Ost-Derby

Union-Kapitän Mattuschka fehlt gegen Dynamo

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Michael Färber

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Ausgerechnet im Spiel gegen Dresden darf der Mittelfeldspieler Torsten Mattuschka wegen einer Gelb-Rot-Sperre nur zuschauen. Neuzugang Tijani Belaid steht aber schon in den Startlöchern.

Die Szene wird jedem Fußballfan noch lebhaft im Gedächtnis sein. Über das halbe Spielfeld war Michael Ballack gesprintet, zurück in den eigenen Strafraum. Es lief die zweite Halbzeit des WM-Halbfinals 2002 gegen Südkorea, und Ballack wollte unbedingt den Traum vom Finale für die deutsche Nationalmannschaft aufrechterhalten. Und als es galt, Chun-Soo Lee, den Angreifer der Gastgeber, vor dem eigenen Strafraum zu stoppen, so tat Ballack dies im Dienste der Mannschaft. Dass er für seine Aktion die zweite Gelbe Karte erhielt und somit im Spiel der Spiele nur zuschauen durfte, machte aus Ballack, dessen Treffer zudem erst den Sprung ins Finale ermöglicht hatte, einen tragischen Helden.

Nun ist Paderborn sicherlich nicht Südkorea, und der 20. Spieltag der Saison 2011/12 ist mit der Wertigkeit des Halbfinales einer Weltmeisterschaft nicht gleichzusetzen, geschweige denn die kommende Partie gegen Dynamo Dresden mit der eines WM-Endspiels. Doch die Gefühlswelt, in der sich Torsten Mattuschka seit Freitagabend befindet, dürfte der von Ballack seinerzeit durchaus ähnlich sein. Der Kapitän des 1. FC Union hat eine Zwangspause vor sich, weil er beim 2:3 (1:1) des Berliner Fußball-Zweitligisten beim SC Paderborn von Schiedsrichter Robert Kempter mit zweimal Gelb, sprich Gelb-Rot, bedacht wurde. „Das ist natürlich bitter, dass wir verloren haben. Und jetzt kann ich auch noch im nächsten Spiel zuschauen“, sagte Mattuschka.

Es ist nicht irgendein Spiel, das der 31-Jährige am Sonnabend verpasst, es ist das Ost-Derby gegen Dresden, in der heimischen Alten Försterei, vor ausverkaufter Kulisse. „Gerade nach dem Hinspiel, wo wir richtig auf die Fresse gekriegt haben, wollen wir alle etwas gut machen, ich natürlich auch“, erklärte der Union-Spielführer, warum ihm dieses Duell so wichtig ist. Auf die Fresse gekriegt – das heißt in Zahlen 0:4. Eine Schmach, die in sechs Tagen getilgt werden soll. „Aber ich denke, die Jungs schaffen das auch ohne mich“, ist Mattuschka optimistisch.

Torschütze und Vorbereiter

Der Auftritt in Paderborn wäre ohne ihn allerdings nicht in dieser Form möglich gewesen. Nur noch wenig war zu sehen von der spielerischen Armut, die die Unioner noch während der Testspiele in den vergangenen Wochen offenbart hatten. „Ich muss der Truppe ein Kompliment machen, so wie wir gespielt haben, aggressiv und lauffreudig. Wir wollten Fußball spielen, haben uns nie aufgegeben, selbst nach dem 1:3 nicht“, sagte Mattuschka.

Unions Kapitän war dabei in vielen Szenen Dreh- und Angelpunkt des Spiels, brachte seine Mannschaft als Torschütze mit einem seiner markanten Freistöße wieder ins Spiel, schlug den herrlichen Pass mit dem Außenrist, mit dem er den Anschlusstreffer durch Silvio erst auf den Weg brachte. Und er war sich nicht zu schade, auch zu regelwidrigen Mitteln zu greifen, um Zeichen zu setzen. Kurz nach Wiederbeginn hielt er seinen Gegenspieler einfach kurz an der Schulter fest, um einen Konter zu unterbinden. Schließlich folgte das Allerweltsfoul gegen Jens Wemmer aus dem gleichen Grund – die beiden Gelben Karten. „Vielleicht muss ich da auch nicht so hingehen“, gab sich Mattuschka selbstkritisch. Doch er tat es, um Schlimmeres zu verhindern, ganz im Sinne der Mannschaft.

82 Einsätze in Liga zwei

Für Trainer Neuhaus stellt sich nun natürlich die Frage: Wer soll den Kapitän gegen Dresden ersetzen? Silvio wäre sicher eine Möglichkeit. Doch dass sich der Brasilianer in vorderster Front wohler fühlt, hat er gerade erst wieder in Paderborn bewiesen, nicht nur wegen seines sechsten Saisontores. Da trifft es sich gut, dass mit Tijani Belaid gerade ein offensiver Mittelfeldspieler verpflichtet wurde. 23 Minuten durfte der 24-Jährige schon ran. „Ich hatte ihn extra mit nach Paderborn genommen, auch um ihm das Gefühl zu geben, sofort mittendrin zu sein und auch die Atmosphäre in der Zweiten Liga mitzubekommen“, begründete Trainer Uwe Neuhaus seine Entscheidung: „In den ersten paar Minuten hat er schon gezeigt, dass er ein guter Fußballer ist.“

Technisch stark, auch bei ruhenden Bällen gefährlich – der Tunesier wäre durchaus ein geeigneter Kandidat, um Mattuschka zu ersetzen. Und wie immer, wenn ein neuer Spieler kommt, „erhofft man sich eine Qualitätssteigerung“, so Neuhaus. Sei es dahingehend, dass die Etablierten einen Gang zulegen, so wie Mattuschka gerade in Paderborn. Oder diese sogar ersetzen, vielleicht nicht morgen, aber in naher Zukunft. In jedem Fall galt es, nach mäßigen Auftritten in der Vorbereitung die Konkurrenzsituation zu erhöhen. Denn der Transfer von Belaid von Apoel Nikosia war nicht von langer Hand geplant, sondern „ist erst innerhalb von zwei, drei Tagen entstanden“, verriet Neuhaus am Sonnabend. Im ersten Schritt hat der Zugang jedenfalls schon ein wenig gefruchtet, siehe Mattuschkas Leistung.

Dass Unions Rekord-Zweitligaspieler (82 Einsätze wie Sreto Ristic) nun gegen Dresden eventuell mit ansehen muss, wie sich „der Neue“ für weitere Einsätze auf seiner Position empfiehlt, macht die Sperre nicht erträglicher. Mattuschkas Ansage nach dem Paderborn-Spiel gilt somit nicht nur für das gesamte Team, sondern vor allem auch für ihn persönlich: „Wir werden auch wieder aufstehen, so wie immer.“ So wie es auch Ballack dereinst getan hat.