Zweite Liga

Warum Union plötzlich ein Spitzenteam ist

Zweitligist Union überrascht als Zweiter. Die Morgenpost nennt die Gründe, warum der Traum von der Bundesliga realer denn je sind.

Ersatztorwart Daniel Mesenhöler, Damir Kreilach, Felix Kroos, Christopher Trimmel und Torwart Jakob Busk (v.l.) feiern Unions Sprung auf Platz zwei

Ersatztorwart Daniel Mesenhöler, Damir Kreilach, Felix Kroos, Christopher Trimmel und Torwart Jakob Busk (v.l.) feiern Unions Sprung auf Platz zwei

Foto: imago sport / imago/Matthias Koch

Berlin.  Dieser Schlagabtausch ist im Profifußball allgemein üblich. Während der Trainer der siegreichen Mannschaft alles daran setzt, nur nicht zu viel Euphorie aufkommen zu lassen, hebt der Coach des unterlegenen Teams die Leistung des Kontrahenten so hoch er kann.

Also sprach Jens Keller, Trainer des 1. FC Union, angesichts des Sprungs auf Platz zwei der Zweitliga-Tabelle nach dem 2:1 gegen St. Pauli von einer „Phase“, von der so oft zitierten „Momentaufnahme“. Ewald Lienen hatte sich zuvor nicht lumpen lassen. „Wir haben gegen eine momentane Spitzenmannschaft verloren, das muss man ganz klar sagen“, so der Coach des FC St. Pauli.

Union – eine Spitzenmannschaft? Die Zahlen sprechen schon eine eindeutige Sprache: Vier Siege in Folge, als einziges Team die englische Woche ohne Punktverluste überstanden, sechs Spiele nicht verloren, nur ein Gegentor in vier Partien, und den auch noch per Elfmeter. Die Morgenpost nennt drei weitere Grüne, warum Lienen recht hat mit seiner Einschätzung.

Anhaltendes Sturmhoch über Köpenick

Die Köpenicker stellen den besten Angriff der Liga (16 Tore wie Spitzenreiter Braunschweig). Das wirklich Erstaunliche ist jedoch, dass es derzeit fast egal zu sein scheint, wen Keller in vorderster Front aufbietet. Die Hiobsbotschaft, dass Collin Quaner, mit sechs Treffern immerhin der Führende der Zweitliga-Torjäger, für das St.-Pauli-Spiel ausfällt, entpuppte sich jedenfalls keineswegs als solche. Philipp Hosiner kam, sah und traf mit einer Selbstverständlichkeit, als sei er auch schon in den Partien zuvor auf Torejagd gegangen.

„Ich freue mich, dass ich der Mannschaft mit meinem Tor helfen konnte“, sagte der Österreicher zunächst pflichtbewusst. Ehe es dann doch aus ihm heraussprudelte: „Natürlich war es eine lange Leidenszeit für mich. Schließlich bin ich mit großen Ambitionen nach Berlin gekommen.“ Sekundenbruchteile vor seinen Worten hatte Hosiner die Augen geschlossen, als wollte er die Pause, hervorgerufen durch einen Muskelfaserriss nach dem Saisonauftakt in Bochum, auch innerlich komplett abhaken.

„So stellt man sich das Comeback vor. Und es zeichnet Top-Teams ja aus, dass nicht nur einer trifft, sondern mehrere“, erzählte der 27-Jährige, der derart hart an seiner Rückkehr gearbeitet hat, dass Coach Keller nur ein Wort dafür übrig hatte: „Professionell.“ Und Hosiner kann sich auch auf einen Einsatz am Freitag in Nürnberg freuen, Quaners Einsatz sei wegen seiner Muskelprobleme im Oberschenkel schon jetzt ausgeschlossen, so Keller. Und wenn Offensivpartner Steven Skrzybski (vier Tore) mal leer ausgeht, springt Kenny Prince Redondo in die Bresche. „Jeder weiß, was er zu tun hat“, sagte der 22-Jährige.

Klare Handschrift des Trainers

Ein neuer Trainer bedeutet oft auch ein neues taktisches Konzept. Doch nie war die Ausrichtung einer Union-Mannschaft auf dem Platz in den vergangenen Jahren deutlicher zu erkennen als nun unter Keller. Die Spieler fühlen sich im 4-3-3-System wohl und setzen die Vorgaben bereits nach sieben Spieltagen gut um.

Bei eigenem Ballbesitz schieben sich die Außenverteidiger Kristian Pedersen (links) und Christopher Trimmel weit nach vorn, um Überzahl im Mittelfeld zu schaffen. Stephan Fürstner, defensiver Mittelfeldspieler, lässt sich dann zwischen die Innenverteidiger Toni Leistner und Fabian Schönheim in eine Dreierkette zurückfallen.

Nach einem Ballverlust rücken die Außen wieder zurück, das Gegenpressing für den erneuten Ballgewinn wird jedoch schon weit in des Gegners Hälfte angesetzt, damit dieser gar nicht erst zur Entfaltung kommt. „Weil wir defensiv so gut stehen, sind wir immer für ein Tor gut“, sagte Felix Kroos. Unions Kapitän will den Ball aber weiter flach halten: „Wenn wir nach 20, 25 Spieltagen immer noch so gut dastehen, können wir uns gern als Spitzenmannschaft bezeichnen.“

Siege gegen die „kleinen“ Gegner

Karlsruhe (4:0), 1860 München (2:1), nun St. Pauli – das waren ja nur Siege gegen Teams, die sich bislang nicht als Spitzenteams entpuppten. Der Pessimist unkt: Wehe, wenn es gegen die Schwergewichte der Liga geht.

Der Realist stellt fest: Gerade Siege gegen „untere“ Mannschaften gingen Union vorige Saison immer wieder ab. Da wurde schon mal beim FSV Frankfurt (2:3), gegen Paderborn (0:2) oder in Duisburg (1:2) verloren.

Doch gerade die Erfolge gegen die sogenannten „Kleinen“ halten ein Spitzenteam im Aufstiegsrennen. Patzer gegen die direkten Konkurrenten leistet sich hingegen jeder einmal. Union ein Spitzenteam? Die vergangenen Wochen lassen nur eine zustimmende Antwort zu.