Bundesliga

Union gegen Bayern – Ausnahmezustand in Köpenick

Auf Union wartet gegen den FC Bayern sportlich das größte Heimspiel der Klubgeschichte – und wegen der Corona-Krise auch das schwerste.

Die Unioner Christopher Trimmel (l.) und Torwart Rafal Gikiewicz (r.) stoppen Bayerns Serge Gnabry (Mitte).

Die Unioner Christopher Trimmel (l.) und Torwart Rafal Gikiewicz (r.) stoppen Bayerns Serge Gnabry (Mitte).

Foto: Stefan Matzke / pa / sampics

Berlin. Schon zwei Stunden vor dem Anpfiff herrscht unfassbares Chaos vor der Alten Försterei. Die Anfahrtswege sind verstopft, man kommt höchstens im Schritttempo voran. Das Areal vor dem Stadiongelände ist von der Polizei weiträumig abgesperrt.

Und je näher man dem Schmuckkästchen in Köpenick kommt, desto lauter wird das Hintergrundgeräusch, das sich in Kürze in einen Orkan der Unterstützung entladen wird, der die Mannschaft des 1. FC Union durch das Spiel trägt. Vielleicht bis hin zu einer Sensation gegen den deutschen Meister Bayern München. Sonntag, 18 Uhr, in Köpenick herrscht Ausnahmezustand.

Mundschutz statt Blechlawine bei Union Berlin

Doch die Bilder, die einem aus der Erinnerung bisheriger Heimspiele des Berliner Fußball-Bundesligisten sofort in den Sinn kommen, weichen sogleich der durch das Coronavirus bestimmten Realität. Es wird keine Blechlawine geben, die sich in Richtung Stadion schiebt.

Von mitreißenden Emotionen keine Spur, stattdessen bestimmt die kalte Analyse die Zeit vor dem Anpfiff. Sitzt der Mundschutz auch richtig? Wird die Abstandsregelung eingehalten? Und anstelle des verbalen Orkans setzt nur der Frühlingswind zu einem Grundrauschen an. Sonntag, 18 Uhr, in Köpenick herrscht Ausnahmezustand.

Union Berlin startet ohne Trainer Urs Fischer

Das Duell des Erstliga-Neulings gegen den Klassenprimus hätte das größte Heimspiel in der Union-Geschichte werden sollen. Durch die Corona-Pandemie wird aus dem Fußball-Feiertag die wohl größte Herausforderung für die Köpenicker.

Nicht zuletzt auch deshalb, weil Union nicht nur auf die wichtige Unterstützung von den Rängen verzichten muss, sondern auch noch auf seinen Cheftrainer. Urs Fischer wird wegen des Todes seines Schwiegervaters nicht an der Seitenlinie stehen, sondern vorbehaltlich zweier negativer Corona-Tests erst am Montag wieder zur Mannschaft stoßen.

Für den Schweizer übernimmt ein Österreicher die Aufgabe an der Seitenlinie. Und Markus Hoffmann, Fischers Co-Trainer, braucht nicht lange, um die Unmöglichkeit vor dem Re-Start in die Saison herauszustellen.

Nicht nur Union Berlin fehlen die Erfahrungswerte

Ist die Mannschaft nach der Quarantäne-Woche im Trainingslager in Barsinghausen gut vorbereitet? „Das ist unmöglich einzuschätzen, weil es noch nie eine Vorbereitung in dieser Form gegeben hat. Man hat keine Erfahrungswerte.“

Kann Union die Bayern, die auch nicht mehr Vorbereitungszeit hatten, vielleicht überraschen? „Bayern zu überraschen, ist nahezu unmöglich. Die Erfahrung, die diese Spieler mitbringen, die nahezu alles erlebt haben, ist sehr schwierig. Wir müssen uns auf uns konzentrieren und versuchen, das, was wir können, bestmöglich umzusetzen.“

Hoffmanns Worte folgen dem Fischer-Duktus, sich nicht allzu viel mit dem Gegner zu beschäftigten, sondern eher mit den eigenen Möglichkeiten. Das suggeriert einen Hauch von Normalität vor der Rückkehr in den Spielbetrieb, mehr jedoch nicht.

Unions Co-Trainer Hoffmann fordert Pragmatismus

Der Einfluss von Trainer Fischer auf die Mannschaft ist schon enorm. Seine Art, die Mannschaft zu führen, auch die Ansprache an die Spieler, war ein Grund für den Aufstieg in die Bundesliga. Und danach ein wichtiger Faktor dafür, dass die Mannschaft in 25 Spielen 30 Punkte holen konnte.

Co-Trainer Sebastian Bönig „und ich sind ja immer dabei. Es ist derzeit nur einer weniger im Trainerteam und wir sind immer in Kontakt mit Fischer gewesen“, erklärte Hoffmann. Und er lobte die Mannschaft: „Jeder akzeptiert die Situation und akzeptiert auch jeden von uns als Trainer. Es ist ja auch sonst nicht so, dass wir keine Anweisungen geben.“

Und Hoffmann, einst Mittelstürmer, bringt ebenfalls jenen Pragmatismus mit, der derzeit mit seinen umfassenden Regeln erforderlich ist. „Fußball basiert ohnehin auf Regeln, diese sind in der jetzigen Situation ein bisschen mehr geworden. Also müssen wir diese Auflagen umsetzen. Ich kann ja auch bei den Fußballregeln nicht alles immer in Frage stellen.“

Union Berlin wird zur Klubhymne einlaufen

Entsprechend emotionslos wird die Alte Försterei sein. Unions Profis haben sich zwar entschieden, zur Klubhymne von Nina Hagen einzulaufen, natürlich ohne Einlaufkinder, so wie es das Hygienekonzept der Deutschen Fußball Liga (DFL) vorschreibt. „Das wird aber das einzige unterhaltende Element sein“, verdeutlichte Christian Arbeit, Unions Geschäftsführer Kommunikation und auch Stadionsprecher.

Es wird kein Verlesen der Mannschaftsaufstellungen oder möglicher Torschützen geben, auch keine Zaunfahnen oder Transparente auf den Rängen, die die Mannschaft wenigstens virtuell unterstützen würden. „Es ist eine besondere Situation, die durch nichts aufgeweicht werden soll. Wir werden nicht Normalität erzeugen, wo keine Normalität ist“, sagte Arbeit.

Man darf also gespannt sein, wie gefestigt Unions Mannschaft tatsächlich ist. Ob sie ihren Kollektivgedanken gleich gegen die fußballerisch ohne Zweifel besseren Bayern umsetzen kann, zu den berühmten Nadelstichen in der Lage ist. Und ob sie – vermutlich im bis zur Saison-Unterbrechung praktizierten 3-5-2-System – den nächsten Schritt in Richtung Klassenerhalt vollziehen kann.

Union-Manager Ruhnert: „Das ist für uns ein Nachteil“

„Ein Heimspiel ohne Zuschauer gegen Bayern München ist auf jeden Fall für uns ein Nachteil“, hatte Oliver Ruhnert, Unions Kaderplaner, unter der Woche klargemacht.

Es war Mittelfeldspieler Grischa Prömel, der den Charakter der Mannschaft jedem noch einmal ins Gedächtnis rief: „Wir sind eine Mannschaft, die übers Kollektiv kommt. Bei uns muss jeder mitziehen, jeder einen guten Tag haben. Kämpfen, laufen, beißen – das ist gegen Bayern noch wichtiger als gegen die anderen Gegner.“

Erst recht an einem Tag, an dem in Köpenick Ausnahmezustand herrscht.

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