Hinrundenbilanz

Union stimmt sich leise auf die Bundesliga ein

Zweitligist Union hat aus den Fehlern vergangener Jahre gelernt und sich zu mehr als dem ersten Verfolger des Spitzenduos entwickelt.

Union macht wieder Spaß, wie Kapitän Christopher Trimmel, Marcel Hartel, Sebastian Polter, Marvin Friedrich, Ken Reichel und Joshua Mees (v.l.) beweisen

Union macht wieder Spaß, wie Kapitän Christopher Trimmel, Marcel Hartel, Sebastian Polter, Marvin Friedrich, Ken Reichel und Joshua Mees (v.l.) beweisen

Foto: O.Behrendt / imago/Contrast

Berlin.  Wirklich viel hat der 1. FC Union mit dem VfL Bochum nicht zu tun. Doch der Ruhrpottklub dient als Kronzeuge, um die Entwicklung zu verdeutlichen, die der Berliner Fußball-Zweitligist innerhalb eines Jahres vollzogen hat. Anfang Dezember 2017 entließen die Köpenicker Trainer Jens Keller nach einem 1:2 in Bochum. Zwei Heim-Niederlagen später (0:1 gegen Dresden, 1:2 gegen Ingolstadt), dann unter Trainer André Hofschneider, war die vorweihnachtliche Freude komplett dahin. Am Ende gab es den späten Klassenerhalt.

Dieses Jahr, nach dem 2:0 gegen Bochum am vergangenen Sonnabend zum Hinrunden-Abschluss der Saison 2018/19, kann die Freude bei den Köpenickern kaum größer sein. Rang drei, in Lauerstellung zum Spitzenduo Hamburger SV und 1. FC Köln, 17 Spiele ungeschlagen – Union stimmt sich leise auf die Bundesliga ein. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.

„Wir haben aus den vergangenen Jahren gelernt, den Ball flach zu halten und zu allererst auf uns zu schauen“, erklärte Sebastian Polter den wohl größten Unterschied. Kaum ein Gespräch, in dem nicht das fast schon zum Mantra erhobene „Wir schauen von Spiel zu Spiel“ fällt oder der Teamgedanke hervorgehoben wird. „Wir haben eine gute Breite im Kader und auch viel Leistungsbereitschaft“, erklärte Polter. Die Qualität kann dadurch im Spiel hochgehalten werden. So untermauert Union den Aufstiegswunsch durch Leistungen, als stille Kampfansage an die Konkurrenz.

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Gikiewicz wehrt 78 Prozent der Schüsse ab

Dabei überzeugt vor allem die Defensive, nicht nur, weil sie mit zwölf Toren die wenigsten Gegentreffer aller Profiklubs in Deutschland zuließ. Nur drei davon fielen vor der Pause, in den ersten 30 Minuten hielt Union seinen Kasten sogar komplett sauber. Mit nur 187 Torschüssen (elf pro Spiel), die Union dem Gegner gestattete, ist die Mannschaft ebenfalls fast Spitze. Nur der SV Sandhausen ließ noch einen Torschuss weniger zu. Lediglich neun Großchancen gab es für die Konkurrenz, Liga-Bestwert. Wie bissig die Köpenicker sind, ist an 289 Fouls abzulesen, nur der FC Ingolstadt foulte öfter (295). Und mit Rafal Gikiewicz steht zudem noch der laut Statistik beste Torwart der Liga im Union-Tor: Der Pole wehrte 78 Prozent der Schüsse aufs Union-Tor ab.

„Wir müssen als Mannschaft verteidigen, der Stürmer ist der erste Verteidiger“, verdeutlichte Polter, „und der Torwart im Grunde erster Angreifer.“ Was Gikiewicz mit seinem Treffer gegen Heidenheim (1:1) auch bestätigte. Christopher Trimmel, seit 2014 bei Union und in dieser Saison Kapitän, nannte das Erfolgsgeheimnis: „Wir versuchen immer, auf das zweite Tor zu gehen. Das machen wir in dieser Saison besser. Wir versuchen nach einer Führung weiterzuspielen und stellen uns nicht hinten rein.“ Ein Merkmal, wie es nur bei gefestigten Teams zu finden ist.

Das liegt in erster Linie an Urs Fischer. Dem Trainer gelang es, den runderneuerten Kader (zehn Abgänge, neun Zugänge) in kürzester Zeit auf Kurs zu bringen. Die Art und Weise, mit der der Schweizer die tägliche Trainingsarbeit leitet, kommt bei den Spielern an. „Der Trainer ist sehr direkt, aber in einer ruhigen Art“, erzählte Polter: „Er zeigt dir direkt, woran du bist, was du machen musst. Auf der anderen Seite sagt er dir auch, was ihm fehlt.“

Die 27 Treffer verteilen sich auf zehn Torschützen

Der Stürmer, mit fünf Toren zweitbester Union-Schütze hinter Sebastian Andersson (sechs), lobte Fischers Trainingssteuerung, die Trainingsdosierung, auch dessen Analysen. „Wir haben hohes Vertrauen“, sagte Polter. Vertrauen, dass die Mannschaft mit Toren zurückzahlt. Zehn verschiedene Schützen verteilen sich auf die 27 erzielten Treffer. Union wird dadurch weniger ausrechenbar für den Gegner, die Chancen auf einen Erfolg steigen.

Es war Mittelfeldspieler Robert Zulj, von der TSG Hoffenheim bis Saisonende ausgeliehen, der feststellte: „Union wird als Spitzenklub wahrgenommen.“ Und er machte deutlich: „Ich bin noch nicht am Maximum angekommen, ich kann mich noch verbessern. Wir alle können uns noch verbessern.“ Worte, die angesichts der guten Hinrunde schon eine Kampfansage an die Konkurrenz sind. Wenn auch nur eine leise.

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