Bundesliga-Relegation

Für Union ist Stuttgart die letzte Ausfahrt

Union will sich im Relegations-Hinspiel in Stuttgart eine gute Ausgangsbasis verschaffen. Warum ein Tor dabei schon helfen würde.

Unions Profis machen sich bereit für die Relegation gegen Stuttgart.

Unions Profis machen sich bereit für die Relegation gegen Stuttgart.

Foto: Andreas Gora / picture alliance/dpa

Berlin. Die emotionalen Welten, in denen sich der 1. FC Union und der VfB Stuttgart vor den beiden Relegationsspielen zur Bundesliga bewegen, könnten unterschiedlicher kaum sein.

In Stuttgart stellte Trainer Nico Willig vor dem Hinspiel am Donnerstag (20.30 Uhr, Eurosport-Player und im Liveticker auf morgenpost.de) die Bedeutung der zwei Duelle wie folgt fest: „Es geht um den VfB, es geht um die Region, um das Schwabenland.“ Pathetischer geht es kaum.

Urs Fischer, Unions Coach, erlebt derweil einen Union-Kosmos, der vor allem eines zu sein scheint: uneinig. „Wie ich gehört habe, ist das Lager bei Union ein bisschen geteilt“, bestätigte der Schweizer: „Die einen sagen, lasst uns lieber hier bleiben“, und meint damit die Zweite Liga, „die anderen nicht. Aber wenn es klappen sollte, wird sicher jeder seinen Spaß haben.“

Union-Trainer Fischer hofft auf Trotzreaktion

Union gegen den VfB – es ist das Duell um den letzten zu vergebenden Platz in der Bundesliga. So weit der Fakt. Dass dieser nicht ausreicht, um die Anspannung zu beschreiben, die auf beiden Mannschaften lastet, ob gewollt oder selbst verschuldet – das dürfte jedem klar sein.

„Wie wandelst du negative Energie in positive um?“, fragte sich Fischer. Es gehe nun darum, nach dem 2:2 am Sonntag in Bochum, nach dem hauchdünn verpassten direkten Aufstieg in die Bundesliga, „eine Trotzreaktion zu zeigen“. Der Trainer reiche da allein nicht aus, um den Profis dabei zu helfen. Nicht zuletzt das private Umfeld der Spieler sei ein entscheidender Baustein, wenn „es gilt, eine positive Stimmung zu verbreiten. Daran haben wir gearbeitet“, sagte Fischer.

Mit ausreichend Regeneration, um Körper und Geist die Müdigkeit zu nehmen, die sich nach dem Bochum-Niederschlag ausbreitete. Deshalb reiste Union auch erst am Mittwoch nach Stuttgart. „Wo kannst du besser regenerieren als zu Hause? Woanders kannst du nicht die gleichen Bedingungen schaffen“, so Fischer.

Für Stuttgart ist der Druck größer als für Union

Im Training wurde versucht, das Selbstvertrauen wieder zu stärken, mit so einfachen Dingen wie Schüssen aufs Tor, vorzugsweise sogar hinein, „auch die Taktik ein bisschen anzusprechen oder kreativ zu sein“, erklärte Fischer: „Aber vor allem ging es darum, Spaß zu bekommen, um in Stuttgart wieder bereit zu sein.“

Kein leichtes Unterfangen vor dem Hintergrund, die schon vor Jahren gesetzte Vorgabe von Klubchef Dirk Zingler umzusetzen und Union in die Top 20 des deutschen Fußball zu bringen. „Es wäre schön, wenn du gelassen rangehen könntest. Es ist ein Relegationsspiel, es geht um den Aufstieg – also hast du etwas zu verlieren“, verdeutlichte Fischer die Wichtigkeit der Saisonverlängerung für Union. Der VfB bleibe zwar „Favorit. Und ich kann mir vorstellen, dass für sie der Druck größer ist. Aber wir erlegen uns auch einen Druck auf, unser Ziel noch zu erreichen.“

Sammer kritisiert fehlenden Realitätssinn beim VfB

Diese Favoritenrolle nehmen die Stuttgarter offenbar gern an. „Wir gehen mit einer positiven, breiten Brust in die Spiele“, sagte VfB-Trainer Willig. Er sprach von „kühlem Herz und heißem Verstand“, den es gegen Union brauche. Und von Geduld.

Stuttgarts Klassenerhalt wäre nicht mehr als ein kleines Happy End unter eine grandios verpatzte Saison. Statt die Europapokal-Plätze anzugreifen, spielten die Schwaben von Beginn an gegen den Abstieg.

Eurosport-Experte Matthias Sammer nahm bei der Bewertung seines Ex-Klubs kein Blatt vor den Mund: „Man hat das Gefühl, dass sie es durch all die Zusammenhänge in einer wahnsinnigen Regelmäßigkeit schaffen, sich fußballerisch selbst zu zerstören.“ In der Vorsaison habe der VfB unter Trainer Tayfun Korkut „eine Wahnsinns-Serie gestartet. Hauchdünn die internationalen Plätze verpasst zu haben, hat natürlich alles ausgelöst, aber keinen Realitätssinn.“

Stuttgart-Boss Dietrich hat schon gewonnen

Einen Gewinner dieser Relegation gibt es schon jetzt: Wolfgang Dietrich. Stuttgarts Präsident profitiert beim Klassenerhalt des VfB ebenso wie beim Aufstieg Unions. Dass es im zweiten Fall vor allem um Geld geht, wird nicht verwundern.

Im Mittelpunkt stehen dabei die Quattrex Finance GmbH und 6,3 Millionen Euro, die das Unternehmen laut dem Fußball-Magazins „Kicker“ Union als Darlehen zur Verfügung stellte. So werde Quattrex an den Medieneinnahmen der Köpenicker beteiligt.

Quattrex gehört zu 50 Prozent einer Consulting-Firma, und deren Alleingesellschafter ist: Wolfgang Dietrich. Ein Detail, das die Relegations-Duelle noch ein wenig pikanter macht.

Union kämpft auch gegen die Statistik

„Wenn du ein Tor auswärts erzielen kannst, kann dir das helfen“, weiß Union-Trainer Fischer um die Chance, die die Europapokal-Arithmetik bietet. Bei Unentschieden nach beiden Spielen zählen die mehr geschossenen Auswärtstore. „Aber wenn du 1:6 verlierst“, wird es sicher schwerer im Rückspiel“, so Fischer.

Die Statistik spricht jedenfalls gegen den Zweitligisten. In den vergangenen zehn Duellen seit 2009 setzten sich nur der 1. FC Nürnberg (2009 gegen Energie Cottbus) und Fortuna Düsseldorf (2012 gegen Hertha BSC) durch. Überhaupt war das 2:1 der Fortuna im Hinspiel vor sieben Jahren der letzte Sieg eines Zweitligisten in der Relegation.

Das macht die Angelegenheit für Union nicht einfacher. Schwerer aber auf jeden Fall auch nicht.

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