Zweite Liga

Union fehlt nur ein Treffer zur Bundesliga

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Michael Färber
Union-Stürmer Sebastian Polter (r.) und die Enttäuschung nach dem verpassten Aufstieg in die Bundesliga.

Union-Stürmer Sebastian Polter (r.) und die Enttäuschung nach dem verpassten Aufstieg in die Bundesliga.

Foto: LEON KUEGELER / Reuters

Die Berliner verpassen durch das 2:2 in Bochum den Aufstieg, weil Paderborn das bessere Torverhältnis hat.

Bochum. Es sind manchmal nur wenige Zentimeter, die grenzenlose Freude von totaler Niedergeschlagenheit trennen. So stand Rafal Gikiewicz, Torwart des 1. FC Union, in den Katakomben des Bochumer Ruhrstadions und versuchte, seine Gefühlswelt in Worte zu fassen, derweil über ihm auf einem TV-Schirm Paderborns Trainer Steffen Baumgart zu sehen war, der dem Sender Sky ein Aufstiegsinterview gab.

Unglaubliche Vorlage Paderborns nicht genutzt

Der Pole ist oft sehr impulsiv und immer bis in die Haarspitzen voller Ehrgeiz. Nun suchte er nach den richtigen Worten, die so gar nicht passen wollten zu seinem Ziel und zu dem des Berliner Fußball-Zweitligisten. „Das ist bitter und tut richtig weh“, sagte Gikiewicz nach dem 2:2 (0:1) am letzten Spieltag beim VfL Bochum, nach dem verpassten direkten Aufstieg in die Bundesliga. Im völlig verrückten Aufstiegsrennen zogen die Köpenicker den Kürzeren.

Trotz der Aufholjagd in Bochum, und trotz der unglaublichen Vorlage, die Paderborn mit dem 1:3 in Dresden der Mannschaft von Trainer Urs Fischer offenbart hatte. Was bleibt, ist die Hoffnung, den Traum in den Relegationsspielen gegen den VfB Stuttgart (23./27. Mai) doch noch zu realisieren.

Hintergrund: Was Sie zu Unions Relegationsspielen wissen müssen

Ein Reflex Riemanns verhindert den Aufstieg

Diese berühmten Zentimeter, sie fehlten Union in der allerletzten Aktion des Spiels. Suleiman Abdullahi hatte aus Nahdistanz einfach draufgehalten, VfL-Torwart Manuel Riemann klärte per Reflex.

Es lief die sechste Nachspielminute. Kaum auszudenken, was passiert wäre, hätte der Ball seine Flugbahn auch nur einen Hauch anders gestaltet – nicht nur die 5100 Union-Fans auf den Rängen, die ganze Mannschaft, der Trainerstab, auf der Tribüne Präsident Dirk Zingler und alle Klubverantwortlichen, sie wären in kollektiven Freudentaumel verfallen.

Prömel lässt sich zu Lässigkeit hinreißen

So blieb nach nervenaufreibenden letzten 90 plus sechs Spielminuten „eine große Leere“, wie Fischer zugab. Immer wieder verlor sich sein Blick, als er weitersprach: „So wie das Spiel verlaufen ist, hätten wir mehr mitnehmen müssen. Fußball ist nicht immer ein Wunschkonzert. Die Mannschaft ist noch einmal toll zurückgekommen und war dem 3:2 sehr nahe. Zum Schluss hat es leider nicht gereicht.“

Die alles entscheidende, vielleicht den Aufstieg vermasselnde Szene ereignete sich vor 24.500 Zuschauern wenige Minuten nach Wiederbeginn und dem Pyro-Irrsinn nicht weniger Unverbesserlicher im Union-Block. Grischa Prömel, einer der beständigsten Union-Profis der vergangenen Wochen, ließ sich zu einer Lässigkeit hinreißen, die bitter bestraft wurde. Statt den Ball wegzuschlagen, vertändelte der Mittelfeldmann das Spielgerät – im eigenen Strafraum. Lucas Hinterseer sprang dazwischen, und Prömel wusste sich nur durch ein Reißen am Trikot des Bochumers noch zu helfen.

Schon beim 0:1 hilft die Union-Abwehr

Ausgerechnet Prömel, der im Vorfeld noch davon geschwärmt hatte, „sich im Verein unsterblich machen“ zu können. „Wir haben in der Halbzeit noch gesagt, dass wir kein Harakiri spielen wollen. Und dann machen wir so ein dummes Foul“, erklärte Gikiewicz. Paderborn lag da bereits 1:2 in Dresden zurück, Union nur 0:1. Noch war alles drin für die Köpenicker.

Doch mit dem verwandelten Elfmeter durch Silvere Ganvoula war die Chance so gut wie dahin (48.). Schon beim 0:1 durch Anthony Losilla hatte Unions Abwehr kräftig mitgeholfen (24.). Doch aufgeben? Nicht mehr an die immer kleiner werdende Chance glauben? Zumal Konkurrent Paderborn die Köpenicker mit dem 1:3 in Dresden fast schon zum Sprung in die Bundesliga nötigte? Nein, ein Aufgeben gab es nicht für das Fischer-Team.

Mees nutzt den Fehler von Bochums Torwart

Dafür setzte der Trainer alles auf eine Karte, brachte mit Joshua Mees, Akaki Gogia und Abdullahi frische Offensivkräfte. Doch wie schon vor der Pause (Sebastian Andersson, Sebastian Polter) brachte Union trotz bester Chancen den Ball nicht im VfL-Tor unter. Erst als Prömel den gesamten Frust über seinen Fauxpas in einen 25-Meter-Schuss legte und in den Winkel traf (83.), keimte wieder mehr Hoffnung auf. Noch mehr, nachdem Mees einen schwachen Moment des Bochumer Torwarts Manuel Riemann genutzt hatte (86.).

Union schnürte die Gastgeber an deren Strafraum ein, auch begünstigt durch den Platzverweis gegen Bochums Ganvoula (71.). Dann kam Abdullahi – und Sekunden später die große Leere. „In erster Linie muss jeder das zunächst für sich verarbeiten, weil die Enttäuschung riesig ist“, sagte Fischer: „Im Moment ist es auch mal an der Zeit, nichts zu sagen und die Ruhe zu bewahren. Du findest ohnehin nicht die richtigen Worte, das bringt nichts.“

Kapitän Trimmel verspricht Spannung bis zum Schluss

Es war Christopher Trimmel, Unions Kapitän, der allen noch eine Botschaft mit auf den Weg gab. „Ich kann jedem versprechen, dass wir noch zweimal alles raushauen werden. Das wird spannend“, sagte der Österreicher nur wenige Zentimeter unter jenem TV-Schirm, der gerade die feiernden Paderborner zeigte.