Verrücktes Aufstiegsrennen

Für Union heißt es nun: alles auf Anfang

Union hakt die Pleite in Hannover schnell ab – und liegt mit Stuttgart und Braunschweig punktgleich einen Zähler vor den Niedersachsen.

Steven Skrzybski, Roberto Puncec und Damir Kreilach (v.l.) wollen die Niederlage von Hannover so schnell wie möglich abhaken

Steven Skrzybski, Roberto Puncec und Damir Kreilach (v.l.) wollen die Niederlage von Hannover so schnell wie möglich abhaken

Foto: imago sportfotodienst / imago/Nordphoto

Berlin.  Irgendwie passte alles zusammen. Erst 0:2 in Hannover verloren, und am späten Samstagabend musste sich Jens Keller, der Trainer des 1. FC Union, an der Torwand des ZDF-Sportstudios auch noch geschlagen geben – 1:3 gegen Marcel Schiffer vom TSV Wankendorf, einem Sechstligisten aus Schleswig-Holstein.

Es wirkte wie ein gebrauchtes Wochenende, dass der Fußall-Zweitligist erlebte. Thema Nummer eins: natürlich die erste Rückrundenniederlage, noch dazu beim direkten Aufstiegskonkurrenten. Eine Niederlage, die Fragen aufwirft. Die Morgenpost beantwortet sie.

Wie stark schmerzt die Pleite in Hannover wirklich?

In jedem Fall war es ein Wirkungstreffer, den Union hat hinnehmen müssen. Jedoch keiner, der die Köpenicker aus der Bahn werfen wird. Ebenso sachlich, wie mit Siegen an der Alten Försterei umgegangen wird, analysiert die Mannschaft nun auch den Dämpfer in Hannover. „Eine Durchschnittsleistung reicht eben nicht aus da oben“, sagte Toni Leistner, „aber es war schon klar, dass wir nicht jedes Spiel bis zum Schluss gewinnen werden und durchmarschieren.“

Doch schon gegen Nürnberg (1:0) suchte man vergeblich die Leichtigkeit jener Wochen, in denen Union an die Tabellenspitze gestürmt war. Angst vor der eigenen Courage angesichts des möglichen direkten Aufstiegs?

„Wenn man jetzt oben steht, hat man schon etwas zu verlieren“, verdeutlichte Abwehrchef Leistner – nämlich das verdiente Finale für eine bislang sehr gute Rückrunde. Die zweiwöchige Länderspielpause „war vielleicht auch ein wenig zu lang, und der eine oder andere hat sich zu sehr mit der Situation beschäftigt“, so Leistner. Teamkollege Sebastian Polter hat eine einfache Erklärung: „Mannschaft und Verein sind diese Situation nicht gewohnt.“ Dank Trainer Keller hat Union aber bewiesen, wie schnell man sich an Neues gewöhnen kann. Leistner: „Jetzt sind die Sinne wieder geschärft.“

Auch Keller ist sich sicher: „Diese Niederlage wird uns nicht umschmeißen. Wir müssen die Kirche im Dorf lassen. Wir haben bisher eine überragende Rückrunde gespielt.“ Und er gibt sich so offensiv wie nie: „Jeder Trainer, gegen den wir gespielt haben, hat in der Presse gesagt: Das ist die stärkste Mannschaft der Zweiten Liga zurzeit. Genau das waren und sind wir auch.“

Wie reagiert die Konkurrenz?

Während Hannover schon wieder frohlockt (Trainer André Breitenreiter: „Die Mannschaft ist intakt. Wir haben große Qualität auf dem Platz und immer 90 Minuten Zeit, das auch auszuspielen“), mühen sich der VfB Stuttgart und Eintracht Braunschweig, wenn auch mit Erfolg.

Dem VfB gelang es, einen 0:3-Rückstand gegen Dresden nach nur 26 Minuten noch in ein 3:3 umzuwandeln, wenn auch nur per Foulelfmeter von Simon Terodde in der vierten Nachspielminute. Die Eintracht wiederum erkämpfte sich ein 1:0 in Kaiserslautern.

Dadurch ergibt sich die spannendste Konstellation der vergangenen Jahre. Stuttgart, Braunschweig und Union liegen mit 50 Punkten einen Zähler vor Hannover. Nach 26 Spieltagen heißt es also: alles auf Anfang.

Stößt Union nach dem Höhenflug körperlich langsam an seine Grenzen?

In Hannover war auffällig, wie lange Union benötigte, sich nach dem 0:1 wieder zu fangen. „Das Tor war härter wegzustecken, weil wir bis dahin wenig zugelassen hatten. Dass durch einen eigentlich geklärten Kopfball so ein Konter entsteht, ist ärgerlich“, begründete Leistner.

Bis dahin – das sollte nicht vergessen werden – bot Union eine taktisch ausgezeichnete Leistung. Hannover hatte sehr große Mühe, überhaupt gefährlich vor das Union-Tor zu kommen. Das war nach dem Tor durch Niclas Füllkrug um einiges leichter. „Weil wir im läuferischen Bereich unter dem Durchschnitt waren“, begründete Polter, „dadurch wirkten wir harmlos.“ Dabei war es nicht zuletzt die Fitness, die Union an die Spitze getragen hat.

Polter: „Wenn man das Gefühl hat und auch sieht, dass wir dieses Läuferische nicht auf den Platz bekommen, müssen wir uns fragen, warum nicht.“ Ein Problem, an dem Keller bis zum Ostderby gegen Aue (Mittwoch, 17.30 Uhr, Alte Försterei) arbeiten muss.

Zumal in Hannover mit Linksverteidiger Kristian Pedersen und Dennis Daube, der Stephan Fürstner (Arthroskopie im rechten Knie) vertrat, zwei Profis mitwirkten, die wegen verletztem Oberschenkelmuskel bzw. einer Schulter-Operation fünf Wochen und fast vier Monate gefehlt hatten. Doch während Daube wenigstens in Halbzeit eins eine gute Leistung ablieferte, war Pedersen die fehlende Spielpraxis anzumerken. Ein Trumpf, mit dem Union bislang wuchern konnte, waren die wenigen Verletzungen. Was unweigerlich zur nächsten Frage führt:

Wie schwer ist Felix Kroos verletzt?

Der Griff des Kapitäns an sein rechtes Bein war eindeutig: Nichts geht mehr, in der 78. Minute wurde er ausgewechselt. Ein längeres Fehlen des Regisseurs wäre fatal. „Der Oberschenkel hat zugemacht, aber ich hoffe, ich bin noch rechtzeitig runtergegangen“, sagte Kroos.

Die Chancen dafür könnten gut stehen. Am Sonntagvormittag trainierte Kroos mit den Stammspielern, als er danach die Alte Försterei verließ, wirkte sein Gang locker. Wie es ihm geht? „Gut“, sagte Kroos nur. Einem Einsatz gegen Aue scheint nichts im Wege zu stehen.