Fussball

Nico Patschinski: Zu oft falsch abgebogen

Nico Patschinski war mal Fußballstar. Und später ein Zocker. Jetzt fängt der Berliner wieder von vorn an: als Busfahrer.

Neues Leben hinterm Steuer: Der Fußball-Profi Nico Patschinski ließ sich bei den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein zum Busfahrer ausbilden.

Neues Leben hinterm Steuer: Der Fußball-Profi Nico Patschinski ließ sich bei den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein zum Busfahrer ausbilden.

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Hamburg.  Es gibt da diesen Film. Russell Crowe spielte 2005 den Boxchampion James J. Braddock, der irgendwann seine Lizenz verlor und verarmte. Mitten in der Weltwirtschaftskrise musste er als Dockarbeiter ums Existenzminimum kämpfen. Durch einen glücklichen Zufall durfte er später noch mal in den Ring zurückkehren, gewann überraschend und holte sich alsbald den WM-Titel. „Du hast nur diesen Kampf, lass dir das nicht nehmen, tu es für deine Kinder!“, brüllte ihn sein Trainer an. „The Cinderella Man“, Aschenputtel-Mann, taufte die US-Presse damals Braddock, so lautete auch der Originaltitel des Films.

Nico Patschinski liebt diesen Film. „Mindestens zweimal pro Woche“, schätzt er, zieht er sich das Sportdrama rein, allein in seiner Hamburger Ein-Zimmer-Wohnung. Als wolle er sich eintrichtern: Es gibt immer eine zweite Chance. Oder dritte.

Patschinski war mal ein Held in der Stadt, Torjäger des FC St. Pauli, als dieser 2001 in die Bundesliga aufstieg. Ein Fußball-Wunder, auf dem Heiligengeistfeld feierten Zehntausende Fans mit. Es war ein einziger Rausch.

Bei der EM 2016 als Spaßvogel in „Beckmanns Sportschule“

„Ohne Spaß kann ich nicht Fußball spielen“, lautete stets das Motto. Patschinski war ein Typ zum Pferdestehlen, sein Spaßvogel-Image pflegte er vor den TV-Kameras. Als er nach einem Dreierpack einmal gefragt wurde, ob er schon mit seinem Vater telefoniert habe, antwortete er: „Wird schwer, der wird blitzeblau sein. Er trinkt nach jedem Tor von mir einen Whiskey.“

Es gab kein Rampenlicht mehr, als Patschinski am 6. Februar seine Bus-Führerscheinprüfung bestand und ein neues Berufsleben begann. Die Medien-Maschine heulte aber auf, weil er schon häufiger aus dem Raster gefallen war. Nach seiner Karriere als Fußballer fuhr er Pakete aus und arbeitete zuletzt zwei Jahre als Bestatter. Der Job brachte ihn sogar zurück ins Fernsehen. Während der EM 2016 engagierte ihn Reinhold Beckmann im Paket mit Ex-Torwart Tim Wiese für Klamauk-Einlagen in „Beckmanns Sportschule“. Tatsächlich hat Patschinski den Bestatter-Job ernsthaft ausgeübt. „Ich habe alles gemacht. Die Menschen abgeholt, sie sauber gemacht, Reden gehalten, die Urne versenkt. Da habe ich gemerkt, was wichtig ist.“ Nur weil eine unbefristete Anstellung nicht möglich war, ging man in Freundschaft auseinander.

Berühmt durch das Tor für den Weltpokalsiegerbesieger

Jetzt also Busfahrer. Ein Kicker, der es bis in die Bundesliga schafft und der finanziell ein gemachter Mann sein müsste, setzt sich mit 41 Jahren hinter das Steuer, um für ein Einstiegsgehalt von 2365 Euro brutto Hamburger durch die Stadt zu kutschieren – wenn es sein muss, auch HSV-Fans in den Volkspark. Die Frage drängt sich auf: Was ist da schiefgelaufen? Patschinski sieht das anders: „Ich fahre gerne Auto, also habe ich mich beworben. Und ich muss was machen, was bis zur Rente reicht. In diesem Job habe die Riesen-Chance, noch mal ganz von vorne anzufangen.“ 50 Strecken musste er auswendig lernen, derzeit ist er noch mit Lehrfahrer unterwegs. Immer schön vorsichtig.

Auf 100 war Patschinski vor 16 Jahren. Am 6. Februar 2002 triumphierte der kleine FC St. Pauli 2:1 über den FC Bayern – bis heute der einzige Sieg in der Bundesliga am Millerntor über den Rekordmeister. Ecke Christian Rahn, Verlängerung Marcel Rath, Patschinski schob vor der Pause aus kurzer Distanz an Oliver Kahn vorbei zum 2:0 ein.

Patschinski sprintete danach spontan zur Ersatzbank und setzte sich auf den Stuhl des damaligen Trainers Dietmar Demuth. „Seine Ansprache vor Anpfiff fand ich witzig“, erinnert sich der ehemalige Stürmer, „er hatte uns aufgefordert, den Gegner durch ständiges Toreschießen zu zermürben. Bei den Bayern eine durchaus einleuchtende Taktik.“

Vier Abstiege in fünf Spielzeiten

In jener Nacht landete auch die Marketing-Abteilung einen Coup. Da die Bayern frisch dekoriert als Weltpokalsieger angereist waren, brachte St. Pauli ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Weltpokalsiegerbesieger“ auf den Markt, das sich über 100.000 Mal verkaufte. Auch noch Jahre später ist dieses legendäre Spiel präsent.

Bis heute genießt es Patschinski, wenn er auf das Match angesprochen wird („Ist doch toll, wenn sich die Leute daran erinnern“). Dabei markiert ausgerechnet dieser Abend einen Wendepunkt in seinem Leben. Trotz des Erfolgs gegen die Bayern stieg St. Pauli als Letzter ab und in der Saison darauf auch noch aus der Zweiten Liga. Patschinski wechselte 2003 zu Eintracht Trier, wo er im zweiten Jahr ebenfalls nicht die Klasse halten konnte. Bei LR Ahlen passierte ihm 2006 das gleiche Missgeschick – der vierte Abstieg in fünf Spielzeiten. Ein Albtraum.

Verdient hat Patschinski in jener Zeit ordentlich, aber nicht im Übermaß wie Profis heute. „6000 Mark Grundgehalt waren es bei St. Pauli in der Zweiten Liga plus Prämien“, erinnert er sich. „In der Bundesliga stieg die Summe auf 12.000 Mark.“ Läuft, dachte sich der Mittelstürmer und ließ bei der Suche nach dem Lebensglück auch die Spielbanken nicht aus, wo Sieg und Niederlage im Poker oder Roulette ähnliche Adrenalinschübe ausüben konnten wie bei einem Tor. „Ich ging nie mit der EC-Karte los, sondern nur mit Bargeld. 900 Euro in der rechten Tasche, 100 Euro in der linken für Getränke und Taxi. Ich musste ja irgendwie nach Hause kommen.“ Geheim blieb das nicht lange. Schnell hatte er das Image des Spielsüchtigen weg. In Ahlen flog eine private Pokerrunde auf, weil seine Mitzocker die Spielschulden beim Training eintreiben wollten. Dabei sollte Patschinski betrogen werden – plötzlich waren fünf Asse im Spiel.

Für Spielbanken gesperrt, ins Dschungelcamp will er nicht

Jahre später fuhr Patschinski zu seinen Eltern nach Berlin, wo die Kontoauszüge lagerten und rechnete aus, was ihn die Casinotrips, Sportwetten im Internet, Automaten in Spielhallen und Online-Poker gekostet haben. „Investiert habe ich sicher 50.000 Euro, aber ab und zu auch höhere Summen gewonnen. Wenn ich 20.000 Euro gegenrechne, lande ich bei circa 30.000.“ Eine überschaubare Summe, findet Patschinski. „Wenn jemand regelmäßig in den Puff geht, ist er auch schnell 30.000 los.“ 2006 ließ er sich bundesweit bei allen Spielbanken sperren.

Dass ihm das Geld zwischen den Fingern zerronn, hatte auch andere Gründe. Als ein erst sechs Wochen alter Neuwagen nach einem Unfall einen Totalschaden erlitt, zahlte die Versicherung nicht. Über den Grund möchte er in der Öffentlichkeit nicht reden.

Nach dem Erwerb von zwei Eigentumswohnungen kaufte sich Patschinski nach seinem Wechsel zum 1. FC Union (2006), wo er in der damals drittklassigen Regionalliga spielte, auch noch ein Haus im brandenburgischen Wandlitz für seine Frau, eine ehemalige Eiskunstläuferin, und Sohn Pete (benannte nach dem Tennisstar Sampras). Die Hälfte bezahlte er in bar, der Rest lief über eine Finanzierung – mit Raten, die er später nicht mehr begleichen konnte.

Von der Dritten Liga in die Kreisliga - innerhalb von sieben Jahren

Bei Union ging es sportlich bergauf. Nach der Qualifikation für die neue Dritte Liga 2008 spielte der Klub auch in der Folgesaison oben mit. Doch bei der Aufstiegsfeier der Berliner in die Zweite Liga fehlte Patschinski – der Verein hatte seinen Vertrag im April 2009 aufgelöst. Auslöser war seine Teilnahme am Benefizpokerturnier für die Jugendabteilung des BFC Dynamo, für die er 5000 Euro Strafe zahlen sollte. Es ging vor Gericht, und den Prozess gewann Patschinski, doch sein Zockerimage wurde er nie mehr los.

Der 32-Jährige schloss sich dem BFC Dynamo an, fünfte Liga. Die Karriere austrudeln lassen, nennt sich das gewöhnlich. Doch dann geriet im Winter sein Privatleben aus den Fugen. Patschinski erwischte seine Frau mit einem anderen, die Ehe zerbrach. Ein K.o.-Schlag. „Mein Leben war am Ende, ich sah keinen Sinn mehr.“

Doch bald kam er wieder auf die Beine, der Fußball half. Über Trier (2010) und Neunkirchen (2011) kam er 2012 zurück nach Hamburg, wo er für den SC Victoria und Niendorf in der Oberliga spielte. 2015 folgte schließlich der Wechsel in die Kreisliga nach Schnelsen als Spielertrainer. Seine letzte Station 2016 für zwei Spiele: SC Empelde, Kreisklasse 2 – Hannover Land. Ein Freundschaftsdienst für den Klubchef.

Ins Dschungelcamp will Patschinski nicht

Patschinski ist nicht allein mit seinem Schicksal. Pleite oder überschuldet nach der Karriere, das betrifft 20 bis 25 Prozent aller Spieler, hat der Verband der Vertragsfußballer mal berechnet. Und doch unterscheidet er sich mit seinem Lebensmut wohl von vielen anderen Menschen. Die Trennung von seiner letzten Lebensgefährtin, mit der er ebenfalls zwei Kinder hat, schüttelte ihn 2017 noch einmal durch. Die Hilfe eines Psychologen („Da machte es Klick“) hat jedoch geholfen. Er hat klare Regeln für sich aufgestellt, auch was sein „Hobby“ angeht. Drei Euro pro Fußballtipp, das gönnt sich Patschinski. „100 Euro im Monat, mehr will ich nicht sinnlos verballern.“

Ist er neidisch auf die Gehälter von heute? „Nicht im Geringsten. Auch wenn es doof klingt: Früher war es schöner. Für kein Geld würde ich das eintauschen wollen, was ich damals erlebt habe. Die können öffentlich ja nicht mal mehr in Ruhe eine Zigarette rauchen.“ Und für Geld macht er heute längst nicht alles. Ein Angebot, in das RTL-Dschungelcamp einzuziehen, wo man bevorzugt gefallene Fußballhelden wie Eike Immel oder Ansgar Brinkmann vorführt, lehnte er ab.

Patschinski probiert lieber den Neuanfang als Busfahrer und sagt: „Bitte nicht bald wieder einen Wechsel.“ Viel mehr als der finanzielle Engpass schmerzt ihn heute, ohne Familie leben zu müssen. „Das tut schon ein bisschen weh, ein ekliges Gefühl“, gibt er zu. Patschinski scheint aber kapiert zu haben, dass es Wichtigeres gibt als Siege und Adrenalin. Doch zur Sicherheit wird er sich bald wieder das Boxer-Epos um James J. Braddock anschauen. Vielleicht schon heute Abend.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.