Zweite Liga

Neuhaus und sein verflixtes siebtes Jahr als Union-Trainer

Bei Union hängt nach den Enttäuschungen der vergangenen Wochen der Haussegen schief. Nie stand Trainer Neuhaus mehr unter Druck als derzeit. Eine Situation, die er auch selbst zu verantworten hat.

Foto: Daniel Karmann / pa/dpa

Gern gibt man sich familiär beim 1. FC Union. Als Hort der Harmonie, in dem der Berliner Fußball-Zweitligist sein Ding macht. Anders als mit dem üblichen Gebaren des Establishments in der Profibranche, aber mit Erfolg, wie der Aufschwung der Köpenicker Kicker in den vergangenen Jahren zeigt. Eine Wohlfühloase im Südosten der Hauptstadt. Nur mit dem Wohlfühlen ist es zum Ende der Spielzeit 2013/14 an der Alten Försterei vorbei.

Die Unzufriedenheit darüber, die Erwartungen nicht erfüllt zu haben, die man durch die guten Leistungen in der Hinrunde selbst geschürt hat, ist nicht zu übersehen. Sören Brandy, mit zehn Treffern hinter Torsten Mattuschka (elf Tore) bester Torschütze, brachte es nach dem 1:2 gegen Fast-Aufsteiger 1. FC Köln auf den Punkt: „Ich kann mit keiner Niederlage leben, das kotzt mich an.“

Mittendrin: Uwe Neuhaus, der Trainer. Seit 2007 ist er für die sportlichen Geschicke bei Union verantwortlich. Bislang war die Liaison zwischen dem Ruhrpott-Menschen Neuhaus und dem Traditionsklub eine einzige Erfolgsstory. Doch die vergangenen Wochen haben dafür gesorgt, dass ausgerechnet das siebte Trainerjahr des 54-Jährigen zum so oft zitierten verflixten wird.

Sehnsucht nach der Bundesliga

Zum ersten Mal seit seinem Einstieg bei Union, damals noch in der Regionalliga, spürt der Coach jenen Gegenwind, der nun einmal nicht ausbleibt, wenn die entsprechenden Resultate fehlen. Und sie bleiben seit Jahresbeginn in unschöner Regelmäßigkeit aus. Nur zwei Siege in elf Spielen, weniger haben nur die Abstiegskandidaten Arminia Bielefeld (1) und Dynamo Dresden (0). Insgesamt elf Punkte, genau so viele wie Schlusslicht Energie Cottbus. Sogar ein intensives Gespräch mit Klubchef Dirk Zingler soll es inzwischen gegeben haben.

Es ist schon erstaunlich. Ausgerechnet jetzt, wo Union erstmals bei der Kür – sprich: dem Versuch, in die Bundesliga aufzusteigen – gescheitert ist, gerät der Coach gleich richtig unter Druck. Eine solche Reaktion gab es vor drei Jahren nicht, als Union im Kampf um den Klassenerhalt lange Zeit sogar im Keller stand. Was auch zeigt, wie groß die Sehnsucht tatsächlich ist, einmal im Oberhaus spielen zu können.

Der Haussegen hängt schief. Und das hat auch etwas mit Uwe Neuhaus (Vertrag bis 2016) zu tun. Seit jeher ist der Trainer jemand, der Spieler nicht gleich aus der Startelf verbannt, nur weil sie einen Fehler gemacht haben. Kritiker werfen ihm sogar vor, oft zu lange an einem Spieler festzuhalten, anstatt ihm eine Auszeit zu gönnen. So geschehen in jenen Wochen, in denen Union mit den Verfolgern des Spitzenduos Köln und Fürth regelmäßig mitpatzte.

Änderungen erst nach dem Tiefpunkt in Sandhausen

Erst nach dem Tiefpunkt in Sandhausen (1:2), der alle Aufstiegsträume auf ein Minimum stutzte, tauschte Neuhaus nicht nur die Spieler aus, sondern änderte auch die Taktik, von zwei defensiven Mittelfeldspielern hin zur Mittelfeldraute mit nur einem Sechser. Doch der Negativtrend war da schon nicht mehr aufzuhalten.

Für Spieler wie Flügelflitzer Christopher Quiring oder Innenverteidiger Roberto Puncec, die lange auf ihre Chance haben warten müssen, keine einfache Situation. Lange wurden sie nicht berücksichtigt, nun sollten sie die Kastanien aus dem Feuer holen.

Der Schuss ging nach hinten los, zuletzt auch gegen Köln. Vor dem entscheidenden Freistoß ging Quiring zu ungestüm zu Werke. „Wenn der Gegner ohne Gefahr mit dem Ball vor unserem Tor ist, muss ich vorsichtiger sein“, kommentierte Neuhaus. Dass Quiring jedoch gerade jetzt in jeder Situation zeigen will, dass er zu Recht in die Mannschaft gehört, ist ebenso nachvollziehbar.

Spieler aus der zweiten Reihe sind verunsichert

Es ist diese Verunsicherung, ob man auch als Spieler aus der zweiten Reihe nach einem Fehler weiter berücksichtigt wird, die auch Puncec gegen Köln wieder zum Pechvogel hat werden lassen. Zuvor hatte er schon in Aue (2:3) einen Elfmeter verursacht. „Dass er besser verteidigen kann, wissen wir alle“, sagte Neuhaus: „Er ist für Mario Eggimann in die Mannschaft gekommen und meinte, sich keinen Fehler erlauben zu dürfen. Er will jeden Zweikampf mit dem ersten Ballkontakt für sich entscheiden. Er muss sich die Geduld, die man zum Verteidigen braucht, wieder aneignen. Wenn man im Strafraum ist, wo es gefährlich wird, dann muss ich geduldig bleiben und clever sein. Das fehlt Roberto im Moment.“

Der fehlenden Sicherheit auf der einen steht der wachsende Unmut auf der anderen Seite gegenüber. Dass Spieler wie Baris Özbek oder auch Adam Nemec seit längerem nicht mehr die Leistung abrufen wie in der Hinrunde, war unübersehbar. Sie gegen den Spitzenreiter zugunsten von Talenten wie Eroll Zejnullahu und Abdallah Gomaa komplett aus dem Kader zu streichen, wurde von den Betroffenen durchaus als Degradierung empfunden.

„Das hat nichts mit Denkzettel nichts zu tun“, sagte Neuhaus und erklärte: „Wir hatten in der Spielvorbereitung eine Trainingseinheit, in der es um eine Minute intensive Belastung ging. Um einfach zu simulieren, wie man Köln unter Druck setzt. Sich eine Minute auszupowern, davon wird man nicht müde, damit hat man heutzutage keine Schwierigkeiten mehr. Und da haben eben die einen mehr, die anderen weniger mitgemacht. Da kam das zum Tragen, was ich immer propagiere: Trainingsleistungen zählen.“ Die Spieler selbst schweigen dazu. Doch in ihren Gesichtern ist abzulesen, wie es in ihnen brodelt.

Im Restprogramm warten vier unbequeme Gegner

Noch verbleiben vier Spiele, und die Gegner sind mit dem Karlsruher SC (19.4.), dem 1. FC Kaiserslautern (28.4.), dem VfR Aalen (4.5.) und 1860 München (11.5.) nicht ohne. „Das Quäntchen Glück fehlt uns im Moment. Aber wenn wir so weiter arbeiten, werden wir es uns irgendwann wiederholen“, hofft der Übungsleiter auf ein versöhnliches Ende einer Saison, in der mehr möglich gewesen ist.

Damit aus dem verflixten siebten Jahr für Uwe Neuhaus bei Union nicht noch ein ungemütliches wird. Vielleicht wird die Alte Försterei dann auch wieder zu jener Wohlfühloase, von der man bei den Köpenickern so gern spricht.