Fußball

Ein Duell zwischen Kult und Kommerz in der Alten Försterei

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Michael Färber

Foto: dpa Picture-Alliance / Britta Pedersen / picture alliance / ZB

Der 1. FC Union und der FC St. Pauli passen sich dem System immer weiter an. Doch es gibt noch Unterschiede. Spiel am Montagabend.

Berlin.  Um beide Vereine zu charakterisieren, bedarf es schon zweier Klub-Ikonen. Torsten Mattuschka wurde in seiner Zeit beim 1. FC Union nicht müde zu betonen, dass es an der Alten Försterei eben Container gebe und er eine Plauze trage, aber hängen lassen habe er sich nie. Getreu dem Motto: Es läuft nicht alles wunschgemäß, doch aufgegeben wird nicht.

Volker Ippig, einst Torwart beim FC St. Pauli, wurde zur Identifikationsfigur, weil er mithalf, in Nicaragua, das von den links gerichteten Sandinisten regiert wurde, ein Krankenhaus zu bauen. Außerdem wohnte er in der Hafenstraße, schon damals, in den 1980er-Jahren, ein Symbol der linken Szene Hamburgs. Und für den Widerstand gegen das System.

Mattuschka und Ippig, zwei Profis, die als Kultfiguren verehrt werden in jenen Klubs, denen selbst gern der Begriff Kult angeheftet wird. Doch ist Union gegen St. Pauli (Montag, 20.15 Uhr, Sport1) tatsächlich immer noch ein Duell zweier Kultklubs, deren Popularität sich einst vor allem aus jener Andersartigkeit gegenüber den Mitbewerbern manifestiert hat?

Zusammenarbeit mit Sponsoren unumgänglich

Im Milliardenspiel Profifußball, in dem sich mittlere bis große Wirtschaftsunternehmen gegenüberstehen, sind Union und St. Pauli zwei Vereine, die einem starken Wandel unterworfen sind. Um weiter Teil des Systems zu sein, ist ein solcher Wandel unumgänglich.

Unions Präsident Dirk Zingler zum Beispiel betrachtet seinen Verein schon seit Jahren auch als „Unternehmen in der Unterhaltungsbranche“. Dieses muss finanziert werden, was mit damals imagebildenden wie lizenzrettenden Aktionen wie „Bluten für Union“ oder „Saufen für St. Pauli“ nicht möglich ist.

So verlängerte St. Pauli gerade erst die Zusammenarbeit mit Hauptsponsor Congstar (Mobilfunk) bis 2019, geschätzte Einnahme jährlich: zwei Millionen Euro. Union präsentierte mit Müsli-Hersteller Layenberger einen neuen Hauptsponsor (Vertrag bis 2019), der Einnahmen im oberen sechsstelligen Bereich bringt.

Die Köpenicker wollten „den Schritt von einer regionalen zu einer nationalen Marke gehen“, hatte Zingler die Entscheidung für den neuen Sponsor erklärt. Weiteres Wachstum erwünscht.

Beide Klubs erreichen in einer Studie starke Werte

Es gilt, die eigene Marke zu stärken und den Bekanntheitsgrad zu steigern. Weg vom Underground-Gefühl vergangener Jahre, auch wenn etwa viele St.Pauli-Anhänger kritisieren, dass der Totenkopf, das Markenzeichen des Klubs, längst zu einem Lifestyle-Symbol verkommen sei.

In der aktuellen Fußballstudie der Technischen Universität Braunschweig liegen die Hamburger im Markenranking auf Platz vier, hinter Spitzenreiter Borussia Dortmund, dem FC Bayern und Mönchengladbach. Union belegt Rang 27 – und ist damit eine stärkere Marke als RB Leipzig (32.). St. Pauli (5.) und Union (6.) werden in dieser Studie außerdem als sehr sympathisch eingestuft, auch in Sachen Attraktivität liegen sie weit vorn (4. St. Pauli, 7. Union).

Und während die Hamburger Kiezkicker gerade eine Musikschule in ihrem Stadion eröffnen, freut sich Union auf den baldigen Bau seines Nachwuchsleistungszentrums am Bruno-Bürgel-Weg. Das Land Berlin stellt Union dafür ein Grundstück per Erbbaupachtrecht zur Verfügung, welches durch den Kauf weiterer Landflächen noch vergrößert werden soll.

Beide Klubs sind Energieversorger

„Für die Nachwuchsarbeit unseres Vereins eröffnen sich damit neue Perspektiven, von denen der gesamte Verein profitieren kann“, sagte Zingler. Sogar unter die Energieversorger sind beide Klubs inzwischen gegangen. Wer den „Eisernen Strom“ bezieht, spendet einen Cent pro Kilowattstunde an Union-Projekte. Mit dem „Kiez-Strom“ auf St. Pauli werden Kiez-Projekte gefördert.

Es sind vor allem Kooperationen jener Art, die gerade den alteingesessenen Fans gar nicht schmecken, jenen, die die schlechten Zeiten erlebt und durchlitten haben. Wo ist die Andersartigkeit, wenn der marode Charme eines dahinvegetierenden Stadions mit zugigen Tribünen, unzureichenden Sanitäranlagen und provisorischen Umkleidekabinen einer modernen Arena gewichen ist?

Wenn sich statt der üblichen Verdächtigen auf den Stehrängen plötzlich Prominente auf den Sitzplätzen verlustieren? Die Vereine sind salonfähig geworden. Und damit Teil des Systems, gegen das sich die ewig gestrige Fanklientel immer noch stellt.

Kleine Ideen für große Fanbindung

Doch vor den Kopf gestoßen werden soll niemand. Dafür wissen beide Klubs nur zu gut, was sie ihrem Anhang zu verdanken haben. So sind es die kleinen Dinge, mit denen die Klubs versuchen, das Gestern nicht völlig zu tilgen und sich zugleich von der Masse abzusetzen.

Der Vip-Bereich wird Schlosserei, Eisern Lounge (Union) oder Ballsaal (St. Pauli) genannt, die Logen befinden sich entweder in der Balletage (Union) oder heißen Séparées (St. Pauli). In der Alten Försterei wird trotz moderner Videowand der Spielstand auch weiter durch das Anzeigehäuschen dokumentiert, bei dem die Zahlentafeln von Hand ausgetauscht werden, am Millerntor läuft immer noch „Hells Bells“ der Rockband AC/DC, wenn die Mannschaften auflaufen.

Was in jedem Fall geblieben ist, das ist die Verbundenheit der Klubs mit ihren Stadtteilen. In Köpenick wird man kaum jemanden treffen, der nicht zumindest eine gewisse Sympathie für Union hat. St. Pauli ist immer noch jene Projektionsfläche, auf die sich so viele unterschiedliche Menschen beziehen können. Es war Volker Ippig, der vor einigen Jahren feststellte: „Das Gesamtkunstwerk FC St. Pauli lebt. Anders als zu meiner Zeit, aber es lebt.“ Gleiches lässt sich über Union sagen.