Fußball

Union, dit is Familie

Ganz Köpenick hat den Aufstieg des 1. FC Union gefeiert. Aber viele fragen sich: Kann sich der Klub die familiäre Atmosphäre bewahren?

Die Union-Fans Gabriela Wisniewski und Torsten Last haben sich die begehrten Aufstiegs-Shirts im Zeughaus in Köpenick gekauft.

Die Union-Fans Gabriela Wisniewski und Torsten Last haben sich die begehrten Aufstiegs-Shirts im Zeughaus in Köpenick gekauft.

Foto: David Heerde

Berlin. Torsten Last könnte schon wieder losheulen. Erste Liga, Bayern, Dortmund, Schalke. In der Wuhlheide! „Darauf habe ich mein Leben lang gewartet“, sagt Last.

Ein kleiner Mann mit großen, blauen Augen, der natürlich „jewartet“ sagt und „ick“. Weil das hier Köpenick ist und weil Last ein Eiserner ist, „seit ick zwei Jahre alt war“, wie er erzählt. Seit ihn sein Vater auf den Kindersitz hinterm Fahrradlenker gehievt hat und ins Stadion an der Alten Försterei gefahren hat.

Drei Stunden hat er für die Tickets angestanden, beim entscheidenden Relegationsspiel am Montag hat er geschrien, gesungen, getrunken, gezittert. Und dann das. Das geilste 0:0 ever, wie sie hier sagen. Aufstieg.

Union nach der Aufstiegsparty: Anstehen vor dem Zeughaus

„Dit hat alles jesprengt“, sagt Last. Auf jeden Fall hat der Aufstieg des 1. FC Union seine Stimme aufgeraut und die Äderchen auf seinen Wangen zum Leuchten gebracht wie ein feines Netz in Vereinsfarbe. Auch am Morgen danach ist das noch so.

Last trägt eine Union-Kappe, einen Union-Kapuzenpulli und in der Hand eine Union-Plastiktasche. Darin: Das Aufstiegs-Shirt. „Die Zeit ist nun gekommen“, steht da. Weiß auf Rot.

Am Morgen nach dem Aufstieg stehen sie im Zeughaus, dem Fanshop in Köpenick Schlange dafür. Familien, Männer mit kaputten Zähnen, Jungs mit leuchtenden Augen, Frauen mit Pferdeschwänzen. Torsten Last sagt, er muss das alles erstmal verdauen. Was er meint: Er geht jetzt mit seiner Schwester Gerlinde noch ein Bier trinken. Dann schlafen. Endlich.

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Wenn rote Tribünen auf den grünen Rasen schwappen

Es war Montagnacht, 22:28 Uhr. Auf dem Rasen flog der Ball nur noch ziellos zwischen dem VfB Stuttgart in Schwarz und Union in Rot umher. „Pfeif ab“, kreischten heisere Fan-Stimmen. Und dann pfiff der Schiedsrichter ab. Der 1. FC Union Berlin ist zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die Bundesliga aufgestiegen. Die roten Tribünen ergossen sich auf den grünen Rasen.

Fans, Spieler und Funktionäre fielen sich in die Arme. Ultras hingen an der Torlatte, rissen Tornetze und Rasenstücke aus. Jeder wollte ein Stück Fußball-Geschichte mit nach Hause nehmen.

Oder verlieren. So hat der langhaarige und bärtige Union-Pressesprecher Christian Arbeit auf dem Dach der Ersatzbank gleich seine Haare für den Aufstieg gelassen.

Union Berlin als Gegenentwurf zum Kommerz-Fußball

Klar. Jeder Fußballfan feiert, wenn sein Klub aufsteigt. Aber der Arbeiterverein aus Köpenick in der Bundesliga, das ist mehr als nur ein Aufstieg. Weil neben dem RB Leipzig jetzt wieder ein zweiter Ost-Klub erstklassig spielt. Und weil Union so ziemlich das Gegenteil von RB ist, dem Erfolgsverein aus der Sponsoren-Retorte.

Da sind die Union-Fans, die mit den eigenen Händen das Stadion ausgebaut haben, die ihr Blut gespendet haben, um eine Bürgschaft für die Erteilung der Lizenz zu sichern.

Da ist der Präsident Dirk Zingler, der früher selbst als Fan im Block stand. Da ist die Geschichte vom Arbeiterklub, der sich nicht von den Apparatschiks der DDR vereinnahmen ließ.

Da ist das Anzeigehäuschen, in dem die Tafeln für die Tore per Hand ausgetauscht werden, da ist der Geruch von Bratwurst. Da ist die Klubhymne von Nina Hagen: „Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen. Eisern Union!“ Kurz: Union will der Gegenentwurf zum Fußball-Kommerz sein.

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Für Union den Urlaubs-Start verpasst

Und auch Simone Gallaus will, dass das so bleibt. Sie trägt blonde Haare zum Zopf gebunden und die Anstrengungen der Nacht unter den Augen. Simone Gallaus betreibt die Kneipe Coé.

Neben der Abseitsfalle direkt am Stadion und dem Hauptmann von Köpenick am Bahnhof ist das Coé die Fankneipe in Köpenick: Dunkle Holzvertäfelung, ein Plasmabildschirm, der Abschiedsschal vom langjährigen Sponsor Harald Layenberger über der Bar.

Das große Berliner kostet hier drei Euro. Kümmi, Pfeffi und Waldi 1,80. Eigentlich wollte Gallaus mit Mann und Tochter in Urlaub fahren. Ostseebad Binz. Dann kam die Relegation. Und der Urlaub begann ohne die Mutter.

Um zehn Uhr ging das Bier aus

Nach dem Abpfiff standen sie Montagnacht im Coé auf dem Tresen. Unioner vor allem. Stuttgarter waren auch da. „Klar, Frotzeleien gehören dazu“, sagt Gallaus. Aber bei Union bleibe es eigentlich immer friedlich. Um kurz vor zehn war das Bier alle. Und dabei habe sie schon großzügig bestellt.

Erst schickte sie die Aushilfe zu Rewe, erste Hilfe sozusagen. Dann bei „Fassbierkummer“ angerufen, drei weitere 50 Liter-Fässer bestellt. Um 8.30 Uhr am Dienstagmorgen sind die letzten Fans aus dem Coé gefallen, erzählt Gallaus. Vier Stunden später bringt sie die letzten Müllsäcke in die Tonne.

Union, das hört man von Gallaus, das hört man von der Vereinsführung, das hört man am Currywurststand von Jens Pöpke auf dem Schlossplatz, der am Dienstagmittag Bier aus der Schlossplatzbrauerei trinkt und Union-Currywurst (mit Mayo, für zwei Euro) verkauft, das hört man von allen hier, Union, „dit is Familie“.

Aber die Familie wächst. Sie passt nicht mehr ins Stadion. Es hat inzwischen weniger Plätze als der Verein Mitglieder hat. Fans aus England reisen für die Heimspiele an, Neu-Berliner lieben den Underdog aus dem Osten.

Die Unkäuflichen fürchten den Druck des Kommerz

Der Etat wird sich in der ersten Liga von rund 47 Millionen Euro fast verdoppeln auf gut 80 Millionen. Die Einnahmen für Fernsehrechte auch. Ein Finanzinvestor aus Stuttgart hat den „Unkäuflichen“ 2016 ein Darlehen von 6,3 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das sind Entwicklungen, die vielen „Eisernen“ Angst machen.

In der Kneipe von Simone Gallaus standen am Dienstag zwei Fernsehteams, haben gefilmt, wie sie die Fans mit Sekt übergoss. Am Tag nach der Feier ist Gallaus nachdenklich. Sie sagt, dass jetzt immer mehr Leute zu ihr kommen, denen der Verein egal ist, die nur zum Feiern da sind. Dabei gehe es bei Union doch um viel mehr.

Die Party in Köpenick geht erst jetzt so richtig los

Sie deutet auf einen kleinen Anstecker auf ihrem roten Shirt. „Eiserne Betze Retter“, steht darauf. Habe eine Kollege gedruckt, verkaufe er für fünf Euro das Stück. Der Erlös geht an den Verein am Betzenberg in Kaiserslautern. Der Traditionsklub bangte bis Dienstag um die Drittliga-Lizenz. „Dit schmerzt“, sagt Gallaus. Und wo Schmerzen seien, da helfe man. „So ist das bei Union“, sagt Gallaus.

Weniger als einen Kilometer entfernt, im Stadion An der Alten Försterei, klaffen zu diesem Zeitpunkt noch die Wunden im Rasern. Die Torlatte an der Fankurve auf der Waldseite hängt durch, am Spielfeldrand türmen sich Bierflaschen und Plastikbecher. Oben wird die erste Pressekonferenz nach dem Aufstieg vorbereitet, auf dem Rasen die Bühne aufgebaut.

Denn die Party in Köpenick, sie geht erst so richtig los.

Am Mittwoch gratuliert der Regierende Bürgermeister im Roten Rathaus. Danach legt die Mannschaft mit dem Dampfer Viktoria ab, wird um 18 Uhr in Köpenick erwartet. Um 18.30 dann wollen sie auf dem Rathaus-Balkon treten. Der Platz davor, die Straßen der Altstadt werden sich rot und weiß färben. Auch Torsten Last wird da sein. Da ist sich der Union-Fan sicher. Er wird wieder „Jänsehaut“ haben. Und weinen will er auch.