Union-Trainer

„Am Schluss bekommst du, was du verdienst“

Union-Trainer Fischer über die starke Hinrunde des Zweitligisten, Versagensängste und Hoffnungen auf den Aufstieg in die Bundesliga.

Foto: Jörg Carstensen / picture alliance/dpa

Berlin.  Urs Fischer ist erst seit Sommer 2018 Trainer des 1. FC Union, doch der Schweizer klopft mit dem Fußball-Zweitligisten so laut an die Tür zur Bundesliga wie keiner seiner Vorgänger. Vor dem Start in den zweiten Saisonabschnitt mit dem Topspiel gegen den
1. FC Köln am Donnerstag (20.30 Uhr, Alte Försterei) spricht der 52-Jährige in der Morgenpost über sein erstes halbes Jahr bei Union, wie ihn seine erste Trainerentlassung prägte und was von Union noch zu erwarten ist.

Herr Fischer, wie fühlen Sie sich als künftiger Aufstiegstrainer des 1. FC Union?

Urs Fischer: (lacht) Das kann ich nicht beurteilen, weil ich mich nicht als Aufstiegstrainer fühle. Und: Es gab ja auch schon acht Trainerwechsel. Das heißt, es gab Mannschaften, die sich die Saison anders vorgestellt haben und aufgrund der Aktualität reagieren mussten. Ich glaube, du darfst dir nie sicher sein, von daher kann ich diese Gratulation auch nicht annehmen. Aber wir haben eine gute Hinrunde gespielt, damit dürfen wir auch zufrieden sein.

Warum so defensiv, man könnte meinen, Sie trauen dem Erfolg bislang nicht…

Es ist nicht so, dass ich uns das nicht zutraue oder unsere gezeigten Leistungen nicht gut finde, aber ich habe schon genügend erlebt im Fußball. Also ruhe dich nicht aus auf dem, was du bislang erreicht hast, sondern mache weiter so. Dieses „Von Spiel zu Spiel gehen“ ist eine Möglichkeit, mit dem Ganzen umzugehen. Und damit sind wir wirklich nicht schlecht gefahren. Es gibt aus meiner Sicht auch keinen Grund, daran etwas zu ändern.

Wie passt dieser bodenständige Trainer Urs Fischer zu jenem Verteidiger Urs Fischer, der gern auch als kratzbürstig beschrieben wurde?

Ich hatte ja eher mit Defensivaufgaben zu kämpfen gehabt, als Libero oder zentraler Verteidiger. Ich galt schon als aggressiver Spieler, der sich nie scheute, in die Zweikämpfe zu gehen. Der aber auch mit dem, was er gemacht hatte, leben konnte. Ich bin immer drangeblieben in den Zweikämpfen, es wird dir nichts geschenkt. Vielleicht habe ich das als Trainer mitgenommen.

Hilft einem die Erfahrung dabei, gelassener zu werden?

Je mehr Erfahrung du hast, desto gelassener wirst du – das stimmt nicht. Aber du gehst mit gewissen Situationen, die du schon erlebt hast, anders um. Zu deinem Wohl, aber auch dem aller anderen. Am Schluss geht es mir immer um Qualität, die will ich sehen, da bleibe ich hartnäckig, auch wenn sich die Spieler aufregen: Ruft der schon wieder! Aber in Hektik zu verfallen, bringt nichts. Das ist ein Führungsstil, den ich beibehalten will. Auf diesem Weg zu bleiben, ist ein schmaler Grat. Im Spiel kommen dann noch mehr Emotionen hinzu. Diese auch noch zu kontrollieren, wird immer schwieriger. Aber es ist wichtig, um Fokus und Kontrolle nicht zu verlieren.

Union hat seinen Fokus im Sommer neu ausgerichtet, mit Ihnen einen Neustart hingelegt. Inwiefern gilt das auch umgekehrt? Nach vielen Jahren als Spieler und Trainer beim FC Zürich und FC Basel wirkte es, als seien Sie in ihrer Heimat verbrannt…

Wenn man das nimmt, was in der Schweiz noch zu erreichen war, dann kann ich das schon ein wenig nachvollziehen. Wenn du mit Basel zwei Saisons dominierst, fast 72 Runden an erster Stelle stehst, Tore- und Punkterekorde aufstellst, Meister und Pokalsieger wirst, Champions League spielst, dann wird es schwierig, das noch zu steigern. Aber Urs Fischer war in der Schweiz nicht verbrannt oder müde. Es gab schon noch Möglichkeiten in der Schweiz. Aber irgendwie war es für mich ein Thema – auch aufgrund der zwei Jahre in Basel, dass mein Name etwas bekannter wurde – dann auch ins Auge zu fassen, dass das Ausland anfragen könnte – was ja auch geschehen ist. Es ist ja auch für mich eine neue Herausforderung, was nicht heißt, dass ich in der Schweiz keine Herausforderung mehr gehabt hätte. Die Erfolge zu bestätigen, ist viel schwieriger. Aber irgendwie hat es bei Union gepasst, es war vom ersten Moment an eine richtige Entscheidung.

Sie haben in ihrer Auszeit nach der Entlassung beim FC Basel 2017 viele Fußball-Biografien gelesen, auch Bücher über Führung und Management. Wie sehr profitieren Sie jetzt davon?

Ich glaube, schlussendlich viel. Alles was du liest, erlebst, Dinge, die dich nicht loslassen, die nimmst du mit. Eindrücke, von denen du sagst: Die finde ich gut. Man hört ja auch als Trainer nicht auf, sich zu entwickeln. Ich habe Bücher über Carlo Ancelotti gelesen, er gilt als ruhiger Zeitgenosse, sein Umgang mit der Mannschaft ist sehr menschlich. Oder über Jürgen Klopp – auch sehr menschlich, aber viel impulsiver. Auch Josep Guardiola oder José Mourinho – aus allen diesen Büchern nimmst du etwas mit.

Wo reiht sich Urs Fischer in die Reihe dieser Trainergrößen ein?

Darüber kann sich jeder selbst ein Bild machen. Ich schaue mir ja auch andere Kollegen in unteren Ligen an, nicht nur die ganz Großen. Ich sage: Sei offen für neue Dinge. Wenn du heute noch wie vor 20 Jahren eine Mannschaft führen willst, wirst du Probleme bekommen. Wichtig ist, dass Urs Fischer Urs Fischer bleibt.

Und Urs Fischer hat bei Union in nur einer Hinrunde aus einem runderneuerten Kader ein Team geformt, das um den Aufstieg mitspielt. Hand aufs Herz: Wie groß ist der Anteil des Trainers daran?

Wenn es gut läuft, kann er sich schon ein Stück vom Kuchen abschneiden, wie jeder andere auch. Der Trainer – wie die Waschfrau und der Busfahrer – vollbringt eine Dienstleistung, damit die Mannschaft sich voll auf den Fußball konzentrieren kann. Ich glaube aber auch, dass sich jeder ein Stück vom Kuchen abschneiden kann, wenn es mal nicht so läuft. Am Schluss ist der Trainer ein Teil des Ganzen, den es braucht, um erfolgreich zu sein.

Wieder stellen Sie das Team nach vorn. Stehen Sie nicht gern im Mittelpunkt?

Wenn es nicht sein muss, habe ich nichts dagegen. Ich habe kein Problem damit, wenn ich mich mal hinstellen muss. Aber ich würde lügen, wenn ich jetzt sagen würde, ich hätte ein wirklich gutes Gefühl dabei. Wahrscheinlich passt das nicht zu mir.

Als Sie 2012 beim FC Zürich entlassen wurden, hatten Sie sogar die Befürchtung, in der Meinung der Öffentlichkeit versagt zu haben. Wieso?

Diese erste Entlassung war für mich Teil des Lernprozesses. Viele Trainerkollegen, die das schon erlebt hatten, haben mir gesagt: Du bist eigentlich erst ein richtiger Trainer, wenn du das erste Mal entlassen wurdest. Das habe ich zur Kenntnis genommen, konnte damit aber nichts anfangen. Dieser Moment, als mir der Präsident das mitgeteilt hat – da zieht es dir den Boden unter den Füßen weg. Du kommst dir als Alleinschuldiger vor. Ich muss es ja dann auch der Familie erzählen. Dann siehst du in ihren Gesichtern auch Enttäuschung. Und schon hat man das Gefühl, du hast versagt. Im Nachhinein ist es zum Teil dumm, dass ich so gedacht habe. Erst als dann wieder die ersten Angebote kamen, merkte ich, dass so eine Entlassung einfach Teil des Ganzen ist, der einem später einen Neustart und Wachstum ermöglichen. Das war für mich ein ganz wichtiger Moment in meiner Karriere.

Später beim FC Basel wurden sie von den Fans zunächst nicht als einer der ihren begrüßt. Das war bei Union vom ersten Tag an anders. Wie sehr waren Sie überrascht?

Das spiegelt auch das Leben und die Werte des Vereins und dessen Fans wider. Das hat auch mit der Geschichte des Klubs zu tun. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Trainer hier mal nicht mit offenen Armen empfangen wurde. Das ist auch eine gute Voraussetzung, um miteinander umzugehen. Ich glaube aber nicht, dass die Voraussetzung in Basel die schlechtere war. Nur: Du musstest mehr investieren, um die Leute zu überzeugen. Dass du bei Union so viel Wertschätzung bekommst, ohne gearbeitet zu haben, ist Wahnsinn.

Das bedeutet aber auch Druck, oder?

Ich glaube nicht, dass es Druck ist. Es spiegelt sich dann in Spaß und Freude wider, für diesen Klub zu arbeiten. Und Spaß und Freude sind Voraussetzung, damit du deine Arbeit entsprechend erledigst. Sonst suche dir etwas anderes.

Etwas anderes als Fußball kam für Sie offenbar nicht in Betracht. Wieso sind Sie als Schweizer nicht Skirennläufer geworden?

Ich hatte immer die Möglichkeit, im Winter mit meinen Eltern in den Skiurlaub zu gehen. Ich war auch ein guter Skifahrer. Aber es waren eben nur drei Wochen im Jahr. Und Fußball konntest du überall spielen. Als ich sechs, sieben Jahre alt war, wurde ich gefragt, ob ich nicht mal zum Probetraining beim FC Zürich kommen mag. Das habe ich gemacht und die wollten, dass ich unbedingt bleibe. Und der Fußball war ja auch damals schon die Sportart Nummer eins, auch im Fernsehen. Und es ist die einfachste Möglichkeit, Freizeit zu gestalten. Ich war zudem immer mehr ein Teamsportler.

Als Sie 1984 als Profi debütierten, wurde noch mit Libero gespielt. Seitdem hat sich die Art des Fußballs enorm verändert. Inzwischen geht es vom Ballbesitzfußball wieder mehr in Richtung schnelles Umschaltspiel. Wohin wird sich der Fußball in den nächsten Jahren entwickeln?

In jedem Fall wird er sich entwickeln. Ich hatte als Spieler schon das Gefühl, wir sind am Limit. Das war vor 20 Jahren. Es wird wieder eine neue Variante kommen, sei es beim Ballbesitzfußball, oder im Umschaltspiel. Ich bin mir sicher, dass du den Fußball mit der einen oder anderen Regelanpassung so verändern kannst, dass er wieder von neuem beginnt. Zum Beispiel: Abseits zählt erst ab der Strafraumgrenze. Auch von der Geschwindigkeit, den technischen Ansprüchen haben wir noch Potenzial.

Wichtig wäre ja schon der Videobeweis für die Zweite Liga…

Ich bin ein Befürworter. Der würde auch den Schiedsrichtern hohen Druck nehmen. Man sollte es aber nicht übertreiben. Da gilt es, sicher noch mehr Erfahrungen zu sammeln. Wenn ich aber sehe, wie viele Entscheidungen korrigiert werden konnten – der Videobeweis macht den Fußball fairer. Vielleicht wollen wir das irgendwann nicht mehr, vielleicht muss der Fußball ein bisschen unfair sein, vielleicht entstehen dadurch mehr Emotionen, mehr Gesprächsstoff. Aber es geht um zu viel. Ein, zwei Spieltage vor Schluss, es geht um die Relegation, und der Schiedsrichter – auch er kann sich irren, wie wir alle – trifft eine Entscheidung, die für einen Klub den Ruin bedeuten kann. Dann ist es schon an der Zeit mitzuhelfen.

Als passionierter Angler wissen Sie: In der Ruhe liegt die Kraft. Wie lange wird die Ruhe bei Union andauern, sollte es nicht so erfolgreich weitergehen wie in der Hinrunde?

Die Ruhe wird nicht mehr die gleiche sein, aber der Umgang miteinander. Wenn es dann mal kippt und die Medien dann dementsprechend schreiben, was ihr gutes Recht ist, gibt es eine Kettenreaktion. Es werden mehr Leute beeinflusst, und die Stimmung kippt, davon bin ich überzeugt. Entscheidend ist, wie du innerhalb des Klubs arbeitest. Da denke ich schon, dass diese Zusammensetzung auch mal einen Sturm überleben kann.

Was ist von Union in der zweiten Saisonhälfte noch zu erwarten, auch mit Blick auf das Spitzenduo Hamburg und Köln?

Der Weg führt über Köln und den HSV, dabei bleibe ich, das ist für mich Platz eins und zwei. Unser Ziel muss es sein, mit anderen Mannschaften ihnen so lange wie möglich das Leben sehr schwer zu machen. Hamburg und Köln haben diese Sicherheit: Jungs, das klappt schlussendlich schon. Soweit sind wir noch nicht. Wir müssen daran arbeiten, über 90 Minuten ein gleiches Gesicht zu zeigen. Das wird nicht gelingen, aber vielleicht sind es 80 Minuten, und du hast zweimal fünf Minuten, in denen der Gegner die Oberhand bekommt.

Bleibt noch die Frage zu klären, was Sie am 19. Mai machen…

Ich werde ganz sicher zufrieden sein mit dem, was wir versucht haben. Weil die Einstellung da war und die Bereitschaft. Jeder würde gern aufsteigen, aber das ist nicht möglich. Doch ich bin mir sicher, dass wir positiv gestimmt sind.

Und dann mit Volldampf in die Relegation?

Wenn ich es aussuchen könnte, würde ich auch Platz eins oder zwei nehmen. Aber Fußball ist eben kein Wunschkonzert. Am Schluss bekommst du das, was du verdienst.

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