Zweite Liga

Union auf St. Pauli: Mission für "Mad Dog"

Emanuel Pogatetz spielt bei Union nur noch eine Nebenrolle. Doch der kompromisslose Verteidiger ist viel mehr als nur ein Notnagel.

Emanuel Pogatetz steht für seinen Einsatz beim FC St. Pauli bereit

Emanuel Pogatetz steht für seinen Einsatz beim FC St. Pauli bereit

Foto: City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Berlin.  Über seine Zukunft weiß er genau Bescheid. "Wir wollen nach Wien zurückkehren", sagt Emanuel Pogatetz und meint mit wir seine Frau Katharina und sich. Irgendwie nachvollziehbar für einen Österreicher, auch wenn er in Graz in der Steiermark geboren wurde. Die Gegenwart hält für den 34-Jährigen 90 Minuten Zweitliga-Fußball bereit, am Freitagabend mit dem 1. FC Union beim FC St. Pauli (18.30 Uhr, Sky). Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit, ist jedoch alles andere als eine solche.

Wer seinen Namen hört, denkt sofort an mehr als nur die Zweite Liga. Emanuel Pogatetz , das sind Länderspiele für die Austria, 61 insgesamt. Das sind Bundesliga-Jahre in Leverkusen, Hannover und Wolfsburg mit 88 Einsätzen.

Das sind noch erfolgreichere Jahre in der Premier League, in England beim FC Middlesbrough, wo der Abwehrspieler zum Kapitän aufstieg und den Beinamen "Mad Dog" bekam, wegen seiner beinharten Spielweise in 123 Partien. Ja, Emanuel Pogatetz klingt nach einem Spieler, der jeder Mannschaft helfen kann, wegen seiner Qualitäten, seiner Erfahrung und seiner durch und durch professionellen Einstellung.

Der Österreicher will jede Minute genießen

Deshalb findet der Österreicher bei Union in dieser Saison – praktisch nicht statt. Es mutet merkwürdig, fast sogar fahrlässig an, auf einen solchen Mann per se zu verzichten. Jens Keller, der Trainer des Tabellenzweiten , tut es dennoch. Weil – und hier greifen eben die Mechanismen des Profifußballs – sich Toni Leistner und Roberto Puncec schnell zu einem funktionierenden Duo in der Innenverteidigung entwickelt haben.

Es gibt eine ganze Reihe von Profis, die in solchen Situationen die Enttäuschung, die es bei Nichtberücksichtigung für die Startelf unweigerlich gibt, weitertragen würden, in die Mannschaft oder gar ins Umfeld. Pogatetz tut dies nicht. Er steht bereit, wenn er gebraucht wird. Im Training. Oder im Ernstfall, wenn Leistner wie gegen Bielefeld (3:1) gesperrt ist, Puncec wie gegen Würzburg (2:0) vom Platz gestellt wird oder nun auf St. Pauli, wo der Kroate seine Sperre absitzen muss.

Seine Kampfansage, die man vermuten könnte, klingt dann wie folgt: "Ich habe versucht, jede Minute zu genießen und meinen Job zu machen." Auf seiner Facebook-Seite legte er sogar seine Gefühlswelt offen: "Wenn Fußball das Leben ist, sind Tage wie heute das Größte, unbeschreiblich schön! Egal was du machst, steh' jeden Tag auf und versuche, besser zu werden, ob als Mensch, in deinem Beruf, deiner Leidenschaft! Schau immer nach vorne, nie zurück und konzentriere dich nur auf Dinge, die du selbst beeinflussen kannst, alles andere ist verschwendete Energie auf Weg zum Glück. Danke Union für den heutigen Tag."

Suche nach dem Daseinszweck

Demut im Profifußball findet man nicht zu oft. Bei Pogatetz ist es offenbar eine Lebenseinstellung. Sie hilft ihm, sich stets auf das Hier und Jetzt zu fokussieren. Als er gegen Bielefeld seinen ersten kompletten Einsatz in dieser Saison bestritt (es war überhaupt erst sein zweiter in 2016/17), spielte Pogatetz, als wäre er eine tragende Säule im spannenden Aufstiegsrennen. Er funktionierte, dirigierte die Abwehr, gewann seine Zweikämpfe – als wäre es für "Mad Dog" eine persönliche Mission, den Köpenickern auf ihrem Weg in die Bundesliga zu helfen.

Ihn als Maschine auf dem Platz zu bezeichnen, würde ihm Unrecht tun. Doch es wirkt geradezu entwaffnend menschlich, wenn Pogatetz berichtet: "Als ich für Puncec eingewechselt werden sollte, bin ich erst hinter das falsche Tor zum Warmmachen gelaufen, so aufgeregt war ich." Wie ein junger Spund vor seinen allerersten Pflichtspielminuten.

Und er offenbart, dass die Zeit, in der er nicht mehr gewesen ist als nur der Trainingspartner, nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist. "Klar war ich enttäuscht. Man muss sich dann schon fragen, was der Daseinszweck ist", erzählt Pogatetz. Schließlich war er unter anderen Voraussetzungen im Januar des Vorjahres nach einer höchst durchwachsenen Zeit in der amerikanischen MLS bei Columbus Crew an die Alte Försterei gewechselt. Sascha Lewandowski, Unions damaliger Trainer, "hat mich geholt, damit ich spiele", sagt Pogatetz. Das hatte sich unter Lewandowski-Nachfolger André Hofschneider, spätestens aber unter Keller erledigt.

Sein Vertrag bei Union endet im Sommer

An Wertschätzung fehlt es dennoch nicht . Stürmer Sebastian Polter nennt Pogatetz den "fittesten und fleißigsten Spieler" im Kader. Coach Keller zollte dem Österreicher ein "Riesenkompliment, weil es nicht einfach ist, gefühlt ein Jahr nicht zu spielen und der Abwehr dann so eine Stabilität zu verleihen". Worte, die Pogatetz gern vernimmt, bevor er das Lob zurückgibt: "Wir arbeiten mit dem gesamten Kader auf einem hohen Niveau."

Was Emanuel Pogatetz ab 1. Juli macht? "Das wüsste ich auch gern", sagt der Profi und lacht. Sein Vertrag bei Union endet im Sommer. "Ich fühle mich wohl hier, keine Frage", erklärt er, den Traum von einem weiteren Union-Jahr im Hinterkopf: "Es wäre auch nicht so schön, wenn ich im Sommer aufhören müsste. Aber es wird sich erst spät entscheiden, das ist in meinem Alter so. Mit 34 kann man eben nicht aus zehn Angeboten auswählen."

Zur Not bleibt immer noch Wien, auch wenn die Rückkehr dorthin gern noch ein wenig warten kann.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.