Union Berlin

Sascha Lewandowski: „Meine Ungeduld steigt wegen der Fans“

Trainer Lewandowski spricht über die ersten Erfahrungen bei Union und den langen Weg zur Bundesliga. Er äußert sich auch zu Effenberg.

Die Fans im Rücken sind Motivation, aber auch Belastung für Unions Coach

Die Fans im Rücken sind Motivation, aber auch Belastung für Unions Coach

Foto: City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Berlin.  Seit sechs Wochen ist Sascha Lewandowski, 44, nun Cheftrainer beim 1. FC Union. Sechs Wochen, um die Lage zu analysieren und den Grundstein zu legen für einen Aufschwung beim Fußball-Zweitligisten. Vor dem Spiel am Sonnabend gegen den FC St. Pauli (13 Uhr, Alte Försterei) sprach Lewandowski über…


Seine Entscheidung für Union: „Ich hätte im Sommer weiter auf Angebote aus der Bundesliga warten können. Aber ich wollte wieder möglichst schnell raus auf den Platz. Auch den Stress, der sich daraus ergibt, den wollte ich einfach wieder haben. Und Abwarten, wenn ich etwas gerne möchte, ist nicht unbedingt meine Stärke. Zumal es eine unangenehme Situation ist, auf das Scheitern eines Trainerkollegen zu warten, auch wenn das zum Geschäft gehört. Also habe ich mich auch auf die Zweite Liga und das deutschsprachige Ausland konzentriert und gesagt: Wenn da ein interessanter Klub kommt, höre ich mir das an. Dabei habe ich mich ursprünglich schwer getan mit dem Profibereich, denn plötzlich bist du eine Person des öffentlichen Interesses. Und das ist nun gar nicht mein Antrieb.“


Seinen Vorgänger Norbert Düwel: „Ich habe ganz bewusst noch nicht mit ihm gesprochen, weil ich den Eindruck hatte, dass er auch erst ein wenig Abstand braucht. Es war auch nicht unbedingt notwendig, ihm – sagen wir es mal so – auf die Nerven zu gehen. Ich habe ja komplett alles übernommen, war der einzige Neue bei Union. Man merkt dem Kader schon an, dass er für eine andere Spielidee ausgelegt ist. Das ist jedoch in keinster Weise eine Kritik an meinem Vorgänger, die steht mir auch gar nicht zu. Zumal Norbert in der vergangenen Saison Siebter geworden ist, das ist eine gute Platzierung. Ich habe eine andere Spielidee, und das ist auch völlig normal. Auch wenn ich anders trainieren lasse, heißt das noch lange nicht, dass vorher alles falsch gewesen ist. Wenn man die Trainingszeiten aktuell betrachtet, kann man sogar sagen, er hatte den moderneren Ansatz, ich den unmoderneren. Ich glaube, dass man Dinge aus der Bundesliga transportieren muss, wenn man in der Zweiten Liga richtig erfolgreich sein will. Viel reagieren kann mir mal ein Spiel gewinnen und mich auch mal auf einen ordentlichen Tabellenplatz bringen, aber nie ganz nach oben.“


Den Beruf als Trainer: „Ich finde es schon gut und wichtig, wenn auch mal wieder der eine oder andere vom Kaliber eines Stefan Effenberg in der Trainergilde auftaucht wie jetzt in Paderborn. Früher war es ja so, wenn du nicht selber eine Profikarriere vorzuweisen hattest, dann bekamst du im Normalfall auch nicht diese Trainerjobs. Das hat sich gewandelt und war ein guter Schritt. Nur muss man schauen, dass es nicht ins Gegenteil ausschlägt. Inzwischen heißt es ja: Wenn du dich nicht über die Jugend hochgearbeitet hast, dann ist es auch schon wieder verkehrt. Du packst die Jungs sicherlich nicht, wenn du nur Geschichten von früher zu erzählen hast, sondern du musst schon etwas drauf haben. Aber wenn du diese Persönlichkeit warst, die auch alles gewonnen hat – das macht dann schon noch einmal den Unterschied. Ich habe das an der Seite von Sami Hyypiä – nebenbei gesagt: ein überragender Typ – in Leverkusen miterlebt.“


Die Qualität des Kaders:
„Spielerisch kommen wir weiter, aber wenn man die Punkte nimmt, haben wir totalen Stillstand. Nur: Ich habe in der jetzigen Phase lieber nur sechs Punkte und sehe dafür, dass sich etwas entwickelt, anstatt acht Punkte, bei denen ich mich fragen muss, wie die überhaupt zustande gekommen sind. Dennoch bin ich auch kein Fantast und weiß, dass all unser Tun darauf ausgerichtet ist, Ergebnisse abzuliefern. Für das, was wir mal erreichen wollen, müssen wir die Qualität unseres Spiels anheben. Im Moment glaube ich, dass wir sehr viel noch aus den eigenen Reihen hinbekommen. Ich sage: Gebt den Spielern Zeit, sich weiterzuentwickeln. Mein Anspruch ist: Ich möchte eine Mannschaft besser machen, aber auch jeden einzelnen Spieler. Wenn wir im Winter immer noch über die gleichen Probleme sprechen, dann müssen wir uns auch hinterfragen. Bis dahin wollen wir das vorhandene Potenzial stärken.“


Die Möglichkeit abzuschalten: „Das kann ich gar nicht. Sich jeden Tag zu fragen: Was machen wir heute, was haben wir für Lösungen, wie gehen wir mit dem einen oder anderen Spieler um, warum zeigen wir gleich diese Videosequenz und nicht die andere – du willst dann perfektionistisch arbeiten, und da habe ich Bock drauf. Das habe ich bei Union bislang auch jeden Tag hinbekommen. Der Spaß am Kerngeschäft ist da, da brauchst du kein Auftanken. Wenn ich nach Bochum zu meiner Freundin fahre, blende ich das jedoch total aus. Da versuche ich dann schon aufzutanken. Ich gehe auch häufiger ins Theater, in diesem Jahr bereits viermal, natürlich vor meiner Zeit bei Union. Und ich wäre verblüfft, wenn es in diesem Jahr nicht auch noch in Berlin klappen würde. Aber wenn ich gefragt werde, ob ich mit Union als letztem Gedanken abends ins Bett gehe, sage ich trotzdem ja.“


Die Union-Fans: „Da sind meine Erwartungen übertroffen worden. Dieses Fanleben habe ich schon so erwartet, nach allem, was man vorher gehört hat. Mich erstaunt aber der sachlich gute, dabei aber keineswegs unkritische Umgang mit der Materie Fußball. Dieses Wertschätzen, wenn Dinge entstehen, auch wenn es einmal nicht so läuft, finde ich schon sehr bemerkenswert. Das ist nicht immer ein Segen. Das merke ich an mir selber, ich bin ja ungeduldig und will hier Spiele gewinnen. Nur viel an Ergebnissen haben wir noch nicht geliefert. Wenn ich sehe, wie die Fans dann reagieren, ist das einerseits toll, andererseits steigt die Ungeduld, weil man den Leuten unbedingt etwas zurückgeben will.“


Seine Vision: „Es kling banal, aber bis zur Winterpause schauen wir von Spiel zu Spiel und noch nicht einmal das, sondern von Tag zu Tag. Aber man hat mich ja auch geholt, um an der Bundesliga anzuklopfen. Dies muss schon über allem stehen, sonst wäre ich nicht hier, auch wenn wir derzeit weit davon entfernt sind. Ich möchte in den 20 Monaten, in denen ich bei Union unter Vertrag stehe, aber schon sehen, dass es in diese Richtung geht. Was nicht heißt, dass du in den 20 Monaten auch aufsteigen musst.“