Einwurf Union

Wie Union Halt in der Tradition des Arbeitervereins sucht

Nicht nur Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Union würde die Zeit gern ein wenig zurückdrehen. Die Gründe dafür sind nachvollziehbar.

Sportredakteur Michael Färber.

Sportredakteur Michael Färber.

Ich mag den Winter. Sehr sogar. Klare Luft, die die Lungen flutet, straffe Kälte, die nach anstrengendem Tagwerk erfrischt, weicher Schnee, der jeden Schritt mit seinem entspannenden Knirschen begleitet. Aufmerksame Leser werden den Fehler sicher längst bemerkt haben. Es ist eben nichts mehr so, wie es einmal war. Nirgends ist etwas zu sehen von der weißen Pracht, die sich sonst nahezu poetisch zu häufen vermochte. Stattdessen genügt ein Blick auf die ersten Knospen des Magnolienbaums in Nachbars Garten, um festzustellen: Diese Hitze ist unerträglich.

Ich wäre jedenfalls nicht abgeneigt, ein Stück dieser guten, alten Zeit zurückzuholen, wenn ich es nur irgendwie könnte. Wenigstens einige Augenblicke. Mit diesem Ansinnen scheine ich offenbar nicht ganz allein zu sein. Was nicht unbedingt etwas mit der immer noch als kalt bezeichneten Jahreszeit zu tun hat. Sondern mit der Sehnsucht nach einer Phase, die man für sich selbst als beglückend, angenehm oder auch erfolgreich verortet hat. Erst recht in einer Zeit, die sich durch ihren rasanten Wandel definiert.

Viele Traditionalisten im Profifußball

Gerade im Profifußball ist das Lager jener groß, die an Liebgewonnenem festhalten wollen. Das Traditionsmasters bringt jeden Januar die Max-Schmeling-Halle fast zum Bersten. Noch einmal die inzwischen gealterten Recken erleben wie zum Beispiel Bremens Meister-Kugelblitz Ailton, Herthas Rekordspieler Pal Dardai oder Unions Legende Torsten Mattuschka. Dazu die unvergleichliche Hallenturnier-Atmosphäre, die man selbst noch in der Deutschlandhalle erleben durfte – oder sich von Zeitzeugen hat erzählen lassen.

Ja, durch Tradition definieren sich nicht nur komplette Völker, sondern auch einzelne Gruppen oder Vereine. Sie gibt Halt, wenn einem die Entwicklung nicht gefällt. Oder man sie sogar ablehnt. Nicht nur, aber auch beim 1. FC Union ist dieses Streben in zahlreichen Facetten ausgeprägt, nicht zwingend bei den Entscheidern, aber bei jenen, die den Verein begleiten. Ein Teil der Fans des Bundesligisten, bei dem Teilhabe und Mitbestimmung immer groß geschrieben werden, protestiert unaufhörlich gegen Konstrukte wie RB Leipzig, die nicht ihrer Tradition, ihrer Vorstellung von Fußball entsprechen.

Union will an seinem Arbeiterverein-Etikett festhalten

Tradition gibt einem auch Hoffnung, selbst wenn man weiß, dass man die Zeit eben doch nicht zurückdrehen kann. Dass Union seinen ehemaligen Kapitän Mattuschka zum ersten offiziellen Botschafter des Klubs ernannt hat, zeigt den großen Wunsch der Köpenicker, an einem bestimmten Etikett – nennen wir es mal: Arbeiterverein – so lange es geht festhalten zu wollen. Wie kein anderer in den vergangenen zehn, 15 Jahren verkörperte „Tusche“ jenen unbändigen Kampfgeist, auf den sich selbst der heutige Erstliga-Kader immer wieder beruft.

Und Tradition schafft Identifikation in einer sich immer globaler ausrichtenden Welt. Die Rückkehr von Arne Friedrich zu Hertha BSC – wenn auch auf dem alles andere als traditionellen Posten des Performance Managers – brachte den Blau-Weißen eine Figur zurück, mit der man bessere Zeiten verbindet als die derzeitigen. Gleiches gilt für den 1. FC Köln, der mit Lukas Podolski gar einen „Kölsche Jung“ wieder in den Verein holen wird, in welcher Position auch immer.

Der FC Bayern hält mit ehemaligen Spielern die Identifikation aufrecht

Und ob man es glauben mag oder nicht: Der FC Bayern weiß seit Jahrzehnten mit ehemaligen Spielern die Identifikation der Fans mit dem Klub aufrechtzuerhalten. Letztes Beispiel ist Oliver Kahn, der seit Jahresbeginn Vorstandsmitglied beim deutschen Meister ist und Ende 2021 Karl-Heinz Rummenigge als Vorstandsvorsitzenden beerben soll.

Nur einen Fehler sollte man nicht machen: sich ausschließlich auf Traditionen berufen. Weil sich Entwicklungen eben nur selten aufhalten lassen. Vielleicht war meine Idee, eine dickere Winterjacke zu kaufen, dann doch nicht die allerbeste.