1. FC Union

Rafal Gikiewicz: Dem Aufstieg verpflichtet

Als Kind lebte Rafal Gikiewicz in bescheidenen Verhältnissen. Mit dem 1. FC Union strebt der Torwart nun in die Bundesliga.

Alles im Blick, vor allem die Bundesliga: Rafal Gikiewicz hat mit dem 1. FC Union hohe Ziele.

Alles im Blick, vor allem die Bundesliga: Rafal Gikiewicz hat mit dem 1. FC Union hohe Ziele.

Foto: Matthias Koch

Berlin.  Ehrgeiz. Soll man Rafal Gikiewicz mit einem Wort beschreiben, dann fällt einem sofort dieses eine ein: Ehrgeiz. Es springt einem geradezu ins Auge, in jeder Trainingseinheit, in jedem Spiel, bei jeder Parade. Der Torwart des 1. FC Union verkörpert wie kein anderer im Kader des Berliner Fußball-Zweitligisten dieses Streben nach Erfolg, nach Verbesserung, auch nach Anerkennung. In der bislang ausgezeichneten Zweitliga-Saison der Köpenicker war der Pole ein Garant für den Erfolg, der sich beim Liga-Vierten mit nur 15 Gegentoren und nur einer Niederlage an Zahlen ablesen lässt. Ein Mann, der auch im fortgeschrittenen Profialter von 31 Jahren immer noch hohe Ziele hat.

Als bislang einziger im Team von Trainer Urs Fischer hat Gikiewicz nie einen Hehl daraus gemacht, was er wirklich erreichen will. „Mein Ziel ist der Aufstieg mit Union“, wiederholt er auch vor dem Start in die zweite Saisonhälfte am Donnerstag gegen den 1. FC Köln (20.30 Uhr, Alte Försterei) sein Vorhaben. Und hat dafür eine einfache Erklärung: „Ich stehe jeden Tag um sieben Uhr auf, und wenn ich keine Ziele habe, ist meine Karriere zu Ende. Dann steige ich in den Zug und fahre nach Hause nach Polen.“

Als Kind oft nur Kartoffeln mit Salz gegessen

Bislang fährt dieser Zug noch ohne ihn, und das hat gute Gründe. Gikiewiczs Blick, oft funkelnd, immer stechend, geht für einen Moment ins Leere. Erinnerungen drängen zurück in sein Bewusstsein, Erinnerungen an eine harte Kindheit, die in ihm den Ehrgeiz geweckt haben, es einmal besser haben zu wollen. „Als kleines Kind mit zwei Brüdern – wir hatten kein Geld, haben nur Kartoffeln mit Salz gegessen. Ich muss mir bis heute alles erarbeiten“, erzählt Gikiewicz, geboren in Olsztyn, rund 140 Kilometer südöstlich der Hafenstadt Danzig. „Ich will jeden Tag kämpfen und jeden Tag ein besserer Torwart, ein besserer Papa, ein besserer Mensch werden“, sagt Gikiewicz. Seine blauen Augen haben den Fokus für die Gegenwart längst wiedergefunden.

Ein Vorbild, ja, als solches sieht er sich, und er nimmt es zum Antrieb für jede Minute seines Profidaseins. „Wir haben den besten Beruf der Welt. Wir trainieren zweimal am Tag“, so Gikiewicz. Nicht viel Zeit, und dennoch völlig ausreichend, um seinem Ehrgeiz freien Lauf zu lassen. Ihn immer wieder neu anzustacheln, um am Spieltag die beste Leistung abrufen zu können. „Die Menschen kaufen Karten und kommen ins Stadion wie in ein Theater“, sagt Gikiewicz. Und wenn alle nach 90 Minuten „zufrieden nach Hause gehen, weil Union drei Punkte geholt hat, bin ich auch froh. Wenn wir gut spielen, kommen die Leute wieder oder fahren sogar auswärts mit.“ Sein Blick kann die Gier nach Erfolg nicht mehr verbergen, nach großen Momenten. Das Pokalspiel bei Borussia Dortmund (2:3 n.V.) kommt ihm in den Sinn, auch das Liga-Duell beim Hamburger SV (2:2). Für solche Auftritte „müssen wir jeden Tag hart arbeiten, dann kommen die Fans auch mit“.

Nach den Spielen ist der Körper voller Adrenalin

Dafür haben seine Vorderleute schon mal zu leiden. Es vergeht kaum ein Spiel, in dem Gikiewicz seinen Teamkollegen nicht ins Gewissen redet – oder eher brüllt, mit weit aufgerissenen Augen, die Zeigefinger an die Stirn hämmernd, um sie nach einem Moment der Unachtsamkeit wieder wachzurütteln. „Das ist impulsiv, hat aber nichts damit zu tun, dass ich keinen Respekt vor den Spielern habe“, erklärt Gikiewicz: „Ich will damit immer ein Signal setzen, auch für den Gegner.“

Dass er nach einem Spiel nur schwer zur Ruhe kommt, weil sein Körper derart mit Adrenalin vollgepumpt ist, versteht sich fast von selbst. „Ab acht Uhr ist für mich Spieltag, egal ob wir um 13.30 Uhr spielen oder um 20.30 Uhr“, sagt Gikiewicz. Seinen Ernährungsplan hält er dennoch ein. 3000 Kalorien pro Tag, die ihn zu neuen Rekorden führen sollen. Sein Saisonziel? Natürlich ehrgeizig: Acht Mal will er in den verbleibenden 16 Spielen noch ohne Gegentor bleiben. „In Braunschweig habe ich zwölf Mal zu Null gespielt, das ist mein persönlicher Rekord. Jetzt sind es sieben Mal, plus acht, das ist nicht schlecht für die Zweite Liga, glaube ich. Aber ich setze mir immer hohe Ziele, weil ich das Risiko liebe. Wenn ich es jetzt nur noch fünf Mal schaffe, ist das wie eine persönliche Niederlage“, so der Union-Torwart. Und ein Rückschlag auf dem – natürlich ehrgeizigen – Weg in die polnische Nationalmannschaft, den er längst noch nicht abgeschrieben hat.

Der Pole glänzt auch mal als Torschütze und Passgeber

Dass er mehr sein kann als nur ein Ersatztorwart bei einem Bundesligisten (nur zwei Einsätze in zwei Jahren beim SC Freiburg), hat er bei Union bewiesen. Nicht allein wegen seines Last-Minute-Ausgleichstores gegen Heidenheim (1:1) oder seiner Vorlage zum späten Punktgewinn gegen Duisburg (2:2). Es klingt fast wie eine Drohung an die Konkurrenz, wenn er von Unions Aufstiegschancen spricht. „Klar ist es schwierig, aber es ist auch realistisch. Wir haben noch 16 Spiele. Wenn du einen guten Start hast, wird es einfacher, und selbst wenn wir gegen Köln verlieren sollten, ist die Chance bis zum letzten Spieltag da“, sagt Gikiewicz. Mit seinen Leistungen, seiner Einstellung und seinen Zielen ist er Unions personifiziertes Aufstiegsversprechen.

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