Bundesliga

Bei Union liegt in der Ruhe die Gefahr

Standards sind bei Union in der Offensive Trumpf, defensiv erweisen sie sich als Gefahr. Nicht die besten Voraussetzungen fürs Derby.

Unions Rafal Gikiewicz

Unions Rafal Gikiewicz

Foto: Hannibal Hanschke / AFP

Berlin. In Berlin kennt man sich mit Baustellen aus. Ob es nun die neueste Fahrbahnverengung auf der Avus ist, der Schienenersatzverkehr bei der S-Bahn oder die altbekannte Posse um den BER. Dass man in der Hauptstadt nicht um Baustellen herumkommt, mussten sie auch beim 1. FC Union in dieser Saison einsehen. Seit Beginn der ersten Bundesliga-Spielzeit der Vereinsgeschichte wird bei den Köpenickern gewerkelt - Schauplatz: die Abwehrkette.

Zehn verschiedene Varianten hat Urs Fischer in den bislang absolvierten 26 Spieltagen aufs Feld gezaubert. Und seine Künste als Baumeister sind auch gefragt, wenn Union am Freitag zum Derby bei Hertha BSC antritt (20.30 Uhr, Olympiastadion). Weil sich Innenverteidiger Keven Schlotterbeck beim 0:2 gegen Tabellenführer Bayern München am Sonntag die fünfte Gelbe Karte einhandelte.

Platzverweise, Sperren, Verletzungen – die Liste der Gründe für die unterschiedlichen Startformationen ist lang. Die Konsequenzen aber lassen sich auf einen Punkt reduzieren. Union fehlt durch die Umstellungen die Stabilität in der Abwehr, weil ständig eine neue Zuordnung hermuss. Das war auch gegen Rekordmeister München zu sehen, als erst der ein wenig orientierungslose Neven Subotic einen Elfmeter gegen Leon Goretzka verursachte und Florian Hübner, als Ersatz für den gelb-rot-gesperrten Marvin Friedrich, später mit halbherzigem Einsatz zusah, wie Bayerns Benjamin Pavard zum Endstand einnickte.

Union Berlin kassierte in den letzten vier Spielen sechs Gegentore nach Standards

Behäbiges Abwehrverhalten, das den Bayern ermöglichte, durch zwei Standardsituationen drei Punkte einzufahren. Ausgerechnet, sind die ruhenden Bälle doch eigentlich die Stärke der Berliner. Zumindest in der Offensive. 14 der 32 bisherigen Saisontore fielen nach Standardsituationen. Und Christopher Trimmel ist mit sieben Assists ligaweit sogar der beste Vorbereiter nach ruhenden Bällen.

Der Kapitän sah es durchaus als Bestätigung der eigenen Mannschaftsleistung, dass es den Weltklasse-Kickern aus München in der Alten Försterei nicht gelang, abseits von Standardsituationen zu treffen. „Es ist immer positiv, aus dem Spiel heraus gegen Bayern kein Tor zu kassieren“, sagte der Außenverteidiger.

Man kann allerdings auch einen anderen Interpretationsansatz wählen. Bei Union liegt in den ruhenden Bällen die Gefahr – ein Gegentor zu kassieren. In den vergangenen vier Pflichtspielen landete der Ball gleich sechs Mal nach Standards im eigenen Tor. Dabei sollten diese einstudierten Situationen einfacher zu verteidigen sein als Angriffe und Konter aus der laufenden Partie heraus. Das weiß auch Co-Trainer Markus Hoffmann, der Chefcoach Urs Fischer gegen Bayern an der Seitenlinie vertreten hatte.

Herthas Wintereinkäufe sind für Union Berlin zwei Unbekannte

„Das ist sicher etwas, was noch am einfachsten zu trainieren ist oder für das man weniger Zeit braucht“, sagte der 47-Jährige. Gut, Zeit hat Union sowieso nicht bis zum Derby gegen den Stadtrivalen aus Westend. Und da bekommen es die Köpenicker auch noch mit zwei Unbekannten zu tun.

Als beide Teams im vergangenen November in der Alten Försterei aufeinandertrafen und Union durch einen verwandelten Elfmeter (Standard, natürlich) den Derbysieg feierte, bestand der Hertha-Angriff noch aus Vedad Ibisevic und Dodi Lukebakio. Aber die Westberliner haben offensiv nachgelegt, mit Krzysztof Piatek und Matheus Cunha im Winter zwei Stürmer geholt, die noch nicht ihr ganzes Leistungsspektrum präsentiert haben dürften.

Und während Union in der Niederlage gegen Bayern positive Erkenntnisse sucht (Hoffmann: „Wir sind zuversichtlich, weil wir physisch mithalten können“), ist Hertha unter Neu-Coach Bruno Labbadia gleich mit einem 3:0 gegen Hoffenheim aus der Corona-Pause gestartet. Wer mit der breiteren Brust ins Derby geht, ist also wohl nur eine rhetorische Frage.

Friedrich dürfte in Union Berlins Startelf zurückkehren

Deshalb machen die Unioner das, was sie am liebsten tun: auf sich selbst schauen. Auch wenn Hertha dank des Hoffenheim-Sieges und der Union-Niederlage in der Tabelle am Aufsteiger vorbeigezogen ist – erstmals seit Anfang November, dem Spieltag vor dem Derby. „Wir schauen nicht auf die Tabelle, ob Hertha vor oder hinter uns liegt“, sagte Hoffmann, der aller Voraussicht nach zum Derby wieder mit Fischer rechnen darf. „Bei uns geht es rein um die Punkte, die wir brauchen, um unser großes Ziel zu erreichen. Und das ist der Klassenerhalt.“

Auf dem Weg dahin sind weder gehäufte Standardgegentore noch die Dauerbaustelle Abwehr wirklich hilfreich. Zumindest bei Letzterem müssen Fischer und sein Trainerteam nicht allzu erfinderisch werden. Marvin Friedrich dürfte nach seiner Gelb-Rot-Sperre wieder in die Startelf zurückkehren und gemeinsam mit Subotic und Hübner in der angestammten Dreierkette verteidigen. Bei Union hat man eben auch gelernt, wie man Baustellen notdürftig flickt.

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