Kolumne „Einwurf Union“

Nochmal dabei sein in der Alten Försterei

Nicht nur beim Fußball-Bundesligisten 1. FC Union gilt: Für Stimmung muss man sorgen, nicht welche machen.

Stimmung in der Alten Försterei bei Union Berlin geht auch mit Abstand.

Stimmung in der Alten Försterei bei Union Berlin geht auch mit Abstand.

Foto: Andreas Gora / dpa

Nochmal ein Ticket lösen! Nochmal dabei sein! Gleich geht sie los, die wilde Fahrt! Wer jetzt ein Lächeln im Gesicht hat oder gar ein wenig glasige Augen bekommt, dem geht es genauso wie mir nach einem Sommer, der seinen Namen eigentlich gar nicht verdient. Nicht wegen des Wetters, da hatte es doch den einen oder anderen hitzigen Moment für ein kühles Erfrischungsgetränk gegeben. Es waren die Zutaten, die gefehlt haben, um einen Sommer wirklich zu dem zu machen, den wir seit unseren Kindheits- und Jugendtagen Jahr für Jahr immer wieder herbeisehnen.

Die Alte Försterei von Union Berlin hat Wucht

Doch statt eines Konzert-, Party- oder Fußball-Sommers bleibt einem nichts anderes übrig, als sich an jene Zeiten zu erinnern, in denen Corona maximal mit einem lateinamerikanischen Bier oder dem beeindruckenden Kranz um die Sonne in Verbindung gebracht wurden. Nochmal ein Ticket lösen! Nochmal dabei sein! Das erste Mal, dass ich im Stadion dabei gewesen bin, ist schon ein wenig her. Doch das Erlebnis hat mir gezeigt, dass dies durchaus meine Welt werden könnte. Dieses Ticket, welches damals noch Eintrittskarte hieß, gewährte mir den Zugang zum Olympiastadion. Die Alte Försterei lag für mich im anderen Teil Deutschlands und damit gefühlt unerreichbar.

Was hängen blieb, war die Stimmung, die nur zustande kommt, wenn Menschen zusammenkommen, weil sie unterhalten werden möchten. Das trifft für Konzerte ebenso zu wie für Fußballspiele. Insofern hat das Köpenicker Schmuckkästchen sicher Maßstäbe gesetzt. Welche Wucht von einer voll besetzten Försterei ausgehen kann, bekam der VfB Stuttgart in der Relegation 2019 zu spüren, oder auch Borussia Dortmund bei Unions erstem Bundesliga-Sieg überhaupt. Welch eine Stimmung. Nochmal ein Ticket lösen! Nochmal dabei sein!

Bei Union Berlin geht Stimmung auch ohne Stimmungsmacher

Dies geht in Zeiten des Coronavirus längst nicht mehr so leicht wie bei meiner Stadionpremiere, als man einfach an die Kasse ging und die brodelnde Arena im Hintergrund längst im Blick hatte. Heute heißt es: Online registrieren, Vereinsmitglied sein, Glück haben bei der Verlosung, die Personalien beim Einlass mit den Ticketdaten abgleichen lassen, seinen Platz einnehmen. Und bitte nicht den Mund-Nasen-Schutz vergessen. Gleich geht sie los, die wilde Fahrt.

Auffällig ist, dass schon wenige Gleichgesinnte im Stadion ausreichen, um Fußball-Atmosphäre zu erzeugen. Die Stimmung in Unions Alter Försterei ist sicher nicht so laut oder mächtig wie in einer ausverkauften Arena, aber sie war doch spürbar. Deutlich spürbar. Prompt kam mir meine Stadionpremiere in den Sinn. Stimmung im Stadion, und das ganz ohne Stimmungsmacher – es brauchte offenbar wirklich erst dieses unsägliche Virus, um dieses Erlebnis wieder möglich zu machen. Weil es möglich ist, mit Menschen, die ihre Freude, ihren Ärger, ihre ganze Leidenschaft mit der Mannschaft auf dem grünen Rasen teilen und nicht nur in erster Linie sich selbst genügen wollen.

Union Berlin macht trotzdem Stimmung

Nein, auf Stimmung braucht man bei Union dieser Tage nicht zu verzichten. Und wenn schon im Stadion offenbar für zu wenig Stimmung gesorgt wird, dann macht man eben außerhalb der Spielstätte Stimmung. Für ein volles Stadion. Ohne Abstand, ohne Mund-Nasen-Schutz, mit Präventivtests, deren Verlässlichkeit – sagen wir – einem die Stimmung ordentlich vermiesen kann. Während die Stimmung bei denen, die darüber zu befinden haben, was in Berlin möglich ist, angesichts der steigenden Corona-Zahlen ohnehin gerade in den Keller rauscht.

Merke: Wer in der Lage ist, für gute Stimmung zu sorgen, der braucht niemanden, der Stimmung macht. Das geht problemlos, wenn man seine Handlungen der Realität anpasst – und nicht umgekehrt. Dann kann der Herbst vielleicht ein wenig wettmachen von dem, was der Sommer zu Jahresbeginn noch versprach und nicht halten konnte. Ich freue mich schon auf die nächsten wilden Fahrten. Nochmal ein Ticket lösen! Nochmal dabei sein!

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