Weihnachten

Weihnachtssingen bei Union: Ein Lichtermeer der Hoffnung

Das Weihnachtssingen in der Alten Försterei gibt nicht nur Unions Fanbeauftragtem Mario Jänicke nach dem Tod seiner Frau Janine Kraft.

Am Freitagabend, einen Tag vor Heilig Abend, kamen 28.500 Menschen zum Weihnachtssingen des 1. FC Union in die Alte Försterei. Es war ein beeindruckendes, ergreifendes Ereignis

Am Freitagabend, einen Tag vor Heilig Abend, kamen 28.500 Menschen zum Weihnachtssingen des 1. FC Union in die Alte Försterei. Es war ein beeindruckendes, ergreifendes Ereignis

Foto: HANNIBAL HANSCHKE / REUTERS

Berlin.  Es sind die Lichter. Diese Lichter, die aus Tausenden von Kerzen zu jenem wohlig warmen Schein zusammenfließen und einem fast die Kälte nehmen, die man an einem Dezemberabend in einem Stadion nun einmal verspürt.

Die bei so manchem, vielleicht sogar den meisten der 28.500 Menschen, die sich zum Weihnachtssingen beim 1. FC Union zusammengefunden haben, ein Gefühl der Glückseligkeit aufsteigen lässt. Wie immer am Tag vor dem heiligen Abend.

Und wenn Pfarrer Peter Müller traditionell in liebevoller, ja großväterlicher Art und Weise die Weihnachtsgeschichte verlesen wird, steht jedes einzelne Licht für eine ganz persönliche Geschichte des Menschen, der sie in den Händen hält und den Worten andächtig lauscht.

Tragischer Verkehrsunfall im Sommer

Für Mario Jänicke (53) bedeutet sie Erinnerung. An dieses stets aufs Neue ergreifende Mitwirken im größten Weihnachtschor Berlins. An den Menschen, mit dem er das Weihnachtssingen besuchte, Jahr für Jahr, seit 2004.

An seine Frau Janine, die sein Leben so sehr bereichert hat. Die sich seit Jahren für die Fans mit Handicap bei Union gekümmert hat. Und die ein tragischer Verkehrsunfall im Sommer aus dem Leben gerissen hat. Weil dem Motorradliebhaber bei einer Fahrt auf der Landstraße die Vorfahrt genommen wurde. Janine saß auf seinem Motorrad, auf dem Sozius. Sie wurde nur 47 Jahre alt.

„Sie hat immer gelächelt“, erzählt Jänicke. Die Frage, was Janine so ausgezeichnet hat, lässt er erst gar nicht bis zu ihrem Ende kommen. „Und dieser unendliche Mut. Sie hat immer totales Glück ausgestrahlt.“ Glück, welches er weit über zehn Jahre mit ihr teilen durfte. Und aus dem Mario selbst auch immer wieder Kraft ziehen konnte.

Hohe Wertschätzung von Klubchef Zingler

Genau wie das Weihnachtssingen, ja wie Union im Allgemeinen, stand immer das Miteinander im Vordergrund. Die Familie. Anders hätten die gemeinsamen Jahre auch nicht funktioniert. Denn Janine litt an multipler Sklerose. „Anfangs“, so erinnert sich Mario Jänicke, und das Lächeln ist in jedem seiner Worte zu spüren, „habe ich sie immer die Treppe im Stadion hochgetragen.“

In Höhe der Mittellinie war ihr Platz, seitdem sich beide erstmals in der Alten Försterei ein Union-Spiel anschauten, im April 2002 gegen Unterhaching. Er, der glühende Union-Anhänger, sie, die bis dahin den Fußball mit Missachtung strafte. „Fußballer haben einen IQ von sieben und Fans einen von drei – so hat sie damals gedacht“, erzählt Jänicke.

Mario zeigte ihr, dass es auch anders sein kann. Ebenso wie Janine ihm – und allen Union-Fans mit Behinderung – zeigte, wie es anders sein kann. Nie wollte sie nur auf ihren Rollstuhl, ohne den es bald nicht mehr ging, abgestempelt werden. „Die Zuneigung und Wertschätzung, die sie erfahren hat, ob vom Fan oder vom Union-Präsidenten Dirk Zingler, sie tröstet.“ Fortan sah der technische Planer bei BMW-Motorrad es als seine Aufgabe an, das Fan-Werk seiner Frau, das sie 2010 bei Union übernommen hatte, fortzusetzen. Obwohl er immer noch mit den Folgen des Verkehrsunfalls im Sommer zu kämpfen hat, mit schweren Verletzungen an Arm und beiden Beinen.

Ein ehrenamtlicher Vollzeitjob

„Mit war gar nicht bewusst, wie umfangreich der Job ist, seien es die Treffen der Fan- und Mitgliederabteilung oder der Stadion AG – ich weiß gar nicht, wie sie das alles geschafft hat.“ Die Bewunderung für Janine ist unüberhörbar. Nicht nur von Mario Jänicke selbst, sondern auch von den Fans.

„Man kennt sich ja mittlerweile persönlich, die meisten kommen auch immer wieder“, sagt Jänicke. Und wenn es nur um Karten für das nächste Spiel geht. „Aber Alltag ist das immer noch nicht.“ Wie kann es das auch sein bei all der Hoffnung, die Janine Jänicke ihnen allen gab, noch dazu ehrenamtlich.

Hoffnung, die in Zeiten von Fremdenhass und Terrorattentaten auch vom Weihnachtssingen ausgeht. Natürlich hat auch Mario Jänicke der ebenso schreckliche und unfassbare Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz nicht unberührt gelassen. Wo er doch den Schmerz der Hinterbliebenen nachvollziehen kann. Sein Zuspruch soll Balsam und Mut zugleich sein. „Man sollte auch weiter dorthin gehen, weil es zum Leben dazu gehört. Weil es einem gefällt“, sagt Mario Jänicke. So wie Janine das Motorradfahren über alles gemocht hat.

In voller Hochzeitsmontur auf die WM-Fanmeile

Ob er Bammel hatte vor diesem Freitagabend? Vor dem Platz ganz dicht neben ihm, der leer blieb? „Nö“, sagt Jänicke unumwunden: „Mich erinnert jeden Tag so viel an sie.“ Oder an den Tag vor fast 15 Jahren, als sich ihre Wege zum ersten Mal kreuzten. Mario trainierte seinerzeit Unions B-Mädchen, bei denen Janines Tochter spielte.

An ihren Hochzeitstag, den 14. Juni 2006, als es nach der Trauung in Anzug und Brautkleid zu einem Spiel der Union-Mädchen und abends zur WM-Fanmeile vor das Brandenburger Tor ging, um den deutschen Last-Minute-Erfolg gegen Polen zu bejubeln. Oder daran, dass der Hochzeitstag in den folgenden Jahren von beiden auch immer wieder vergessen wurde. „Wir waren jeden Tag glücklich“, sagt Mario Jänicke mit gebrochener Stimme, „wir brauchten keinen Hochzeitstag, um uns daran zu erinnern.“

Das tut schon die Familie. Ob im privaten Kreis oder am Freitagabend beim Weihnachtssingen. Mut machend, Kraft spendend, Hoffnung gebend – oder wie es Mario Jänicke beschreibt: „Man muss einfach leben und das Schöne in der Welt finden.“ In einem Lichtermeer aus Kerzen zum Beispiel. Oder auch nur in einer einzelnen.