1. FC Union Berlin

Dirk Zingler: „Bundesliga? Nur mit neuem Stadion!“

Union-Präsident Zingler über die fehlende Erstligatauglichkeit der Alten Försterei und die Solidarität im deutschen Fußball.

Dirk Zingler ist seit 2004 Präsident des 1. FC Union. Er hat den Verein auf stabile Füße gestellt und will ihn in die Bundesliga führen

Dirk Zingler ist seit 2004 Präsident des 1. FC Union. Er hat den Verein auf stabile Füße gestellt und will ihn in die Bundesliga führen

Foto: imago sport / imago/Contrast

Berlin.  Für den 1. FC Union ging es in seiner Entwicklung seit der Rückkehr in die Zweite Liga 2009 stetig bergauf. Nun jedoch schlägt Union-Präsident Dirk Zingler Alarm, weil ausgerechnet das Herzstück des Vereins nicht bundesligatauglich ist: das Stadion an der Alten Försterei. Die Berliner Morgenpost sprach mit dem 52-jährigen Klubchef über die notwendige Erweiterung der Spielstätte, den milliardenschweren neuen Fernseh-Vertrag und Union im Jahr 2025.

Wann haben Sie sich zuletzt nach einem ausgezeichneten Rotwein umgesehen, Herr Zingler?

Dirk Zingler: Ich war unlängst in Lissabon, eine wunderschöne Stadt mit guten Rotweinen. Da habe ich auch einen gefunden.

Schließlich wollen Sie Trainer Carlo Ancelotti ja auch einen guten Tropfen anbieten, wenn er mit dem FC Bayern in der nächsten Saison in der Alten Försterei um Punkte spielt...

(lacht) Die letzte Rotwein-Einladung hatte ich an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit ausgesprochen. Im Anschluss gab es eine Phase, die für uns auch tatsächlich sehr erfolgreich war.

Neben dieser erfolgreichen Entwicklung des Vereins wird jetzt auch noch immer besser Fußball gespielt. Union hat sich nie mehr nach Bundesliga-Aufstieg angefühlt als derzeit, oder?

Wir haben vor zwei Jahren bewusst einen Bruch herbeigeführt, um einen nächsten Entwicklungsschritt einzuleiten. Ich bin ganz schön stolz auf die Mannschaft auf dem Rasen, aber auch auf die Mannschaft im Verein, weil uns dies gelungen ist. Wir haben strukturell und personell eine Menge verändert. Sportlich wurden wir Siebter und Sechster, trotz der Tragödie um Trainer Sascha Lewandowski (Suizid, d. Red.). Das zeigt, dass der Verein eine unglaubliche Stabilität erreicht hat, die für mich immer die Voraussetzung ist, um über den Begriff Bundesliga zu reden. Auf Zufälle können wir uns nicht verlassen Und ja, es fühlt sich gut an.

„Die Erweiterung des Stadions wird schneller kommen“

All dies wird auch durch das stetig steigende Interesse an Union dokumentiert. Das Stadion ist mit seinen gut 22.000 Plätzen im Heimbereich fast immer ausverkauft. Wie wollen Sie dem Ansturm weiter gerecht werden?

Die Erweiterung des Stadions wird schneller kommen, als wir es selbst geplant hatten. Wir haben vor einem Jahr eine Studie über den Standort Alte Försterei in Auftrag gegeben und sind vor nun schon einigen Wochen in eine konkrete Planung übergegangen. Auch weil sich die Lizenzbedingungen geändert haben. Ab dem 1.7.2017 brauchen Erstligastadien 8000 Sitzplätze, Zweitligastadien 4500. Wir haben abseits der Öffentlichkeit sehr vehement mit der Liga darüber diskutiert, weil wir das auch als starken Eingriff in unsere Marke sehen, wenn man uns vorschreiben möchte, wie wir Fußball in unserem Stadion veranstalten sollen. Erreicht haben wir zumindest einen Bestandsschutz für Zweitligastadien mit 3000 Sitzplätzen. Das heißt aber: Die Alte Försterei ist mit ihren 3617 Sitzplätzen ab 1.7.2017 nicht mehr für die Bundesliga zugelassen. Das wollen und werden wir verändern.

Da hat Union es doch leicht. Die fehlenden Sitze dürften ja schnell auf die Stehplatztraversen montiert sein.

Wir würden dann aber den Charakter des Stadions verändern und die Kapazität verringern. Ein Sitzplatz entspricht rund zwei Stehplätzen. Wir würden dann fast unter die Mindestkapazität von 15.000 sinken. Aber die Lizenzbedingungen sind nur ein Teilargument, am Ende geht es uns auch um die Weiterentwicklung unseres Vereins. Ich habe auf der letzten Mitgliederversammlung im Januar bereits gesagt, dass wir Menschen hinter unserer Idee von Fußball vereinen wollen. Das geht aber nur, wenn wir ihnen auch die Möglichkeit geben, Fußball bei Union zu erleben. In den vergangenen zwei Jahren blieben die Tickets bei Topspielen jedoch meistens den Mitgliedern vorbehalten. Jeder im Verein, und natürlich auch die Mannschaft, wünscht sich, dass Union einmal in der Bundesliga spielt. Nur: Wenn Bundesliga, dann auch an der Alten Försterei. Also ist es für mich nur konsequent und logisch, dass wir das Stadion auch in einen entsprechenden Zustand versetzen.

„Die Alte Försterei wird die Alte Försterei bleiben“

Wie groß wird das Stadion dann werden? Kolportiert werden 35.000 Plätze...

Die Größe und wie der Umbau vonstatten gehen soll, werden wir im Rahmen einer gesonderten Veranstaltung als erstes unseren Mitgliedern und Fans präsentieren. Gebaut wird während des Spielbetriebs. Aber die Alte Försterei wird die Alte Försterei bleiben, da werden wir das richtige Maß finden. Charakter geht vor Quantität.

Was sagen Sie all den Fans und Mitgliedern, die der Erweiterung ihres „Wohnzimmers“ kritisch gegenüberstehen und monieren, Union wolle nur mehr Einnahmen generieren?

Ich verstehe, dass Menschen sich unwohl fühlen, wenn Dinge sich verändern. Aber eine negative Veränderung des Vereins wäre viel wahrscheinlicher, wenn wir nicht mutig sind, uns weiterzuentwickeln und uns weiter zu öffnen. Wir verstecken uns ja auch nicht hinter den veränderten Lizenzbedingungen, die Machbarkeitsstudie hatten wir schon lange davor in Auftrag gegeben. Die Vergrößerung ist eine zukunftssichernde Notwendigkeit. Keiner kann wollen, dass wir nur noch als geschlossene Gesellschaft unsere Fußballspiele anschauen und unsere Kinder oder Freunde schon nicht mehr ins Stadion kommen. Die Veränderungen der vergangenen Jahre haben uns nur stabiler gemacht.

Eine Veränderung wird es ab kommende Saison in jedem Fall geben durch den neuen TV-Vertrag. Die 36 DFL-Klubs bekommen dann pro Spielzeit 1,2 Milliarden Euro. Union würde bei einem Aufstieg rund 40 Millionen Euro erhalten, der Gesamtetat würde sich auf mindestens 90 Millionen Euro verdreifachen. Doch am derzeitigen Verteilungsschlüssel wird nun gerüttelt. So soll die Zweite Liga statt bislang 20 Prozent nur noch maximal 142 Millionen Euro erhalten. Ist das für Sie nachvollziehbar?

Ich bin davon überzeugt, dass sich diese Meinung nicht durchsetzen wird. Ich glaube, dass der deutsche Fußball genug kluge Köpfe besitzt, die erkennen, dass der deutsche Klubfußball nur erfolgreich ist, wenn er solidarisch bleibt, wenn der Wettbewerb innerhalb des deutschen Fußballs vorhanden ist und nicht nur im internationalen Bereich. Unabhängig davon wissen wir, dass mehr Geld in den deutschen Fußball fließen wird, und ich hoffe, dass wir mit den neuen zur Verfügung stehenden Mitteln sinnvoll umgehen. Wenn es nur ein Durchreichen ist an die Spieler und deren Berater, dann wird der Fußball ja nicht besser.

„Team Marktwert hat den falschen Ansatz“

Wie solidarisch ist da das „Team Marktwert“, zu dem sich sechs sogenannte Traditionsvereine zusammengeschlossen haben, darunter auch Hertha BSC? Nach deren Konzept sollen bei der Verteilung der TV-Gelder nicht mehr nur sportliche Gründe, sondern auch Kennzahlen wie Fanbasis, Bekanntheit, TV-Reichweite oder Klicks auf Social-Media-Plattformen entscheiden.

Für mich ist das der falsche Ansatz. Ich glaube, dass die Medienpartner, die bereit sind, viel Geld für die nächsten vier Jahren auszugeben, die derzeitige Marktsituation und die derzeitige Leistung der Vereine bezahlen und nicht Leistungen, die fünf oder zehn Jahre zurückliegen. Wir sollten das sportliche Ergebnis und den sportlichen Wettbewerb immer in den Mittelpunkt stellen, nicht Regionen mit vielen Menschen, durch die Vereine Zugriff auf eine größere Fanbasis haben.

Das Stadion soll größer werden, das Nachwuchsleistungszentrum wird am Bruno-Bürgel-Weg neu gebaut, mehr als 13.000 Mitglieder, die Strukturen innerhalb des Vereins wurden schon vor einem Jahr verändert und professionalisiert - wie weit ist Union denn noch von den von Ihnen angestrebten Top 20 des deutschen Fußballs entfernt?

Wir sind ja schon seit vielen Jahren im Bereich der Top 25. Die Top 20 sind für mich ein Synonym für mutige Zielsetzungen, für mutiges tägliches Handeln. Am Ende geht es darum, dass Spieler, die zu Union kommen, wissen: Der Verein ist mit dem nicht zufrieden, was er bisher erreicht hat. Und die Mitarbeiter müssen wissen, dass wir uns in einem relativ harten Wettbewerbsumfeld bewegen. Da gilt es, mutig zu bleiben.

Legt man die Entwicklung zugrunde, die Union seit der Rückkehr in die Zweite Liga 2009 genommen hat - wo sehen Sie den Verein im Jahr 2025?

Den Endzustand des 1. FC Union kann und möchte ich gar nicht definieren. Ich wünsche mir, dass wir 2025 ein Verein in Berlin sind, der professionell Fußball spielt und in seinem eigenen Stadion den Menschen Freude bereitet. Ich mache das auch weiterhin nicht abhängig davon, ob wir die Nummer 19 oder 22 in Deutschland sind. Ich möchte, dass wir die Entwicklung der vergangenen Jahre konsequent weiter fortsetzen. Dann werden wir im Jahr 2025 ein verdammt geiler Klub sein.

Mit Ihnen als Präsident?

(überlegt) Wenn Union den Menschen Spaß macht, wird es mir auch Spaß machen.