Weihnachtssingen

Vereint im größten Weihnachtschor beim 1. FC Union

Ein Hertha-Fan verrät, warum er sich auf das traditionelle Weihnachtssingen in der Alten Försterei des 1. FC Union freut.

Die Alte Försterei ist auch dieses Jahr Schauplatz des Weihnachtssingens

Die Alte Försterei ist auch dieses Jahr Schauplatz des Weihnachtssingens

Foto: Oliver Mehlis / picture alliance / dpa

Berlin.  Er wird wieder die S-Bahn benutzen. So wie es oft der Fall ist, wenn es zum Stadion geht. Nur etwas wird diesmal anders sein. Wenn die Stationen Warschauer Straße und Ostkreuz vorbeihuschen statt der gewohnten Messe Süd und Heerstraße, „dann ist das schon komisch“, sagt er. Komisch, aber nicht unangenehm, das lässt sich im Blitzen seiner Augen erkennen.

Es ist dem Anlass geschuldet, der ihn von Friedrichshain an das andere Ende der Stadt fahren lässt, nach Köpenick statt nach Westend. Das Weihnachtssingen zieht ihn und andere 28.500 Besucher alle Jahre wieder in den Bann, das Weihnachtssingen beim 1. FC Union in der Alten Försterei (19 Uhr) ist seit Wochen ausverkauft.

Henry Cieslarczyk, besitzt als „Sir Henry“ Bekanntheitsgrad in den sozialen Netzwerken der Fanszene. Henry Cieslarczyk also wird zum dritten Mal heute Abend auf der Tribüne stehen. Mit seinem Schal. In den Farben Blau und Weiß. Denn „Sir Henry“ ist Hertha-Fan, schon immer gewesen, obwohl der gebürtige Lichtenberger im Ostteil der Stadt groß geworden ist. Das zieht im rot-weißen Köpenick die Blicke auf sich, ohne Zweifel. Es dokumentiert aber auch wie kaum etwas anderes die Botschaft, die vom heiligen Abend, vom Weihnachtsfest und damit auch vom Weihnachtssingen ausgeht. Oder wie es die Engel in der Weihnachtsgeschichte verkünden: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Perfekte Einstimmung auf das Fest

„Das sind ja nicht nur hohle Worte“, findet der 43-Jährige: „Ich finde den 23. Dezember als Termin auch ganz cool. Man hat den großen Stress hinter sich, die Wohnung ist geputzt, der Tannenbaum ist geschmückt, und die Leute können entspannt zum Weihnachtssingen gehen.“ Nicht nur für den Berliner sind jene 90 Minuten die perfekte Einstimmung auf das Fest. „Weil die Vorweihnachtszeit ja doch nicht so stressfrei ist, wie man es gern hätte. Dann aber fällt alles ab“, erzählt der Hertha-Fan.

Vor vier Jahren ließ er sich das erste Mal einfangen von der einzigartigen Atmosphäre, den tausenden Kerzen, dem Weihnachtschor samt Bläserensemble und strahlenden Kinderaugen. „Das ging einher mit der Zeit, in der ich mich intensiver über Fußball informiert habe“, sagt der Angestellte einer IT-Firma. Jener Zeit, in der Blogs und Podcasts aus dem Boden der digitalen Welt schossen.

Und Henry Cieslarczyk, der selbst mit einem Freund zusammen einen Podcast unterhält (damenwahl-podcast.de), mehr erfuhr über diese 89 Mitglieder des Fanclubs „Alt-Unioner“, die einst im Jahr 2003 in einer Guerilla-Aktion den Zaun der alten Alten Försterei überwanden, um angesichts des drohenden Endes ihres Vereins ein letztes Weihnachten im Kreis der Union-Familie zu feiern.

Es gibt eine gemeinsame Bestimmung

„Falsche Richtung“, denkt Cieslarczyk immer noch, wenn die Bahn Ostkreuz passiert hat und sich weiter aufmacht in Richtung Köpenick. Er kennt das Gefühl, ist er doch auch gelegentlich bei Union-Heimspielen auf der Tribüne. Als Fan, der nicht im klassischen Lagerdenken gefangen ist, sondern auch über den Tellerrand hinaus blickt, keine allzu große Hürde.

Dann, im Stadion, beschleicht ihn jedoch immer wieder der Eindruck, „ich müsste mich abgrenzen. Ich gehöre ja nicht dazu, sondern bin nur Gast.“ Erst kurz vor Weihnachten verblasst dieser Gedankengang. „Beim Weihnachtssingen ist die Stimmung schon in der S-Bahn ganz anders. Es gibt eine gemeinsame Bestimmung, wodurch ich nicht ausgeschlossen bin.“ Oder er nicht das Gefühl hat, er müsse sich isolieren, schon gar nicht als gläubiger Christ.

Natürlich wird er staunend begutachtet, wenn er sich mit Hertha-Schal dem Stadion nähert, und noch mehr, wenn er seinen Platz auf der Tribüne gefunden hat. Blau ist eben anders als Rot. „Aber ich bin nie der Einzige in Blau-Weiß. Während des Singens und danach gibt es kein Lagerdenken, da sind alle ohnehin in festlicher Stimmung. Und darum geht es doch auch. Du triffst dich, stellst dich da mit Kerze hin, singst miteinander – das ist einfach wunderbar.“

Fußball und Kirche mit vergleichbaren Ritualen

Und nicht nur für ihn auch nachvollziehbar. Fußball und Kirche lägen gar nicht so weit auseinander, sagt er. Fußball „ist zwar nicht meine Religion, aber ich kann verstehen, warum es so wahrgenommen wird. Du hast ja im Fußball sehr vergleichbare Rituale, die es auch in der Kirche gibt. Es gibt einen festen Ablauf vor dem Spiel, ein Glaubensbekenntnis, das man zelebriert. Das ist fast schon religiös. Der einzige Unterschied: Der Gottesdienst geht immer gleich aus“, erklärt Cieslarczyk mit einem Schmunzeln.

Und er fügt hinzu: „Da an Heiligabend eher die Minderheit in die Kirche geht, möchte ich behaupten, dass dies für viele auch ein Ersatz für den Kirchgang ist.“ Pfarrer Peter Müller, der in alter Tradition die Weihnachtsgeschichte verlesen wird, freut sich jedenfalls so oder so.

Es sind Besucher wie „Sir Henry“, die dem Weihnachtssingen diesen Sinn geben, fernab von jedweder sportlicher Rivalität oder Fan-Unterschieden. Der besondere Weihnachtsmoment, „weil es eben nicht normal ist, sonst würde man sich ja woanders treffen. Aber dass man sich zum Singen im Stadion trifft – und Fußballfans können ja bekanntlich singen –, das gibt es nur beim Weihnachtssingen“, sagt er fast schon euphorisch. Es ist über die Jahre gewachsen und nicht einer Marketingidee entsprungen. Für Fans wie Henry Cieslarczyk ist das nicht unwichtig.

Vereint im Halbdunkel

„Ab der ersten Strophe ist das schön, und dank der Liederhefte sind alle sofort textsicher. Die Kapelle und der Chor unterstützen das auch gut. Und im Halbdunkel ist dann auch der Unterschied zwischen Rot und Blau in den Schals verschwunden.“

Es ist vielleicht der Moment, in dem die Bedeutung des Weihnachtssingens am hellsten erstrahlt. An einem Tag, an dem so vieles richtig läuft.