ZWEITE LIGA

Union fehlt die Cleverness

Der Zweitligist schwächelt beim FC St. Pauli ausgerechnet bei der Eigenschaft, die ein Spitzenteam zum Aufstiegskandidaten macht.

Union kassiert das 0:2 durch St. Paulis Alex Meier  (4.v.l), Torwart Rafal Gikiewicz (r) ist geschlagen.

Union kassiert das 0:2 durch St. Paulis Alex Meier (4.v.l), Torwart Rafal Gikiewicz (r) ist geschlagen.

Foto: Christian Charisius / dpa

Berlin.  Die Nacht war sehr kurz ausgefallen. Gegen vier Uhr am Dienstagmorgen war Urs Fischer erst zu Hause angekommen. Wenige Stunden später bat der Trainer des 1. FC Union seine Spieler bereits zur Analyse des Spitzenspiels vom Montagabend beim FC St. Pauli. Und die Enttäuschung nach dem 2:3 „war immer noch spürbar. Wenn wir mit einem Unentschieden nach Hause gefahren wären, hätte es sich wie ein Sieg angefühlt.“

Die zweite Saisonniederlage wird den Berliner Fußball-Zweitligisten noch länger beschäftigen. Immer wieder fiel in der Analyse ein Begriff: Cleverness. Felix Kroos, in Hamburg Kapitän anstelle des gesperrten Christopher Trimmel, hatte einen Mangel daran direkt nach dem Spiel angemahnt. Auch Innenverteidiger Marvin Friedrich ärgerte sich: „Nach dem 2:2 müssen wir einfach cleverer sein.“ Und Coach Fischer sagte: „Nach dem 0:2 hat meine Mannschaft eine tolle Moral bewiesen. Dann musst du aber auch clever genug sein, dich mal mit einem Punkt zufrieden zu geben. Statt mit 2:2 nach Hause zu fahren, haben wir es dann doch ein bisschen übertrieben.“

Vorgeschichte mit Schiedsrichter Winkmann

Beflügelt von der Emotionalität des Augenblicks hatten sich die Köpenicker mitreißen lassen, statt einen klaren Kopf zu behalten – und rannten dadurch in ihr Verderben. Union ist ohne Zweifel nicht die erste Mannschaft, der das passiert ist. Prominentestes Beispiel ist der Auftritt einer deutschen Nationalmannschaft, die das WM-Finale 1986 gegen Argentinien verlor – nach einer Aufholjagd, die ebenfalls bei 0:2 begann, in der Schlussphase im Ausgleich mündete und gegen völlig entkräftete Südamerikaner doch bitte auch im größten Triumph enden sollte. Der Traum zerplatzte nach einem Sensationspass von Diego Maradona.

Unions Traum von einem Sieg am Millerntor, vom Sprung auf Tabellenplatz zwei und einem großen Schritt in Richtung Aufstieg zerplatzte in der Nachspielzeit. Suleiman Abdullahi riss Christopher Buchtmann im Strafraum um, ungestüm, wohl auch seinem Alter geschuldet: Der 22 Jahre alte Nigerianer steht noch am Anfang seiner Karriere. Dass Schiedsrichter Guido Winkmann (Kerken) auch spät konsequent Elfmeter pfeift, wissen sie bei Union aber seit Oktober, als sie im Pokalspiel bei Borussia Dortmund in Minute 118 den ­entscheidenden Strafstoß kassierten.

Trainer Fischer kritisiert veränderte Spielweise

Doch es war nur die Folge einer Entwicklung, die viel früher im Spiel begann. Und von Trainer Fischer eingeleitet wurde – weil er es musste. Es lief die 65. Spielminute, als Fischer sich entschloss, den Druck auf die Hamburger mit dem schnellen Abdullahi noch einmal zu erhöhen und dafür Manuel Schmiedebach vom Feld zu nehmen. Ein Offensivmann für einen defensiven Mittelfeldspieler, der ohnehin mit einer Gelben Karte belastet war. Eine nachvollziehbare Entscheidung, zumal Abdullahi selbst das 2:2 erzielte.

Was folgte, ist für Fischer nichts anderes als ein Entwicklungsprozess, den seine Mannschaft noch vor sich habe. „Damit du das nächste Mal Bescheid weißt und versuchst, es besser zu machen.“ Doch hätte der Coach nicht schon in Hamburg auf seine Spieler einwirken können? „Das ist unglaublich schwer, die Jungs hören einen bei dieser Atmosphäre nicht mehr“, erklärte Fischer.

Mit 18 Gegentoren immer noch die beste Abwehr

Dass nach Schmiedebachs Auswechslung Spieler mit zu wenig Erfahrung auf dem Platz standen, lässt Fischer nicht gelten: „Hübner, Andersson, Gikiewicz, auch Kroos und Prömel haben genügend Erfahrung.“ Auch dass die Mannschaft grundsätzlich an den Sieg denkt, „sehe ich als gutes Zeichen. Aber wir haben uns den Freistoß und den Eckball, die zu unseren Toren führten, aufgrund von Kombinations-Fußball erspielt. Diese Spielweise hätten wir beibehalten müssen.“ Stattdessen wurden nach dem Ausgleich Bälle durch lange Pässe leichtfertig dem Gegner überlassen.

Unbestritten ist, dass Union mit nun 18 Gegentreffern immer noch die beste Defensive der Liga hat. Dass die spielerische Qualität in der Offensive nach wie vor vorhanden ist, um ganz oben mitspielen zu können. Doch erst Cleverness bindet die Qualitäten in eine spielerische Einheit, die ein Spitzenteam zum Aufstiegskandidaten werden lässt.

Sonntag kommt der SV Sandhausen

Dieses Verständnis, im Spiel im richtigen Moment die richtigen Entscheidungen zu treffen, gilt es schnell zu erlernen, wollen die Köpenicker in die Bundesliga aufsteigen. Schon am Sonnabend, im Heimspiel gegen das abstiegsbedrohte Sandhausen (13.30 Uhr, Alte Försterei), kann das Fischer-Team zeigen, wie clever es wirklich ist.

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