uns zutrauen, Gefahr zu entwickeln“, sagt Fischer.

Gleichwohl wird der Union-Trainer nicht müde, jedes Zuschanzen der Favoritenrolle mit dem Herausstellen der Qualitäten des Gegners zu kontern. Herthas 3:0 zuletzt gegen Bayer Leverkusen sei ein „überzeugender Auftritt“ gewesen, „sehr solidarisch mit gutem Umschaltspiel. Ich glaube auch, dass sie inzwischen kompakter daherkommen.“ Darin versteckt ist auch gleich eine Anerkennung an die Arbeit von Hertha-Trainer Pal Dardai, den Fischer „persönlich nicht kennt. Aber ich habe schon die eine oder andere Pressekonferenz von ihm gesehen und freue mich schon auf das erste Treffen mit ihm.“

Union Berlin will endlich die 41 Punkte erreichen

Und während Christopher Lenz Hertha im Abstiegskampf „lange leiden“ sehen will, Robert Andrich „gewarnt“ ist vor dem wiedererstarkten Dardai-Team und der Derby-erfahrene Robin Knoche (mit Wolfsburg gegen Hannover und Braunschweig) „einiges geraderücken“ will nach dem Hinspiel, ist der Antrieb aller Unioner derselbe: mit einem Sieg gegen Hertha jene 41 Punkte zu erreichen, die im ersten Bundesliga-Jahr am Ende auf dem Konto standen. Um sich dann vielleicht doch noch höheren Zielen widmen zu können.

„Natürlich ist es ein spezielles Spiel“, sagt Fischer, „da sind viele Emotionen mit dabei“, wenn auch nicht während der 90 Minuten auf den Rängen. Dennoch sei das Derby „für die Fans ein sehr wichtiges Spiel“. Beim Anhang geht es schlicht um die Deutungshoheit, wer denn nun die Nummer eins in der Hauptstadt ist. Oder wie es Fischer bezeichnete: „Du machst lieber Sprüche nach dem Derby, als dass du sie dir anhören musst.“

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