Zweite Liga

Unions Remis gegen St. Pauli fühlt sich nach mehr an

Benjamin Kessel sichert Union mit seinem Treffer in allerletzter Sekunde den Punktgewinn vor der Rekordkulisse von 22.012 Zuschauern.

Benjamin Kessel (Mitte) drückt den Ball zum 3:3 gegen St. Pauli über die Linie

Benjamin Kessel (Mitte) drückt den Ball zum 3:3 gegen St. Pauli über die Linie

Foto: imago/Matthias Koch

Berlin.  Wahnsinn. Nicht zu fassen. Einfach unglaublich. Wenn Tore in letzter Sekunde fallen, wenn erwachsene Männer wie Kinder ausgelassen auf dem Rasen hüpfen und diese Männer auch noch den Vereinsfarben Rot und Weiß zuzuordnen sind, dann hat der 1. FC Union gegen den FC St. Pauli gespielt und seinen Anhang zufrieden nach Hause geschickt. Die Mehrheit der Fans des Berliner Zweitligisten verließ die Alte Försterei nach dem 3:3 (2:1) jedenfalls mit einem Lächeln im Gesicht.

Das Remis vor der Rekordkulisse von 22.012 Zuschauern kommt wie ein gefühlter Sieg daher. Dank Benjamin Kessel, der in tatsächlich letzter Sekunde den Ball doch noch ins Tor der Gäste bugsierte. Schiedsrichter Robert Schröder (Hannover) pfiff die Partie nach der dritten Nachspielminute gar nicht erst wieder an. „Es war die letzte Aktion des Spiels, was soll ich da noch hinten als rechter Verteidiger rumturnen“, sagte Kessel, „und da von meinen Kopfbällen heute keiner reingehen wollte, musste ich ihn eben reinstochern.“

Waren es in den vergangenen Partien stets die Köpenicker gewesen, die in der Schlussphase noch einen entscheidenden Gegentreffer hinnehmen mussten, so stand ihnen diesmal Fortuna zur Seite. Trainer Sascha Lewandowski freute sich, „dass der letzte Eindruck des Spiels ein positiver ist“. Ja, Union durchströmten Glücksgefühle. „Wir haben gezeigt, dass die Mannschaft lebt, dass sie da ist“, wusste Maximilian Thiel fast schon nicht wohin mit seinen Emotionen. Thiel war nach auskuriertem Muskelfaserriss wieder dabei, Steven Skrzybski musste auf die Bank.

Lewandowski moniert geringes Tempo

Doch damit genug des Überschwangs, denn zu Euphorie gibt es trotz des Punktgewinns gegen ein Spitzenteam keinen Anlass. Der Zähler geht aufgrund der letzten gut 20 Minuten, in denen Union kämpfte, in Ordnung. Legt man die komplette Spielzeit zu Grunde, hätte St. Pauli diese Partie jedoch niemals abgeben dürfen.

Denn die Hamburger unterstrichen, warum sie in dieser Saison im Spitzenfeld der Liga zu finden sind. Klug verteidigend, als Union in der ersten Halbzeit zwar den Ball viel, aber auch ideenlos zirkulieren ließ. „Wenn ich so wenig Tempo habe, bekomme ich auch die Räume nicht frei“, monierte Coach Lewandowski. St. Pauli hingegen nutze gleich die erste Chance zur Führung durch Waldemar Sobota (22.).

Was dann geschah, beschrieb Gäste-Trainer Ewald Lienen als „einfach albern“. Unions Pausenführung kam praktisch aus dem Nichts. Weil Eroll Zejnullahu eine lange Flanke schlug, die unbehelligt von allen Spielern im Strafraum vorbei und unter gütiger Mithilfe von St. Paulis Torwart Robin Himmelmann einschlug (42.). Sekunden vor der Pause dann das 2:1, nachdem sich Michael Parensen den Ball an der Grundlinie erkämpft hatte und Thiel in der Mitte in Szene setzte (45.).

Endstation bei Gäste-Torwart Himmelmann

Nach dem Wechsel schaltete St. Pauli im Stile eines Spitzenteams einen Gang höher und war sofort gefährlich. Sebastian Maier traf zunächst den Pfosten (47.), ehe Marc Hornschuh mit einem Schuss aus dem Hinterhalt den Ausgleich erzielte (54.). Und nachdem Maier einen Freistoß erneut an den Pfosten gehämmert hatte (64.), kam der flinke Jeremy Dudziak im Fünfmeterraum frei zum Kopfball, 2:3 (72.).

„Mit unserem Führungstreffer hat sich Union befreien können“, fasste Lienen die Schlussphase zusammen. Erst jetzt war es ein Duell auf Augenhöhe. Auch weil Union-Trainer Sascha Lewandowski die Viererkette auflöste und auf 2-6-2 umstellte.

Hamburgs Keeper Himmelmann rückte nun mehr und mehr in den Vordergrund bei den Versuchen, seinen Patzer zum 1:1 wieder gutzumachen. Damir Kreilach scheiterte gleich zweimal am Schlussmann (67., 88.). Ein Thiel-Schuss wurde noch abgeblockt (78.), Bobby Wood köpfte gar aus fünf Metern über das Tor (80.). Dann kam Kessel, und der Wahnsinn in der Alten Försterei nahm seinen Lauf. Tanzende Männer inklusive.