Einwurf Union

Von der Unmöglichkeit, ein Held zu sein

Für viele Fans sind die Profis des Aufsteigers 1. FC Union echte Heroen. So einfach sollte es sich jedoch nicht jeder machen.

Die Fans des 1. FC Union feiern ihre Aufstiegshelden mit einem riesigen Transparent.

Die Fans des 1. FC Union feiern ihre Aufstiegshelden mit einem riesigen Transparent.

Foto: Jan Kuppert/SVEN SIMON / picture alliance / SvenSimon

Kinder haben doch etwas herrlich Entwaffnendes, finden Sie nicht auch? Mir wurde das erst kürzlich wieder einmal eindrucksvoll vor Augen geführt. Beim Besuch einer Schulklasse in der Morgenpost-Redaktion wurde ich gefragt, welche großen Sportler ich schon während meiner beruflichen Laufbahn getroffen habe. Natürlich einen der größten, gab ich zu verstehen, und nannte Franz Beckenbauer. Die Reaktion der Schülerinnen und Schüler war bemerkenswert. Denn auf die Frage „Wer?“ war ich wirklich nicht vorbereitet.

Zwei Dinge habe ich aus jenem Erlebnis gelernt. Erstens weiß ich jetzt, wie die Floskel „Kinder, wie die Zeit vergeht“ entstanden sein muss. Und zweitens: Ich muss dringend über neue Helden nachdenken. Und damit fangen die Probleme auch schon an.

Zwischen Titelsammlungen und sozialen Netzwerken

Ohne Zweifel hätte ich mächtig punkten können, hätte ich Namen wie Cristiano Ronaldo oder Neymar genannt. Aber sind sie tatsächlich Helden, bloß weil sie Titel an Titel reihen oder sich in den sozialen Netzwerken ausgiebig zu präsentieren wissen? Nein, so einfach will ich es mir nicht machen. Man will ja schließlich auch Vorbild sein für die Heranwachsenden.

Und schon war ich auf der richtigen Schiene. Helden müssen Vorbilder sein. Mehr noch: Sie müssen beeindrucken, nicht in der Art des Alles-platt-walzens, sondern durch Inspiration. Sie müssen Ideen vermitteln, mit denen man einfache Dinge besser machen kann. Oder vielleicht sogar die ganze Welt. Wer Greta Thunberg gerade in diesen Tagen verfolgt, der weiß, was ich meine.

Unions Subotic und Bülter haben Potenzial

Problematisch wird es nur, wenn die Person plötzlich wichtiger wird als die Sache selbst, für die sie einsteht. Auch wenn es heißt „Tue Gutes und rede darüber“ sind mir jene immer noch die liebsten Helden, die kein großes Aufsehen verbreiten und eher im Hintergrund für ihre Sache arbeiten und einstehen. Wer sich für sauberes Trinkwasser in Afrika engagiert, ohne es von sich aus an die große Glocke zu hängen, so wie Unions Verteidiger Neven Subotic, der kann auch als Held taugen.

Oder wenn jemand an sich glaubt, seinen Weg akribisch verfolgt, seinen Lebensstil ändert, weil er ihn ändern muss für den Erfolg, dann hat auch jemand wie Union-Stürmer Marius Bülter durchaus Potenzial für den Heldenstatus. Für viele Union-Fans sind die Mannschaft, Urs Fischer und sein Trainerteam nicht weniger als (Aufstiegs-)Helden. Wem das zu hoch gestochen ist, dem sei gesagt: Held sein bedeutet nicht, über der Gesellschaft zu fliegen.

Helden meistern den Alltag

Held sein bedeutet für viele nicht zuletzt, den Alltag zu meistern. Ob auf dem Fußballplatz oder dem Privatleben. Sich Herausforderungen zu stellen, sei es eine Mathematikarbeit, ein Vorstellungsgespräch oder auch ein Marathonlauf.

Übrigens alles Themen, die für mich immer eine Herausforderung darstellten und immer noch darstellen. Dass ich mich zum vierten Mal auf die große Runde durch die Hauptstadt mache, hat bei der Schulklasse übrigens wenig Eindruck hinterlassen. Für meine Familie bin ich hingegen schon so etwas wie ein Held. Na ja, ein kleiner vielleicht.

Respekt ist der Schlüssel

Doch bevor ich abschweife: Die vielleicht wichtigste Eigenschaft, die ein Held heutzutage mitbringen kann, ist der Respekt, mit dem man seinem Gegenüber entgegentreten sollte. Selbst wenn man nicht einer Meinung ist. Das umfasst Themen wie die Wahl der richtigen Einrichtung für das neue Heim bis hin zu Planungen für ein neues Stadion (in diesem Zusammenhang schöne Grüße an Hertha).

Bei all’ den Voraussetzungen erscheint mir die Herausforderung nahezu unmöglich, einen Helden zu finden, der für alle Jahrgänge tauglich ist. Da kann ich auch bei Franz Beckenbauer bleiben. Ich werde mich wohl nur damit abfinden müssen, dass jede Generation ihre eigenen Helden hervorbringt. Dies wirklich zu begreifen, hat irgendwie auch etwas heldenhaftes.

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