Derby

Union gegen Hertha – der große Teamcheck

Union gegen Hertha – wer hat im ersten Bundesliga-Derby die besseren Karten? Die Morgenpost analysiert beide Teams im großen Vergleich.

Anthony Ujah, Christian Gentner und Marius Bülter - drei Zugänge, auf die Union setzen kann.

Anthony Ujah, Christian Gentner und Marius Bülter - drei Zugänge, auf die Union setzen kann.

Foto: Herbert Rudel / picture alliance / Pressefoto Rudel

Berlin. Am Sonnabend ist es soweit. Dann steigt in der Alten Försterei das Bundesliga-Derby zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC. Anstoß für das Topspiel des zehnten Spieltages ist um 18.30 Uhr.

Die 22.012 Fans im Stadion erwartet das Duell des Tabellen-15. aus Köpenick gegen den Liga-Elften aus Westend. Die Morgenpost vergleicht die beiden Mannschaften, die in der Bundesliga das allererste Mal aufeinandertreffen.

Torwart: Gikiewicz und Jarstein sind die großen Rückhalte

Am späten Mittwochabend war Thomas Kraft (31) der Held. Der Ersatzkeeper, erstmals seit einem halben Jahr wieder im Hertha-Tor, hielt im Elfmeterschießen gegen Dynamo Dresden doppelt und dreifach und sicherte den Blau-Weißen in letzter Sekunde den Einzug ins DFB-Pokal-Achtelfinale. Gegen Union wird Kraft wieder ins zweite Glied rücken, denn im Hertha-Tor ist Rune Jarstein (35) gesetzt.

Seit über vier Jahren ist der Norweger die Zuverlässigkeit in Person bei Hertha und im Nationalteam, reifte in dieser Zeit zu einem der beständigsten Bundesliga-Keeper, der vor allem durch seine Strafraumbeherrschung besticht. Auch in dieser Saison rettete Jarstein so manchen Punkt, zuletzt in Bremen.

Dabei ist der 35-Jährige ein Spätentwickler, verließ erst mit fast 30 Jahren sein Heimatland, war bei Hertha anfangs nur Ersatzmann hinter Kraft und musste lernen, sein introvertiertes Naturell auf dem Platz zu überwinden. Nun kann Jarstein die Mitspieler auch mal mit Wutausbrüchen wachrütteln.

Diese zählen bei Rafal Gikiewicz fast schon zur Normalität auf dem Platz, wenn seine Vorderleute nicht mit der nötigen Konsequenz zu Werke gehen. Der Union-Torwart verkörpert das Streben nach Erfolg wie kaum ein anderer im Kader des Aufsteigers.

Der Pole, dessen Leistungen im Aufstiegsjahr ihn im vergangenen Sommer erstmals zur Nationalmannschaft gebracht hatten, ist jener sichere Rückhalt, den Union über einige Jahre vermisst hat. Seine Präsenz im Strafraum ist nicht zu übersehen.

Gikiewicz ist zwar erst seit knapp eineinhalb Jahren bei den Köpenickern, „dennoch identifiziere ich mit mit dem Klub“, erklärte der 32-Jährige. Und um seinen Ehrgeiz zu untermauern, fügte er hinzu: „Ein Sieg gegen Hertha ist wichtig für uns, für unsere Fans und alle im Verein.“

Doch vor allem in dieser Spielzeit wirkt Gikiewicz in einigen Situationen übermotiviert. Zuletzt begünstigte sein unnötiges Herauslaufen das erste Gegentor beim FC Bayern und damit auch die Niederlage des Aufsteigers. Und zum Auftakt gegen RB Leipzig führte ein überhasteter Abwurf ebenfalls zu einem Gegentreffer.

Fazit: Vorteil Hertha.

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Abwehr: Schlotterbeck ein Gewinn, Stark eher tollpatschig

Vor Gikiewicz hat sich Union jedoch eine Qualität erarbeitet, die im Kampf um den Klassenerhalt noch sehr wichtig sein kann. Die Abwehr, schon in der Aufstiegssaison das Prunkstück der Köpenicker, entwickelt sich nun auch in der Bundesliga zur wichtigen Stütze, wie gerade erst im DFB-Pokalspiel beim SC Freiburg (3:1) zu sehen war.

Was die Defensive auszeichnet ist neben hoher Einsatzbereitschaft eine enorme Laufbereitschaft und taktische Flexibilität. Ob Viererkette wie bei den Bayern oder Dreierkette wie gegen Freiburg in der Liga und im Pokal – Unions Verteidigung fühlt sich in beiden Systemen wohl.

Das liegt zum einen an Neven Subotic. Einst Meister und Pokalsieger mit Borussia Dortmund, bringt der 30-Jährige genau die Erfahrung mit, die Union als Bundesliga-Neuling braucht. Und er weiß durch die Ruhrpott-Derbys der Dortmunder gegen Schalke genau, worauf es in einem Derby ankommt

An seiner Seite entwickelt sich Marvin Friedrich stetig weiter. Gleiches gilt auch für Zugang Keven Schlotterbeck, der bis Saisonende vom SC Freiburg ausgeliehen ist. Von seinem ehemaligen Trainer Christian Streich wurde er gerade erst für seine schlaue Spielweise gelobt. Zudem ist er als echter Linksfuß ein Gewinn für Unions Defensive. Sein Credo: „Ich bin für jedes Spiel bereit.“

Beim Thema Einsatz geht Kapitän Christopher Trimmel auf der rechten Seite mit gutem Beispiel voran, auch wenn kleinere Defizite in der Schnelligkeit nicht zu übersehen sind. Links hat sich Christopher Lenz den Stammplatz von Ken Reichel gesichert. Der Berliner sorgt mit seinen Vorstößen auch offensiv immer wieder für Gefahr.

Sinnbildlich für den Zustand der Hertha-Defensive steht Niklas Stark (24). Der Innenverteidiger ist Hoffnungsträger, Vize-Kapitän und Nationalspieler. Theoretisch zumindest. Praktisch hat es aber trotz mehrfacher Einladung aufgrund unglücklicher Umstände noch nicht geklappt mit dem Länderspieldebüt, zuletzt verhinderte eine Tischkante im Nationalteamhotel einen Einsatz.

Bei Hertha agiert der Abwehrchef in dieser Saison bisweilen auch eher tollpatschig, im Pokal verschuldete Stark in der 90. Minute den Elfmeter zum 2:2. Im Spiel auf Schalke (0:3) unterlief ihm ein Eigentor. Obwohl Coach Ante Covic auf Stark setzt, konnte er die wackelige Abwehr, die in elf Pflichtspielen 20 Gegentore kassierte, bisher nicht stabilisieren. Das führte zu drei Niederlagen in Folgen und dem letzten Tabellenplatz nach vier Spieltagen.

Seitdem hat sich Zugang Dedryck Boyata (28) im Abwehrzentrum etabliert. Der Belgier kam im Sommer von Celtic Glasgow, leistet sich aber bisweilen ebenfalls Aussetzer und droht im Derby wegen Leistenproblemen auszufallen. Die Ersatzleute Karim Rekik (24) und Jordan Torunarigha (22) konnten in dieser Saison bisher kaum für sich werben, ebenso wie Ex-Nationalspieler Marvin Plattenhardt (27) auf der linken Defensivseite.

Dynamische Positiverscheinungen sind hingegen der schnelle Lukas Klünter (23) rechts und links Maximilian Mittelstädt (22), auch wenn das Eigengewächs wegen einer Ellbogenverletzung gegen Union eventuell nicht dabei ist.

Herthas Abwehr, unter Ex-Trainer Pal Dardai noch eine stabile Reihe, muss sich unter Nachfolger Covic noch finden. Allen voran Unglücksrabe Stark.

Fazit: Vorteil Union.

Mittelfeld: Andrich und Dilrosun als Antreiber

Hertha hätte soviel Potenzial, gerade zentral. Doch Nachwuchs-Nationalspieler Arne Maier (20) und Zugang Eduard Löwen (22) fehlen verletzt. Das können die gewohnt zuverlässigen Vladimir Darida (29) und Per Skjelbred (32) bei aller Laufstärke nicht ausgleichen.

Ondrej Duda (24), der den gesperrten Darida ersetzen wird, sucht noch Form, Kreativität und Torgefahr des Vorjahres. Der Blick richtet sich daher auf Marko Grujic (23). Der Serbe, schon im zweiten Jahr als Leihgabe aus Liverpool in Berlin, konnte sich nach starker erster Saison in dieser Spielzeit noch nicht für erhoffte Rückkehr zu Jürgen Klopp empfehlen.

Obwohl er bereits zwei Tore erzielte, sogar im ersten Spiel bei Bayern München (2:2), bleibt bei Grujic der Eindruck, dass der Mittelfeldmotor unter seinen Möglichkeiten bleibt.

Ganz anders bei Javairo Dilrosun (21). Der Niederländer, in Amsterdam und Manchester ausgebildet, deutet nach verletzungsreichem ersten Jahr an, dass er internationales Format hat. Zwischenzeitlich traf der dribbelstarke Außenbahnspieler in drei Spielen in Folge, die Hertha jeweils gewann. Gemeinsam mit Marius Wolf (24), nach dem verpatzten Saisonbeginn aus Dortmund ausgeliehen, steht er für die neue Dynamik auf den Hertha-Flügeln.

Einer, der Dilrosuns Entwicklung genau verfolgt, ist sein Cousin Sheraldo Becker (24). Ebenso wie Dilrosun bei Hertha kommt Becker bei Union über die Außenbahn. Pikant: Da Becker über rechts und Dilrosun über links kommt, könnte es an der Seitenlinie durchaus zum einen oder anderen Duell kommen.

Becker, der aus der berühmten Fußballschule von Ajax Amsterdam stammt, verleiht Unions Offensivspiel mehr Schnelligkeit. Und er hat nach anfänglichen Startschwierigkeiten langsam aber sich auch mit der Bundesliga angefreundet.

Nach dem Ausfall von Akaki Gogia (Kreuzbandriss) hat sich Marcus Ingvartsen als Alternative für Becker empfohlen. Der Däne kommt etwas wuchtiger daher als der Niederländer, hat jedoch wie Becker noch Steigerungspotenzial.

Wichtigstes Element im Union-Mittelfeld sind auch hier die eher defensiv ausgerichteten Robert Andrich und Christian Gentner. Beide machen den Ausfall von Aufstiegsheld Grischa Prömel (Knieprobleme) vergessen. Genter ist, ähnlich wie Subotic in der Abwehr, vor allem dank seiner Erfahrung enorm wichtig für Union. Seine Formkurve zeigt inzwischen nach oben, sein Treffer zum 3:1 im Pokal in Freiburg dokumentierte seine Abgezocktheit.

Andrich erlebt mit 25 Jahren bei Union die erste Bundesliga-Saison seiner Karriere. Und er spielt, als hätte er schon einige Jahre Fußball-Oberhaus hinter sich. Der Ex-Herthaner gibt den soliden Abräumer, leitet mit klugen Pässen auch immer wieder Union-Angriffe ein und ist auch torgefährlich. Im Pokal in Freiburg gelang ihm aus der Distanz sein erster Pflichtspieltreffer für Union.

Fazit: leichte Vorteile für Hertha.

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Angriff: Union setzt auf Bülter, Hertha auf Lukebakio

Wer über Stürmer spricht, genauer gesagt über jene, die am Sonnabend die Tore schießen sollen, muss über Marius Bülter sprechen. Eineinhalb Jahre ist es her, dass der wuchtige Offensivmann noch für den SV Rödinghausen in der viertklassigen Regionalliga spielte.

Inzwischen genießt der 26-Jährige seinen Bundesliga-Traum. Zweikampfstark, mit direktem Zug zum Tor und – wie im Ligaspiel gegen Freiburg zu sehen – auch mit einem guten Schuss ausgestattet, ist Bülter die Entdeckung der Saison bei Union.

Ebenso wie Bülter, der bis Saisonende vom 1. FC Magdeburg ausgeliehen ist, für den aber auch schon eine Kaufoption vereinbart wurde, kommt Sebastian Andersson auf drei Bundesliga-Treffer. Der schwedische Nationalspieler überzeugt mit feiner Technik und zählt zur Kategorie spielender Stürmer.

Ihm im Nacken sitzt Sebastian Polter, der mit seiner robusten Art eine Abwehr immer wieder in Gefahr bringen kann. In München erzielte der Publikumsliebling per Elfmeter seinen ersten Bundesligatreffer für Union, seinen achten insgesamt. Mit ihm besitzt Union genau wie mit Zugang Anthony Ujah, der auch als hängende Spitze agieren kann, einen Spieler, der von der Bank aus noch einmal für frischen Wind sorgen kann – oder von Beginn an für jede Menge Unruhe.

Beim Lokalrivalen richten sich alle Augen auf Dodi Lukebakio (22). 20 Millionen Euro Ablöse zahlte Hertha im Sommer für den Belgier, soviel wie noch für keinen Spieler zuvor. Dabei hatte Lukebakio gerade eine Bundesligasaison bestritten und zehn Tore für Fortuna Düsseldorf erzielt, aber so sind eben die Marktpreise mittlerweile im Fußball, gerade für treffsichere Stürmer.

Dass er durchaus Talent hat, zeigte Lukebakio gleich im ersten Spiel gegen den FC Bayern (2:2) mit seinem insgesamt schon vierten Treffer in München. Eine Marke, die sonst nur Größen wie Cristiano Ronaldo erreichen.

Warum er noch nicht in der Liga des portugiesischen Weltstars spielt, zeigte Lukebakio, als er konditionelle, technische und taktische Schwächen offenbarte und auf der Bank landete. Zuletzt war er aber mit seinen unorthodoxen Dribblings wieder der X-Faktor bei Hertha, egal ob auf der Außenbahn, im Sturmzentrum oder als Joker.

Von der Bank kommt auch Vedad Ibisevic (35) immer öfter, eine Rolle, die der alternde Kapitän ebenso akzeptiert wie Routinier Salomon Kalou (34). Dabei hat Ibisevic (123 Bundesligatreffer) noch Ziele, will in der ewigen Torschützenliste Dieter Hoeneß (127 Tore) einholen.

Davon ist Edelreservist Davie Selke (24) noch weit entfernt, er wartet weiter auf seinen ersten Saisontreffer. Aber Herthas Offensive ist, auch dank der starken Bank, jederzeit in der Lage, die Rückstände zu drehen, die die Defensive verschuldet.

Fazit: leichte Vorteile für Union.