Zweite Liga

Union-Spielmacher Kreilach kann den Krieg nicht vergessen

Der Kroate Damir Kreilach hat bei Union eine neue sportliche Heimat gefunden. Im Interview spricht der Mittelfeldspieler über die schwere Zeit als Flüchtling und warum er schon so gut deutsch spricht.

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Einen Spieler wie Damir Kreilach hatte der 1. FC Union vielleicht noch nie. Der Kroate lenkt das Spiel der Köpenicker aus dem defensiven Mittelfeld heraus mit einer solch souveränen Selbstverständlichkeit, dass es kaum zu glauben ist, dass der 24-Jährige erst seit diesem Sommer die rot-weißen Farben trägt. Sebastian Fiebrig sprach mit ihm über Vollkommenheit, die Nachwirkungen des Krieges in Kroatien und seinen großen Traum.

Berliner Morgenpost: Was ist für Sie Perfektion?

Damir Kreilach: Das ist eine schwere Frage. Ich möchte perfekt sein. Doch alleine bringt das im Fußball natürlich nichts. Da müssen in einer Mannschaft alle hundert Prozent geben. In jedem Moment. Dann können wir vielleicht zusammen Perfektion erreichen.

Ihr Trainer Uwe Neuhaus, der als kritischer Beobachter bekannt ist, lobt Sie als perfekten Profi. Er sagte über Sie, dass Sie eine unfassbare Einstellung zu ihrem Beruf hätten und noch keine Trainingseinheit mit nur 90 Prozent absolviert hätten.

Das freut mich. Allerdings versuche ich, immer weiter zu gehen. Diese Beurteilung ist ein erster Eindruck. Schön, aber nicht mehr.

Als Sie gefragt wurden, wann Sie Ihr erstes Interview auf deutsch geben werden, haben sie geantwortet: "In zwei Wochen." Und genau 14 Tage später Wort gehalten. Zufall oder gehen Sie so planvoll durch das Leben?

Ich habe für alles einen Plan. Und ich glaube, dass jede Person im Leben einen Plan haben sollte. Das ist wichtig für die eigene Entwicklung. Ich mag das persönlich sehr, weil es unglaublich hilft, immer weiter voranzukommen. Deshalb versuche ich zum Beispiel, schnell deutsch zu lernen. Das bringt mich als Fußballer schnell weiter, ist aber auch im Alltag in Berlin sehr wichtig. Auf dem Platz gibt es zehn Begriffe wie etwa: nach vorne, Druck, sicherer Pass, jetzt hinten. Das hat man zügig drauf und das ist für das Spiel unentbehrlich. Aber es ist eben auch wichtig, außerhalb des Spielfeldes sprechen zu können. In der Kabine zum Beispiel. Außerdem bin ich im defensiven Mittelfeld auf einer Position zwischen Abwehr und Angriffspielern. Da muss man auch besser reden können.

Und deshalb haben Sie sich Ihre Wohnung in der Nähe des Goethe-Instituts genommen?

Ja, zum Stadion fahre ich von Mitte aus auch nicht lange. Aber gerade im ersten Jahr wollte ich in der Nähe der Schule wohnen. Das ist im täglichen Ablauf so einfacher. Ich nehme in der Schule immer 90 Minuten Einzelunterricht und mache die Termine flexibel aus. Da ist es besser, wenn ich keinen weiten Weg dorthin habe. Aber ich kann mir vorstellen, nach Köpenick zu ziehen, wenn ich keinen Deutschkurs mehr benötige.

Stört es Sie, dass Sie sich auf deutsch noch nicht so perfekt ausdrücken können?

Ja, das ist wirklich unangenehm. Darüber mache ich mir aber nicht so viele Gedanken. Für mich ist im Moment wichtiger, dass ich verstehe, was gesagt wird. Und das klappt zu 80 Prozent gut, wenn langsam gesprochen wird. Bei Schnellsprechern sind es leider nur 20 Prozent. Aber das ist Stand jetzt und wird täglich besser. Am Anfang konnte ich nur guten Tag und auf Wiedersehen sagen. Da haben mir Adam Nemec und Roberto Puncec viel geholfen. Jetzt komme ich schon allein zurecht.

Nicht alles in Ihrem Leben lief nach Plan. Als Sie 1989 geboren wurden, brach Jugoslawien auseinander. Ihre Heimatstadt Vukovar wurde im November 1991 vollständig zerstört. Wie hat Ihre Familie den Krieg erlebt?

Das war sehr schwer für meine Familie. Ich war aber glücklicherweise so klein, dass ich davon nichts behalten habe. Das ist für mich sicher auch besser so. Als die serbische Armee in Vukovar einmarschierte, waren wir schon nach Vrpolje geflohen. Das ist etwa eineinhalb Stunden entfernt. Danach waren wir für drei Monate nach Linz und dann zu meiner Tante gezogen. Von 1994 lebten wir wie viele Kriegsflüchtlinge in Opatija an der Küste. Erst 2002 sind wir nach Rijeka gezogen. Nach Vukovar sind wir nicht zurückgekehrt.

Als Spieler haben Sie im Stadion auch an einer Gedenktafel für die Opfer der Tragödie von Vukovar eine Kerze entzündet.

Ja, der 18. November ist jedes Jahr ein Gedenktag. Für die Opfer des Krieges. Insgesamt ist das Thema aber nicht gut für Kroatien und Serbien. Ich bin der Meinung, dass wir nicht immer zurückschauen dürfen, sondern nach vorne blicken müssen. Der Krieg spielt immer noch eine große Rolle. Auch im Fußball. Vor kurzem haben beide Länder gegeneinander gespielt. Da gibt es viele Menschen, die dann dort die Probleme zwischen beiden Ländern auf das Spiel herunterbrechen. Ich befürchte, dass sich das leider nicht ändern wird. Das macht die Versöhnung sehr schwer. Dieser Nationalismus ist nichts Gutes.

Ihr Wechsel von Rijeka, Erstligist und im Europapokal, zum zweitklassigen 1. FC Union sieht von außen wie ein Karriereschritt zurück aus. Wie beurteilen Sie Ihren Wechsel nach Berlin?

Für mich ist das ein Schritt nach vorne. Nicht nur weil das die beste Zweite Liga der Welt ist. Wir spielen Woche für Woche gegen starke Gegner wie Köln, Kaiserslautern oder Düsseldorf. Das sind große Klubs. Ich sehe zwar noch jedes Spiel von Rijeka, und ich freue mich, weil die Europapokalteilnahme etwas Historisches für meinen Ex-Klub ist. Aber ich trauere nicht hinterher. Denn ich bin sehr gerne bei Union. Wir sind gerade auf einem guten Platz und die Atmosphäre mit den Fans ist hier wirklich etwas besonderes.

Sie wurden in Rijeka von den Fans mit einer Choreographie geehrt. Dort war zu lesen "Damir ist ein Idol für alle, Damir ist der Größte. Danke, Kapitän!" Brauchen Sie diese Zuneigung von den Anhängern?

Das hat mir viel bedeutet. Mein Idol ist Zinedine Zidane und es berührt mich, wenn Leute meinen, ich sei solch ein Vorbild für sie. Das ist bisher das größte, was mir in meiner Karriere passiert ist. Deshalb ist es mir persönlich sehr wichtig, dass die Atmosphäre im Stadion bei Union so besonders ist. Als wir das erste Heimspiel gegen Bochum verloren haben, wurden wir trotzdem zehn Minuten lang von den Fans gefeiert. Das ist wirklich einmalig.

Kommt die Nationalmannschaft in Ihrem Karriereplan vor? Das wäre doch perfekt.

Das ist mir sehr wichtig. Es ist einfach ein großer Traum, für die Nationalmannschaft zu spielen. Ich durfte das in den Junioren-Teams schon spüren. Aber wichtig ist, dass ich bei Union gut spiele und der Verein sich gut präsentiert. Dann falle ich schon auf. Und ganz ehrlich: Meine Konkurrenten in der Nationalmannschaft sind Luka Modric von Real Madrid und Mateo Kovacic von Inter Mailand. Da ist es wirklich sinnvoll, Schritt für Schritt zu gehen und realistisch zu bleiben.

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