Bundesliga

Hertha gegen Union – das Derby, das Berlin elektrisiert

In ganz Europa wird das erste Bundesliga-Derby von Hertha und Union wahrgenommen. Eine Chronologie der bisherigen Pflichtspiel-Duelle.

Derby 2013: Union-Kapitän Torsten Mattuschka (Mitte) zieht ab, Hertha-Verteidiger Fabian Lustenberger (l.) und Torwart Thomas Kraft retten.

Derby 2013: Union-Kapitän Torsten Mattuschka (Mitte) zieht ab, Hertha-Verteidiger Fabian Lustenberger (l.) und Torwart Thomas Kraft retten.

Foto: Oliver Mehlis / picture alliance / ZB

Berlin. Hertha gegen Union – das Derby am zehnten Spieltag elektrisiert die Stadt. Es wird nicht nur in Deutschland wahrgenommen, sondern in ganz Europa. Erstmals treffen die Klubs aus Westend und Köpenick in der Bundesliga aufeinander.

Es gab vier Vorläufer: In den Zweitliga-Jahren 2010/11 und 2012/13 standen sich Hertha und Union im Unterhaus gegenüber. Die bisherige Statistik zeigt: Das Prestigeduell um die Nummer 1 in Berlin hat bisher keinen Sieger. Hertha gewann einmal, Union gewann einmal. Zweimal gab es ein Remis. Das Torverhältnis dieser vier Zweitliga-Spiele: 6:6.

September 2010: Santi Kolk macht Union froh

Der erste Zweitliga-Vergleich zwischen Union und Hertha fand am vierten Spieltag der Saison 2010/11 vor 18.600 Zuschauern in der ausverkauften Alten Försterei statt. Wie überhaupt sämtliche Derbys restlos ausverkauft waren. Absteiger Hertha BSC war dem Anspruch des direkten Wiederaufstiegs gerecht geworden, stand nach drei Spielen mit drei Siegen da. Union ging es um den Klassenerhalt, mit gerade einmal einem Punkt standen die Eisernen auf Platz 15.

Somit reiste Hertha am 17. September 2010 als klarer Favorit ins Stadion nach Köpenick und wurde seiner Favoritenrolle bereits nach zwei Minuten gerecht. Ein Freistoß, den Nikita Rukavytsya in den Fünfmeterraum brachte, verwandelte Peter Niemeyer zum 1:0 für Hertha.

Im weiteren Spielverlauf beschränkte sich der Favorit aufs Verteidigen. Das Derby war hart, Chancen waren Mangelware. In der 76. Minute brachte Union-Trainer Uwe Neuhaus Santi Kolk. Dieser fasste sich sechs Minuten später nach einem Dribbling durchs Mittelfeld ein Herz und traf aus 20 Metern ins untere linke Eck (82.). Nach dem Ausgleich wurde die Partie offener, Hertha wollte mehr als einen Punkt, doch die größte Chance auf den Sieg hatte Christoph Menz für Union – sein Fernschuss sauste knapp am Union-Tor vorbei.

Februar 2011: Mattuschka schießt Union zur Stadtmeisterschaft

Auch im zweiten Derby der Saison war die Verteilung der Rollen klar. Nach 20 Spieltagen stand Hertha mit 42 Punkten auf Platz eins, fünf Punkte vor dem Zweitplatzierten Augsburg, bis dahin in der Rückrunde ohne Punktverlust. Der 1. FC Union war 13. und chronisch auswärtsschwach (nur ein Sieg aus den 22 Spielen zuvor). Vor 74.244 Zuschauern im Olympiastadion dominierte zunächst nur Hertha. Union war beeindruckt, kam kaum aus dem eigenen Strafraum heraus.

Die logische Konsequenz nach dreizehn Minuten: Hertha-Kapitän Andre Mijatovic flankte auf Roman Hubnik, der zur Hertha-Führung einköpfte. Im Anschluss konnten sich die Gäste bei Torwart Marcel Höttecke bedanken, der sein bestes Spiel für Union zeigte. Noch vor der Pause nahm Union-Stürmer John Jairo Mosquera einen langen Pass von Innenverteidiger Christian Stuff mit der Brust an, drehte sich und schloss aus 16 Metern per Volleyschuss ab, 1:1 (37.).

Nach der Pause spielte Hertha unbeeindruckt weiter. Auf Union-Seite glänzte weiterhin Torwart Höttecke. Nach 53 Minuten war Hertha im Pech, Rob Friend traf nur den Pfosten. In der 71. Minute jener Freistoß, der seither in den Union-Geschichtsbücher steht. Aus 25 Metern versenkte Torsten Mattuschka einen Freistoß-Aufsetzer flach unten links, Hertha-Torwart Maikel Aerts dürfte im Anschluss eine schlaflose Nacht gehabt haben, auch weil Friend und Christian Lell in der Hertha-Mauer den weg für Mattuschkas Freistoß freimachten.

Die Partie war auf den Kopf gestellt, Union rettete den 2:1-Vorsprung über die Zeit. Party in Köpenick, Fassungslosigkeit bei Hertha. Trainer Markus Babbel entschuldigte sich bei den Fans. Hertha stieg am Saisonende als Zweitliga-Meister auf, Union beendete die Saison auf Platz zehn. Als Stadtmeister 2011 feierte sich Union.

September 2012: Ronny macht den Mattuschka

Im September 2012, Hertha schaute schon wieder im Unterhaus vorbei, stand erneut am vierten Spieltag der Hauptstadt-Vergleich an. Wieder die gleiche Rollenverteilung – der Favorit, mittlerweile von Jos Luhukay trainiert, musste schon vor dem Anpfiff wechseln. Torwart Thomas Kraft hatte sich beim Aufwärmen eine Rückenblockade zugezogen, stattdessen spielte Sascha Burchert.

Da sich die Alte Försterei im Umbau befand, war die Partie diesmal mit 16.750 Fans ausverkauft. Sandro Wagner erzielte sein vielleicht wichtigstes Tor für Hertha, frei gespielt von Pierre Kluge schob er den Ball schmucklos ein, 0:1 (30.). Das Niveau war eher, sagen wir, mäßig. Union kam vor der Halbzeit zu keiner Chance.

Das Bild änderte sich nach der Pause. Hertha nun merkwürdig passiv, Union aggressiv und giftig. Ein Kopfball von Adam Nemec ging nur knapp am Hertha-Tor vorbei (47.). In der 69. Minute machte es Joker Christopher Quiring dann besser. Nach einer Flanke von Michael Parensen verwandelte dieser per Flugkopfball. Ausgerechnet Quiring, der sich das Wappen des Union-Fanklubs „Wuhlesyndikat“ auf die Wade tätowiert hatte und selber Mitglied bei den Union-Ultras ist.

Doch die Schlagzeilen gehörten am Ende Hertha. Dass auch die Blau-Weißen einen Freistoß-Spezialisten hatten, schien sich nicht bis Köpenick herumgesprochen zu haben. Ronny jagte den Ball mitten aufs Tor, diesmal durfte sich Union-Torwart Daniel Haas, unter dessen Körper der Ball durchrutschte, ärgern. Union kam nicht mehr zurück. Die Hertha-Fans feierten den ersten Sieg im mittlerweile dritten Anlauf. Die Union-Spieler waren frustriert, allen voran Quiring: „Wenn Wessis bei uns jubeln, krieg’ ich das Kotzen.“

Februar 2013: Ronny wird zum Union-Schreck

Im Februar 2013 gab es zum ersten Mal im Stadtduell keinen klaren Favoriten. Hertha stand auf einem Aufstiegsplatz, gewohntes Bild also. Die Gäste traten als Tabellen-Vierter an. Union erwärmte an jenem bitterkalten Abend die Herzen seiner Fans, ging in Führung.

Nach einem Schuss von Mattuschka wehrte Hertha-Torwart Kraft den Ball gerade noch ab, Simon Terodde stand goldrichtig. Union konzentrierte sich danach aufs Verteidigen, Hertha drängte auf den Ausgleich. Nach 49 Minuten sah es noch besser für die Gäste aus, Nemec erhöhte per Kopfball die Union-Führung auf 2:0.

Die Blamage einer zweiten Derby-Heimpleite vor 74.200 Zuschauern wollten die Gastgeber unbedingt vermeiden. Nach 73 Minuten brachte Adrian Ramos Hertha mit einem Kopfball zurück – 1:2. Hertha probierte alles, um zum Ausgleich zu kommen. Wie schon im Hinspiel traf Ronny per Freistoß, im kurzen Eck schlug der Ball ein, 2:2 – die Mitspieler feierten mit Ronny im Schnee. Am Saisonende wurde Hertha mit Rekordpunktzahl (76) Zweitliga-Meister, Union lief auf Rang sieben ein.

Nur einer traf bisher doppelt

Fazit: So gut wie jeder der vier Partien verlief unvorhersehbar. So gelang bei keinem dieser Spiele ein Heimsieg. Keines der Duelle ging torlos über die Bühne. Nur einmal konnte die Mannschaft, die das erste Tor erzielte am Ende auch gewinnen (Hertha, 4. Spieltag, Saison 2012/13).

Auf der anderen Seite hat die Mannschaft, die das erste Tor kassierte, ebenfalls einmal gewonnen (Union, 21. Spieltag, Saison 2010/11) Jedes Derby bisher war ausverkauft. Prognose für das Erstliga-Derby: So klar die Rollen zwischen dem Platzhirsch Hertha und Aufsteiger Union verteilt sind – im Derby ist alles möglich.